Gebt endlich den Hanf frei!

18.11.2016
"Der Einsatz von Hanf bei der Wärmedämmung ist richtungsweisend": BBU-Vorstand Maren Kern beim Tag der offenen Tür bei der berliner Wohnungsgenossenschaft "Märkische Scholle". FOTO: Märk.Scholle

Die Berliner Wohnungsgenossenschaft Märkische Scholle testet Hanf als Dämmstoff in einem Projekt zur energetischen Sanierung eines rund 80 Jahre alten Quartiers.

Die Wohnungsgenossenschaft Märkische Scholle gab im Rahmen eines Tages der offenen Tür im Juli 2016 in ihrem Quartier Gartenstadt Lichterfelde Süd den Startschuss für ein in der Region Berlin-Brandenburg bislang einzigartiges Pilotprojekt, bei dem der natürliche Dämmstoff Hanf im Mittelpunkt steht.

Das Forschungsprojekt rund um die bei Rauchern und in der Medizin so begehrte Rausch- und Heilpflanze ist eingebettet in ein seit 2014 laufendes Modernisierungsprojekt in der Gartenstadt. Dabei werden über mehrere Jahre hinweg insgesamt 860 Wohnungen in mehreren Gebäuden aus den 1930er-Jahren haustechnisch so ausgerüstet, dass der Wärmebedarf weitgehend aus Umweltwärme, also regenerativ gedeckt werden kann.

Hanf-Dämmung erstmals im Test
Im Zuge dieser umfangreichen Modernisierung realisieren die Märkische Scholle eG, das Planungsbüro eZeit Ingenieure und der Dämmstoffhersteller Caparol besagtes Pilotprojekt, um aussagekräftige Daten zur Effizienz von Fassadendämmung zu sammeln. Schließlich hat die aktuelle Diskussion rund um die Sinnhaftigkeit des gemäß EnEV erforderlichen Einsatzes von Dämmstoffen eine höchst politische Dimension.

An den Außenwänden von fünf baugleichen Gebäuden werden Wärmedämm-Verbundsysteme angebracht, die theoretisch alle die gleichen Dämmwerte aufweisen. Jedoch bestehen die Dämmstoffe aus unterschiedlichen Materialien: EPS-Hartschaum, Mineralwolle, Holzweichfaser und Hanf. Im Rahmen des Projektes werden die Eigenschaften der Außenwände permanent gemessen und einer vergleichenden Analyse unterzogen. Hierzu ist eine Kooperation mit der Beuth-Hochschule geplant.

Hanf kommt erstmals als Dämmstoff zum Einsatz, ein natürlicher Dämmstoff, der in allen wesentlichen Punkten die Note „sehr gut“ aufweist, so Andreas Kamp, Leiter Marketing/ Produktmanager Fassadendämmtechnik der Firma Caparol. Hanf besitze nicht nur alle erforderlichen Dämmeigenschaften gegen Kälte, Hitze und Schall, sondern weise zudem eine exzellente Ökobilanz auf und sei regional verfügbar.

Jochen Icken, technischer Vorstand der Märkischen Scholle: „Als eines der ersten Unternehmen testen wir Hanf als Fassadendämmung im Geschosswohnungsbau; wir möchten gern neue Wege gehen. Als Bauherr sind wir nicht grundsätzlich gegen Dämmung, jedoch sollte diese unter Beachtung ökologischer und ökonomischer Aspekte erfolgen. Wir sehen uns daher in der Pflicht zu fragen, ob es wirklich notwendig ist, in der vom Gesetzgeber geforderten Weise zu dämmen.“ Eine vergleichende Analyse könne wertvolle Denkanstöße bieten.

Während der vergleichenden Analyse der fünf unterschiedlichen Dämmstoffe werden unter anderem die Oberflächentemperaturen und der Feuchtigkeitsverlauf in den Konstruktionen im Sommer und im Winter gemessen. Das Ziel sei eine optimale Abstimmung von Gebäudehülle und Haustechnik, um echte Energieeffizienz unter Beachtung des Faktors graue Energie zu erreichen.

EnEV versus graue Energie
Der Geschäftsführer des federführenden Planungsbüros eZeit Ingenieure, Taco Holthuizen, kritisierte in der Vergangenheit öffentlich immer wieder, dass die Energieeinsparverordnung die sogenannte graue Energie in der Ökobilanz unberücksichtigt lasse; also jenen Teil von Energie und CO2-Emissionen, die im Zusammenhang mit der Produktion des Dämmmaterials stehen. Holthuizen erneuerte seine Kritik als Redner beim Auftakt des Hanfprojektes: „Die bereits modernisierten Gebäude in Lichterfelde Süd zeigen: Ab einer Dämmstärke von 8 cm sind alle Behaglichkeitskriterien erfüllt, die EnEV fordert, aber im Minimum 12 cm Dämmung.“ Bei einer Dämmstärke von 10 bis 12 cm sei das alte Gebäude so gut vor Wärmeverlusten geschützt, dass bereits der gesamte Energiebedarf zur Gebäudetemperierung mit der richtigen Technik regenerativ erzeugt werden könne.

Obwohl also wenige Zentimeter Dämmung physikalisch ausreichend seien, gewähre die KfW-Bank Fördergeld nur dann, wenn die Dämmschichten wesentlich stärker seien. Um an Fördermittel zu kommen, habe auch die Märkische Scholle mehr Dämmmaterial als notwendig an die sanierten Gebäude gebracht. Dieses Mehr an Dämmung führe zu einem erhöhten Verbrauch an grauer Energie und mehr CO2-Emissionen, ohne eine vertretbare Einsparung von Primärenergie und CO2 bei der Gebäudetemperierung zu bewirken.

Autoren: Dirk Lausch (Märkische Scholle)/ Thomas Engelbrecht

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aus: IVV Ausgabe 09/2016

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