Kosteneffizienz in zentralen Netzen

Der Fernwärmemarkt ist ein Monopoly

April 2017
Das Kraftwerk Klingenberg Berlin-Rummelsburg ist das Rückrat der Wärmeversorgung für den Ostteil Berlins. FOTO: dpa/Euroluftbild.de.

Fast fünf Millionen private Haushalte, vorwiegend in Städten, sind an Fernwärmenetze angeschlossen. Die Versorger müssen umdenken, wenn die Energiewende gelingen soll. Wo liegen die größten Probleme? Und: Welche Lösungen sind machbar und kostengünstig?

Die Bundesregierung verfolgt im Zuge der Energiewende auch Pläne, die Fernwärmenetze auszubauen. Deshalb kann die Bedeutung des Sektors Fernwärme im künftigen Energiemix für die Versorgung des Wohnungsbestands sogar steigen. Viel ist aktuell von dezentralen Lösungen die Rede, wenn es um Energiesparen im Bestand der Wohnungsunternehmen
geht. Fernwärme scheint eine untergeordnete Rolle zu spielen. Denn die Versorgungsstrukturen sind eingefahren. Monopolähnlich versorgt oft ein städtisches oder privates Energieunternehmen große Quartiere. Transparenz ist kaum gegeben.

Fernwärme ist billiger als Öl-, aber teurer als Gas-Zentralheizungen für MFH

Kürzlich untersuchte die Verbraucherzentrale Hamburg bundesweit in einer Studie, weshalb viele Mieter mit dem Fernwärmebezug unzufrieden sind. Nicht überraschend ist, dass es Verbrauchern zunächst wenig um die moderne (oder veraltete) Versorgungsleitung geht, sondern um den Preis, den sie oft für überhöht halten. Dieser Preis des Lieferanten der Fernwärme teilt sich in Grund- und Arbeitspreiskomponenten, wobei seit Jahren der Anteil des Grundpreises steigt. Dieser Preis ist eine fixe, vom Nutzer, dem Mieter, nicht zu beeinflussende Größe.

Vermieter beklagen lange Vertragslaufzeiten

Der Vollkostenvergleich mit anderen Heizarten zeigt: Fernwärme ist billiger als Öl-, aber teurer als Gas-Zentralheizungen für Mehrfamilienhäuser. Die Mieter finden, als betroffene
Verbraucher, dass ihr Vermieter wenig Interesse an der Kostenposition Heizen hat, weil er diese Betriebskosten komplett auf die Mieter umlegt. Wohnungsunternehmen sind aber durchaus sensibilisiert für die Probleme der Mieter und beklagen die langen Vertragslaufzeiten, die ihnen die Versorger auferlegen. Zehn Jahre wären die Regel, aber meist werden 15 bis 20 Jahre gewählt, wobei Preisanpassungen nach unten lange ausbleiben oder nie erfolgen.

Recht auf Senkung der Anschlusswerte gibt es nicht

Aktuelle Extremfälle gibt es sogar nach energetischen Gebäudesanierungen. Manche Versorger sind dann nicht bereit, die Anschlusswerte anzupassen. In Berlin und
Hamburg klappt es meist gut, aber in anderen Bundesländern wird dafür oft die Zahlung hoher Gebühren gefordert. Beispiel Braunschweig: Die Senkung des Anschlusswertes,
so ein städtischer Versorger, „rechne sich nicht“ – der Wert sollte nach der Sanierung sogar heraufgesetzt werden. Es gibt kein verbindliches Recht, das es Mietern nach energetischen Aufwertungen der Gebäude erlaubt, vom Versorger die Senkung der Anschlusswerte zu verlangen.

Erstens, Vertragspartner ist der Vermieter. Zweitens, städtische Versorger und Wohnungsunternehmen werden, manchmal sogar in Personalunion, von Mitgliedern der
Landesregierungen oder Stadtverwaltungen geführt (auch von „Ehemaligen“). Hier fragen sich dann Mieter, worin das Interesse der Verwaltung besteht: Energie einzusparen
oder Gewinne des städtischen Versorgungsunternehmens zu erhöhen? Beides, müsste die Antwort lauten – denn hier prallen Interessengegensätze aufeinander.

Mieter haben kein Recht auf Transparenz

Das Monopol des Versorgers bedeutet heutzutage bei der Fernwärme: Mieter haben keinerlei Rechte auf Transparenz und Kontrolle der Preise, die ihnen berechnet werden. Die Lage ist noch schlechter als auf dem Gas- oder Strommarkt. Die Verbraucherzentrale Hamburg verlangt deshalb von der Politik, dass Pflichten zur Preissenkung in die Verträge aufzunehmen sind. Außerdem muss es eine Genehmigungspflicht von Fernwärmepreisen und Preiserhöhungen geben. Das alles wäre in diesem Sektor „Neuland“.

Die Frage steht im Raum, wie die Energiewende, und besonders der zunehmende Einsatz von erneuerbaren Energien, bei der Versorgung mit Fernwärme vorankommen soll. Forschungsprojekte der Stadtwerke München und der Hochschule für angewandte Wissenschaften, Studiengang Energie- und Gebäudetechnik, München, beschäftigen sich mit optimierten Niedertemperatur-Systemen an Fernwärmeübergabestationen.

Das sind die Punkte, von denen aus der Versorger über Leitungsnetze die Fernwärme in die Wohnungsbestände verteilt. Bei zunehmendem Einsatz erneuerbarer Energien, so die Forscher, können die Einspeisetemperaturen abgesenkt werden. Der energetische Aufwand und die Energieverluste im Fernwärmenetz sinken. Noch wichtiger sind aber die Rücklauftemperaturen, die allerdings von den Nutzern – den Mietern – abhängig sind. Hier sollen Monitoring-Systeme den Überblick verschaffen, wer die Viel- und die Niedrigverbraucher sind, wo die Versorgungsspitzen liegen und welche Möglichkeiten bestehen, die Rücklauftemperaturen im Netz herunter zu drücken.

Tatsache ist, dass zahlreiche Energieversorger die Übergabestationen modernisieren werden. Der politische Druck besteht. Doch Tatsache ist auch, dass es hier bisher nur Insellösungen gibt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat 2016 in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung neue Förderinitiativen beschlossen. Mit Blick auf die „energieeffiziente Stadt“ sollen weitere Insellösungen gefördert werden, die Weichen für die Gestaltung des künftigen Energiesystems stellen. Der Investor – die Stadtwerke – wird finanziell unterstützt und ebenso Hochschulen oder Forschungseinrichtungen, die sich einbringen, etwa in die Organisation des Monitoring. Das Ziel der Politik bleibt bestehen – auch bei der Fernwärme: Bis 2050 soll nur noch die Hälfte des Primärenergieverbrauchs von 2008 nötig sein.

Suchbegriffe: EnergieversorgungFernwärme

« zurück

Weitere Artikel