Regenwasser-Management

Stadtquartiere kühlen durch Verdunstung

Januar 2018
Europaviertel West in Frankfurt am Main: Dieser neue Stadtteil erhielt im Jahr 2012 die Auszeichnung in Gold für nachhaltiges Bauen. Das Regenwasser von Verkehrsflächen versickert und verdunstet in bewachsenen Mulden. FOTO: K.W. KOENIG

Sommerliche Hitzestaus und Staub zählen zu den Stressfaktoren im urbanen Alltag. Durch eine intensive Regenwasserbewirtschaftung ließen sich unsere Städte kühlen und die Quartiere grüner machen.

Die Immobilien der Zukunft werden mit Photovoltaik und Anlagen zur Regen­wasserbewirtschaftung ausgerüstet sein. Maßgeschneiderte Kombinationen aus Verdunstung, Nutzung und Versicke­rung machen es selbst in Citylage möglich, Niederschlagswasser zu 100 Prozent zu be­wirtschaften. Das spart Ableitungsgebühr und verbessert das Mikroklima im Gebäu­deumfeld. Dabei kann zusätzlich noch die Effizienz von Photovoltaikanlagen gesteigert werden, wenn Solar-Gründächer in Trocken­perioden mit dem gespeicherten Regen be­wässert werden.

Die Städte leiden mitt­lerweile unter Hitze und Trockenheit, wo Wasser und Begrünung weichen mussten. Der Klimawandel wird diesen Effekt noch verstärken.

Regenwasser als Faktor der Immobilien­bewirtschaftung

Um Abhilfe zu schaffen muss Regenwasser künftig länger in der Stadt bleiben und ge­fahrlos durch die Methoden der Regenwas­serbewirtschaftung mit den Aspekten Um­weltschutz, Lebensqualität, Stadtklima und Überflutungsschutz verknüpft werden. Das funktioniert am besten dezentral, also auf den Grundstücken und Gebäudedächern. Darin sind sich Politik und Wissenschaft einig. Als neue Aufgabe beschäftigt das Thema mittlerweile Stadt- und Regionalpla­ner, auch europa- und weltweit. Unsere Lo­kalpolitik agiert und reagiert ebenfalls mit dem Ergebnis, dass sich in Deutschland Haus- und Grundbesitzer mit kommunalen Maßnahmen konfrontiert sehen:

Bei Neubau hängt die Baugenehmigung von geeigneten Methoden zur Regenwas­serbewirtschaftung ab. Einleiten von Re­genwasser in Mischkanäle, auch bei Um­bau im Bestand, ist in der Regel nicht mehr erlaubt.

Best Practice: Kommunale Grün­dachstrategie, Hamburg

Solar-Gründächer liefern mehr Strom, wenn die Umgebungsluft der Solarpa­neele vom Kühleffekt der Regenwasser­verdunstung aus dem Substrat und den Pflanzen profitiert. Kommunale Grün­dachstrategie nennt sich ein entspre­chendes Programm der Stadt Hamburg.

  • Hitze und trockene Luft – beides kann krank machen – werden spürbar verbes­sert, wenn begrünte und andere Dachflä­chen an trockenen Tagen befeuchtet wer­den. Das technische Regelwerk und Sat­zungen werden hier eingreifen.
  • Bei bestehenden Gebäuden geben die ständig steigenden Niederschlagsgebüh­ren Anlass, über eine alternative Regen­entwässerung nachzudenken.

Dem Regenwasser „neue Wege“ anzubie­ten ist seit 25 Jahren Thema in Deutsch­land. Eine klare, bundesweit geltende ge­setzliche Grundlage gibt es erst seit einigen Jahren. Das Wasserhaushaltsgesetz (WHG 2009) ist am 1. März 2010 in Kraft getre­ten. In § 55 Absatz 2 wird u. a. gefordert, das Niederschlagswasser nicht mehr mit Schmutzwasser zu vermischen, sondern ortsnah in Grundwasser oder Oberflächen­gewässer einzuleiten.

Gebäude- und Stadtteil-Zertifizierung

Wo Investoren große Immobilien und Stadt­quartiere finanzieren, wird immer häufiger gewünscht, das Projekt auf Nachhaltigkeit zertifizieren zu lassen und so den Verkaufs­wert für Jahrzehnte hochzuhalten. Dafür sind Lösungen im Umgang mit Regenwas­ser von Vorteil. International anwendbar und für Deutschland von Bedeutung sind das britische BREEAM-, das amerikanische LEED- und das deutsche DGNB-Label. Ihnen gemeinsam sind die Bewertung nach Punkten und die Auszeichnung in mehreren Qualitätsstufen.

Bild: Lageplan einer Wohnanlage in Mannheim-Lanzgarten mit begrüntem Innenhof: Teilweise begrünte Dächer, offene Wasserflächen und intensive Begrünung auf der Tiefgaragen­decke optimieren die Verdunstungsrate der Immobilie. Im Sinne der neuen Regelwerke sind 60 bis 70 Prozent des Jahresniederschlags denkbar. Quelle: ZinCo

In Deutschland profiliert sich die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V. (DGNB) seit einigen Jahren auch für ganze Quartiere. Deren erster zertifizierter Stadt­teil war das Europaviertel West in Frankfurt. Er erhielt im Jahr 2012 die Auszeichnung in Gold für nachhaltiges Bauen. Bausteine der Regenwasserbewirtschaftung sind Gründä­cher, Grünanlagen, offene Wasserflächen, WC-Spülung und Gartenbewässerung. Da­durch kann, je nach Maßnahme, Regenwas­ser verdunstet oder versickert werden. Dies kommt dem lokalen Wasserkreislauf und dem Stadtklima gleichermaßen zugute. Ein weiterer Effekt ist die Einsparung von Trink­wasser. Die Nutzer der Immobilie sparen so Gebühren.

Weiterlesen:

► Die Pflicht, Regenwasser ab 2019 zu verdunsten
► Verdunstung bindet physikalisch viel Wärme
► Gebühren sparen und Strom gewinnen

Autor: Dipl.-Ing. Klaus W. König, Fachjournalist

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