Zuwanderung als Chance

August 2016
Cem Özdemi, Vorsitzender der Grünen sprach auf den 11. Bielefelder Stadtentwicklungstagen. FOTO: Bielefeld Marketing GmbH/S.FREITAG

Die Integration von Flüchtlingen muss trotz Feindseligkeiten und Ängsten gelingen. Eingliederung braucht Steuerung und Kontrolle, ansonsten bekommen Ablehnung und Angst neue Nahrung. Ein Kongress gab Einblicke in den Quartiers-Alltag.

Wie können Städte die großen Herausforderungen, die mit der aktuellen Flüchtlingsthematik verbunden sind, meistern? Was muss getan werden, um die geflüchteten Menschen nicht nur unterzubringen, sondern in unsere Gesellschaft zu integrieren? Diese Fragen standen Anfang Juni im Mittelpunkt der 11. Bielefelder Stadtentwicklungstage. Der zweitägige Kongress, der von der BGW (Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft mbH), der Stadt Bielefeld und der Wohnungswirtschaft Ostwestfalen-Lippe veranstaltet wurde, stand unter dem Motto „Schmelztiegel Stadt – Zuwanderung als Chance.“

Demokratiefeindlichkeit spürbar
Auf die Ursachen zunehmend rassistischer und rechtsextremistischer Einstellungen ging der renommierte Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Prof. Dr. Andreas Zick ein. „In Stadtgesellschaften ist immer ein gewisses Vorurteilsreservoir vorhanden. Aktuell kommen Aspekte wie Demokratiemisstrauen und Elitenschelte, Wut und Hass, Nationalismus und EU-Abneigung hinzu“, betonte er. Kritik an der Demokratie gehe stets mit Menschenfeindlichkeit einher, und das Beharren auf den Vorrechten der bereits Etablierten nehme stark zu. „Weit verbreitet ist die Ansicht: Wer schon immer in diesem Land lebt, soll es besser haben. Und wer neu zu uns kommt, muss sich mit weniger zufrieden geben“, so Zick. Dennoch ist nach seinen Worten Zuwanderung nicht nur eine Chance, sondern birgt ein großes Potenzial, von der die gesamte Gesellschaft profitieren kann. Damit dies gelingt, sei es erforderlich, integrative Räume zu schaffen, die Sicherheit und Kontrolle bieten sowie Vertrauen und Zugehörigkeit ermöglichen.

GAG Köln: 10 Prozent für Flüchtlinge
Wie Integration in bestehende Städte in der Praxis erfolgen kann, machte im Rahmen des Kongresses einer von fünf Workshops an zwei Beispielen aus Nordrhein-Westfalen deutlich. So kooperiert das Kölner Wohnungsunternehmen GAG Immobilien AG, mit 43.000 Wohnungen größter Anbieter in der Rhein-Metropole, bei der Unterbringung von Flüchtlingen eng mit der Stadt Köln. Jährlich stellt die GAG 250 Wohnungen ausschließlich für Flüchtlinge zur Verfügung und räumt dieser Zielgruppe auch beim Neubau eine hohe Bedeutung zu. „Wir errichten mindestens 10 Prozent des geförderten Wohnungsbaus für geflüchtete Menschen“, erläuterte Jochen Mauel, Leiter der Abteilung Immobilienwirtschaft.

Integration durch Beteiligung
Ein ganz anderer Ansatz ist in Duisburg-Marxloh verfolgt worden. „Hier ist es durch die starke Einbeziehung von Migranten gelungen, einen in Verruf geratenen Stadtteil wieder nach vorn zu bringen“, sagte Ercan Idic von der Entwicklungsgesellschaft Duisburg GmbH. Um die Beschäftigungs- und Versorgungssituation in Marxloh zu verbessern, Abwanderungen zu stoppen und die Identífikation mit dem Quartier zu stärken, ist seit 1996 eine Vielzahl von Maßnahmen gestartet worden. Neben der Mobilisierung von Gewerbeflächen bildet die umfassende Beratung von Gewerbetreibenden mit Migrationshintergrund den Schwerpunkt des Programms. Sie erhalten beispielsweise Hinweise auf Fördermöglichkeiten und Unterstützung bei Existenzgründungen. Gemeinsam mit den vor allem türkischstämmigen Geschäftsleuten wurden Konzepte zur Wiederbelebung von Einkaufsstraßen erarbeitet, die einen hohen Ladenleerstand aufwiesen. „Heute haben wir nahezu Vollvermietung. Im Stadtteil existieren allein 70 Geschäfte für Braut- und Abendmode, deren Kunden aus der gesamten Region und sogar aus dem benachbarten Ausland nach Marxloh kommen“, so Ercan Idic.

Themendossier: Flüchtlingsunterbringung

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Grundgesetz hat integrative Kraft
Dunja Hayali, Tochter irakischer Eltern und TV-Journalistin (ZDF-Morgenmagazin“, und Cem Özdemir, Kind der ersten türkischstämmigen Migrantengeneration und Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, waren die prominentesten Redner bei den 11. Bielefelder Stadtentwicklungstagen.

Beide hoben die integrative Bedeutung des deutschen Grundgesetzes hervor. „Das Grundgesetz ist mir näher als jedes heilige Buch dieser Welt. Wenn man seinen Text ernst nimmt, kann es eine starke Bindewirkung haben“, sagte er. Vor allem der Artikel 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist für Dunja Hayali nicht verhandelbar: „Wer Grundrechte missbraucht, muss mit aller Härte des Rechtsstaates rechnen.“

Das Erlernen der deutschen Sprache ist nach ihren Worten für die Integration unerlässlich, während Cem Özdemir forderte: „Zum Ankommen in Deutschland gehört eine gewisse Bereitschaft, sich auf das Neue, Unvertraute einzulassen. Wer Respekt für sich selbst beansprucht, muss auch andere respektieren.“
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Deutschland zeigt stolz seine Willkommenskultur auf der Architekturbiennale in Venedig

Suchbegriffe: IntegrationStadtentwicklungflüchtlinge

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