Qualifizierung „Barrierefreies Planen und Bauen“

06.09.2016
Barrierefreies Planen und Bauen
Planer im Sebsttest beim Rollstuhlfahren im Altersanzug. FOTO: L.FROMM

Baubranche und Städteplaner reagieren zunehmend auf den demografischen Wandel. Entsprechende Kompetenzen sind gefragt und Weiterbildungen in diesem Bereich boomen.

Denn: Nicht nur der klassische Rollstuhlfahrer oder die demenzerkrankte Seniorin, auch der Manager mit Hörsturz oder die Mutter mit Kinderwagen sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

An der Technischen Akademie Konstanz gGmbH recherchiert Geisteswissenschaftlerin Susanne Krebs Marktlücken und Trends, in denen das Institut für wissenschaftliche Weiterbildung Nischen besetzt. Die Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) sichert Seriosität und Wissenschaftlichkeit dieser Fortbildungen.

Im konkreten Fall handelt es sich um eine Weiterbildung, die in vier Blöcken zwölf Seminartage umfasst und 4.950 Euro kostet. 2016 läuft der zwölfte Kurs, den bislang gut 100 Teilnehmer absolviert haben. „Alle Dozenten sind Professoren, Lehrbeauftragte oder Praktiker“, sagt Krebs. Das reicht vom Arzt, der über Krankheitsbilder und Hilfsmittel informiert, über den Bauingenieur oder Brandschutzbeauftragten bis zum Denkmalschützer oder dem Akustiker, der üblicherweise in der Industrie Konferenzräume für hörgeschädigte Manager ausstattet.

Die Ausbildung endet mit einer vierstündigen schriftlichen Prüfung und einer Praxisarbeit aus dem eigenen Berufsalltag, etwa einem barrierefreien Garten in einer Seniorenanlage oder einem behindertengerechten Sportheim, die mündlich präsentiert wird. In Konstanz sind auch schon Absolventen durchgefallen, betont Krebs, um die Wissenschaftlichkeit ihres Zertifikats hervorzuheben.

Bestanden hat jüngst Gregor Vogelmann. Der Renninger ist Vize-Geschäftsführer des Instituts für Qualitätskennzeichnung von sozialen Dienstleistungen (IQD), das jährlich bundesweit rund 150 Einrichtungen der stationären Altenhilfe zertifiziert, wobei die Bewegungsfreiheit der Bewohner ein wichtiges Kriterium ist. „Als Sachverständiger für barrierefreies Planen und Bauen kann ich nun soziale Träger qualifiziert beraten oder die Pläne von Bauträgern auditieren, die damit in der Vermarktung werben können“, begründet der frühere Einrichtungsleiter und Pflegesachverständige, warum er die Weiterbildung gemacht hat.

Für das Konstanzer Angebot hätten bei ihm Länge und Tiefe der Weiterbildung gesprochen, weil es ihm um Kompetenzerweiterung gehe und „nicht den schnellen Marketingeffekt“. Diesen Vorwurf hören Anbieter und Teilnehmer der steigenden Angebote immer wieder. Etliche davon werden auf der Plattform www.nullbarriere.de beworben, die die Berlinerin Sonja Hopf verantwortet. Die Architektin gibt selbst ein- und zweitägige Seminare zum Thema, mit denen sie jährlich rund 250 Architekten, Städteplaner, Bauunternehmer und Handwerker erreicht.

Fit für den Pflegefall
Die Zugriffszahlen ihrer 2000 gegründeten Plattform steigen um jährlich zehn Prozent auf zuletzt 150.000 User. Das sind zur Hälfte ältere Ehepaare, die die eigenen vier Wände fit für den Pflegefall machen wollen, und je zu einem Viertel Architekten und Planer in freien Büros und in Behörden. Das reicht bis zur Firma, die einen Mitarbeiter nach dem Schlaganfall weiterbeschäftigen möchte, zur inklusionstauglichen Schule oder dem Bauträger, der seine Wohnanlage barrierereduziert errichten will. In diesem Umfeld platzieren rund 75 Experten ihre Fachbeiträge und Seminaranbieter ihre mehr oder weniger umfassenden Kurse.

Neben den Konstanzern gilt das Europäische Institut für postgraduale Bildung GmbH (EIPOS) in Dresden als renommiert. Die acht Präsenztage mit insgesamt 114 Unterrichtsstunden kosten hier 2.950 Euro. Aber auch Crash-Kurse mit wenig Inhalt und deutlich günstiger, schließen mit der Bezeichnung „Sachverständiger“, die nicht geschützt ist. Deshalb sollten sich Interessierte Umfang und Inhalt der Ausbildung zeigen lassen.
Absolvent Vogelmann ist deutlich geworden, dass es seriöser ist, von barriere-reduziert statt -frei zu sprechen, weil Letzteres kaum erreichbar sei und deshalb Angriffsfläche für Schadensersatzklagen bietet.

Vogelmann hat Hunderte Bauträger angeschrieben, um seine Dienstleistung anzubieten, und bereits knapp 100 Handbücher verkauft, in denen er sein Wissen über barrierereduziertes Planen und Bauen gebündelt hat. Andere Absolventen akkreditieren sich bei Gerichten als Sachverständige, halten Vorträge, machen Pressearbeit oder bringen sich als Experten bei ihrem Arbeitgeber ein. Einige haben sich selbstständig gemacht oder spezialisiert wie www.sv-barrierefreiheit.de, www.beller-wohnungsanpassung.de oder ihr Geschäftsfeld erweitert wie www.iqd.de.

Autor: Leonhard Fromm

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Suchbegriffe:  barrierearmBarrierefreiWeiterbildungBadplanung

aus: IVV Ausgabe 06/2016

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