Wie die Schlüsseldienst-Mafia in Deutschland Verbraucher abzockt

Wie jedes Jahr werden Tausende Bürger aus ihrem Urlaub zurückkommen und mit Schrecken feststellen: Der Haustürschlüssel ist im Urlaub verloren gegangen, ein Schlüsseldienst muss her. Grund genug für das Verbraucherportal www.geld.de den Markt der Schlüsseldienste in einer umfangreichen Studie einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Hierfür wurden in allen 16 deutschen Bundesländern, in 723 Städten, 2.124 Schlüsseldienste von Testern verdeckt angerufen.. Folgende Fragen sollten geklärt werden: Wie groß ist der Wettbewerb in den deutschen Ortschaften unter den Schlüsseldiensten und wie viel wird durchschnittlich für eine Türöffnung von Hamburg bis München, von Leipzig bis Köln, berechnet.
Ergebnis der Studie: In Deutschland vereinen 6 % der Schlüsseldienste über 67 % aller Telefonbucheinträge zum Thema Schlüsseldienste. Dabei verfügen einzelne Anbieter über bis zu 171 Telefonnummern. Alleine 0,6 % der Anbieter, oder lediglich neun Schlüsseldienste, gaukeln dem Verbraucher mit 1.168 Telefonnummern einen regionalen Wettbewerb in den deutschen Ortschaften vor, den es eigentlich gar nicht gibt. Dabei nutzen sie zahlreiche Tricks, um potentielle Kunden beispielsweise über Telefonauskunfts-Dienste oder Telefonbuch-Einträge einzufangen. Besonders beliebt sind bei Schlüsseldiensten beispielsweise Firmennamen die mit AAA anfangen, oder mit 0 oder mit @. Manche Schlüsseldienste verwenden vor ihrem eigentlichen Firmennamen bis zu 8 A-Buchstuben. Grund: So werden sie in den Telefonbüchern als erstes gelistet. Viele wandeln diese Namen dann leicht ab, so dass ihre Firma dann gleich beim zweiten oder dritten Eintrag wieder erscheint. Ruft nun ein in Not Geratener die Telefonauskunft an und erbittet beispielsweise fünf unterschiedliche Telefonnummern, weiß er nicht, dass möglicherweise trotz der unterschiedlichen Nummern und unterschiedlichen Firmennamen er doch immer wieder in der Zentrale der gleichen Firma landet. Ein Preisvergleich ist so nicht möglich. Doch gerade das wäre bei den Schlüsseldiensten, die ihre Arbeit häufig vergolden lassen, dringend notwendig.

Branche wird von zahlreichen unseriösen Anbietern dominiert

Die Ergebnisse der Studie lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Die Branche wird von zahlreichen unseriösen Unternehmen dominiert. Das Nachsehen haben all jene Anbieter, die ihr Geschäft in den deutschen Städten wie Dörfern seriös betreiben. Zumindest kann von 82 % der Schlüsseldienste gesagt werden, dass sie wenigstens mit nur einer Telefonnummer in ihrem jeweiligen Ort präsent sind. Das entspricht aber lediglich 22 % der 5.548 unterschiedlichen Telefonnummern der Schlüsseldienste in Deutschland, die zumindest geld.de recherchieren konnte. Kunden, die in ihrer Not hier anrufen und sich nach dem Preis für eine Türöffnung erkundigen, laufen dort zumindest nicht Gefahr, dass sie bei zehn Anrufen auf unterschiedlichen Telefonnummern letztlich immer wieder beim selben Anbieter landen. Dabei sind einige Anbieter sehr geschickt. Manche agieren mit unterschiedlichen Telefonnummern aber gleichem Firmennamen, andere variieren die Firmennamen, verfügen aber über gleiche oder unterschiedliche Telefonnummern. Unabhängig, welche Variante die Schlüsseldienste wählen: Oftmals soll der Kunde verwirrt und in die Irre geführt werden. Denn: Die scheinbare Vielfalt gibt es gar nicht.
Geld.de konfrontierte damit beispielsweise den "SCHLÜSSELDIENST A.A.A. ABSICHERUNGEN ALLER ART C. SCHAEFER e.K. Schlüsselnotdienst", der nach Recherchen in bis zu 64 Städten über insgesamt bis zu 171 Telefonbuch-Einträge verfügen könnte. Auf Nachfrage, warum das Unternehmen mit so vielen Telefonnummern aktiv ist, reagierte ein Angerufener in der Stadt Trier unwirsch und legte beispielsweise am 9. Mai wortlos auf. Solche Verhaltensweisen legten zahlreiche andere Schlüsseldienste ebenfalls an den Tag, was den Eindruck von nicht seriösem Geschäftsverhalten bei den Testern bestärkte. Geld.de hat keine andere Schlüsseldienstfirma in Deutschland gefunden, die das Verwirrspiel mit mehreren Telefonnummern in ein und demselben Ort so intensiv betreibt, wie der Handwerksbetrieb "Schlüsseldienst AAA Absicherungen Aller Art C. Schaefer e.K. Schluesselnotdienste".
Auffallend in diesem Zusammenhang ist ferner: geld.de konnte insgesamt in Deutschland 25 Firmennamen in Adressverzeichnissen finden, die zumindest den Namen Schaefer enthielten – immer wieder mit leichten Abwandlungen, aber auffällig ähnlichem Aufbau des Firmennamens. Die Firmennamen mit Schaefer heißen mal "SCHAEFER-SECURITY, SCHLIESSANLAGEN, RAUCHMELDER, SCHLUESSELNOTDIENST", dann wieder "SCHLUESSELDIENST A.A.A. ABSICHERUNGEN ALLER ART C. SCHAEFER e.K. Schluesselnotdienst" oder "A!. A R M A N L A G E N SCHAEFER SCHLUESSELDIENST TRESORE BAHNHOFSTRASSE 1 e.K. Schluesselnotdienst". Solche Einträge konnte in 29 Städten mit 538 unterschiedlichen Telefonnummern finden. Eine Anzahl die Christian Schaefer, 32, der bei vielen solcher Firmen Inhaber oder Geschäftsführer ist, gegenüber geld.de nicht dementierte.
Der gewiefte Düsseldorfer Unternehmer sagte geld.de, er sei seit 2002 im Geschäft. Seither mischt er die Schlüsseldienstszene rührig und erfolgreich auf. Hierzu gehört nicht nur die Gründung der „Deutschen-Schlüsseldienst-Zentrale“, sondern auch die Gründung des „Verband Deutscher Schlüsseldienste e.V.“ Beide sitzen, oh Wunder, in Düsseldorf. Praktisch: Die Adresse ist die gleiche, Kirchfeldstr.69. Dabei ist Schaefer nicht nur Geschäftsführer seiner eigenen Firmen sondern auch Geschäftsführender Vorstand des Verbandes. Schaefer selbst verfügt nach eigener Auskunft über rund 100 Firmen – häufig seien das auch Ein-Mann- Gesellschaften, die alle im Verband aktiv sind.
Insgesamt seien im Verband derzeit rund 200 Mitglieder organisiert, davon gehören ungefährt 100 Schaefer. Aufgenommen werden kann nur, wie in jedem Verband, wer dem Vorstand - also wahrscheinlich vor allem Schaefer - genehm ist. Christian Schaefer sagte geld.de: „Die Branche ist insgesamt sehr undurchsichtig, mein Traum ist, dass wir irgendwann mal nur eine kurze Rufnummer haben, wie die Taxis oder die Feuerwehr, und jeder dann immer bei uns anrufen kann.“ Auf die Frage, wie viel denn eine Türöffnung bei seiner Deutschen-Schlüsseldienst- Zentrale oder anderer seiner Unternehmen, koste, sagte er unumwunden: „Rund 159 Euro, plus 50% Notdienstaufschlag ab 18 Uhr und 100 % Aufschlag ab 22 Uhr.“ Selbstverständlich kämen da aber noch 19% Mehrwertsteuer und 30 Euro Anfahrtskosten drauf. Seine Organisation lebe letztlich von einem Franchise-Modell mit Subunternehmern.

Telefonmarketing wird häufig zentral gemacht

Dabei werde das Marketing, auch das Telefonmarketing, häufig zentral gemacht. Heißt: Mitglieder des Verbandes, aber auch der zu Schaefer gehörenden Deutschen-Schlüsseldienst-Zentrale, langen kräftig zu. Die zentrale Organisation bekamen auch die geld.de-Tester zu spüren: Egal ob sie in Hamm, Herne, Chemnitz, Freiburg i.B. oder Bochum anriefen – um nur wenige zu nennen – immer wieder meldeten sich die gleichen Callcenter-Mitarbeiter. Und in allen Fällen verweigerten sie eine Preisauskunft für das Türöffnen am Telefon. Man müsse das erst mal vor Ort anschauen, ist eine beliebte Ausrede bei Schlüsseldiensten. Ganz so, als verfügte jeder zweite Haushalt über eine Panzertür, die besonders schwer zu öffnen wäre. Dabei sind nach geld.de-Erfahrungen über 90 % der Türen sehr ähnlich zu öffnen.

Hintergrund zum Testablauf

Insgesamt wurden 2.124 Schlüsseldienste im März und April 2011 verdeckt angerufen. Davon waren aber nur 53 % oder 1.118 Schlüsseldienste bereit, überhaupt am Telefon eine Preisauskunft zu erteilen. Dabei waren die üblichen Ausreden: Man müsse sich das erst mal vor Ort anschauen. Viele waren selbst dann nicht bereit, eine nähere Preis-Auskunft zu geben, wenn die Anrufer genau am Telefon erklärten, um welches Schloss es sich handelte. Die geld.de-Experten raten: Wer am Telefon keine Auskunft gibt, den sollten die Verbraucher generell ignorieren. Das ist ein deutliches Indiz für unseriöses Geschäftsgebaren. 13 % der Schlüsseldienste haben sogar sofort aufgelegt, sobald die Frage nach dem Preis nur kam. Es war also überhaupt keine Auskunftsbereitschaft vorhanden. 6% der angerufenen Telefonnummern waren zwar frei geschaltet, es ging aber auch bei mehrmaligen Anrufen nie jemand an das Telefon. 11% der 2.124 angerufenen Schlüsseldienste boten die Dienstleistung der Türöffnung nicht an. In 17 % der angerufenen Schlüsseldienste landeten die Tester – trotz manchmal unterschiedlicher Firmennamen und unterschiedlicher Telefonnummern – immer wieder beim gleichen Anbieter. In zahlreichen Fällen landeten die Tester zudem bei Anrufen in unterschiedlichen Städten regelmäßig in der gleichen Hotline-Zentrale.
So wurden die 2.124 Schlüsseldienste gefragt: Was kostet bei Ihnen die Öffnung eines abgeschlossenen handelsüblichen Türschlosses in einer Privatwohnung? Als Parameter gaben die Tester an: Das Schloss ist verschlossen, der Zylinder steht nicht ab, sondern ist bündig mit dem Verschlag. Das Schloss ist kein Sicherheitsschloss, sondern eines der weit verbreiteten normalen Türschlösser. Obendrein wurde abgefragt, was eine Türöffnung bis 18 Uhr kostet und wie hoch die Kosten nach 18 Uhr sind, also beispielsweise um 22 Uhr.

Weiterführende Links:
www.geld.de

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