Die Boomer sind reif für serielle Sanierung
Ob es nun die langgestreckten Riegel mit drei oder vier Geschossen aus den 1960er Jahren sind, oder die Wohnhochhäuser, die in den 1970er Jahren entstanden. Damals galten sie vielfach als ultramodern und spiegelten zumindest bis Mitte der 70er den von sozialen Utopien beseelten Zeitgeist wieder. In etlichen deutschen Großstädten sind in dieser ganze Wohnquartiere entstanden. Beispielsweise das Märkische Viertel in West-Berlin, Marzahn und Hellersdorf in Ost-Berlin, Neuperlach in München, Chorweiler in Köln und Prohlis in Dresden.
Ob damals als Vorzeigeprojekt realisiert oder nur gebaut, um der Wohnungsnot Herr zu werden und den vielen jungen Familien in dieser Zeit ein Dach über dem Kopf zu geben, heute sind diese Mehrgeschosser reif für eine Sanierung. Dabei könnten sie genau jenen bezahlbaren Wohnraum bieten, der von allen Seiten gefordert wird. Vorausgesetzt sie werden mit Bedacht saniert. In Anbetracht der Größe der Objekte bzw. der Vielzahl der Wohneinheiten ist es naheliegend, diese Sanierung mit seriell vorgefertigten Elementen durchzuführen, wie die Projektbeispiele in unserem Special zeigen.
So erhielt ein 1968 errichtetes Hochhaus in Lübeck Moisling eine umfangreiche Sanierung. Die beschränkte sich nicht nur auf energetische Maßnahmen und neue Grundrisse in den Wohnungen, sondern wertete das heruntergekommene Gebäude optisch deutlich auf und machte aus dem Schandfleck einen Hingucker mit hoher Wohnqualität. Wie das geht, zeigt der Beitrag auf Seite 32 und 33. Sollten Sanierungen mit dieser Strahlkraft Schule machen, gewinnt diese Art von Wohngebäuden vielleicht jene Attraktivität zurück, die sie seinerzeit nach ihrer Fertigstellung hatte. Die Älteren unter uns können sich daran vielleicht noch erinnern.
Wie es gelingen kann, ganze Quartiere zu modernisieren, zu erweitern und aufzustocken zeigt die Modernisierung einer Eisenbahnersiedlung im Großraum Stuttgart. Besonders interessant ist in dem Projektbeispiel auf Seite 24 und 25 der clevere Einsatz von seriellen Holzbauelementen, die im Inneren der Gebäude sichtbar sind. Ebenfalls im Stuttgarter Großraum demonstriert eine Baugenossenschaft wie sie mit serieller Sanierung neue Räume schafft und das Wohnumfeld trotz Nachverdichtung mit mehr Grün und weniger Auto aufwertet. Das gelingt ihr offenbar gut. Das Projekt wird nämlich Teil der Internationalen Bauausstellung sein, die 2027 in Stuttgart stattfindet. Mehr dazu auf Seite 30 und 31.
Wirtschaftlich betrachtet steckt in der Sanierung von Wohngebäuden ein enormes Potenzial. Bis zum Jahr 2030 sind Investitionen von etwa 200 Milliarden Euro zu erwarten. Selbst wenn der Anteil der seriellen Sanierung dabei kaum über zehn Prozent liegen wird, bleiben immer noch zwischen 10 und 20 Milliarden Euro übrig. Kein Wunder also, dass die Anbieter serieller Bauelemente sich warmlaufen, innovative Angebote entwickeln und ihre Produktionskapazitäten hochfahren. Um die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen und die Rahmenbedingungen für serielle Sanierung zu verbessern, haben fünf Unternehmen aus dieser Branche im April dieses Jahres die Deutsche Allianz für serielle Sanierung gegründet. In einem Interview auf Seite 34 und 35 erläutert der Sprecher der Allianz und Prokurist der B&O Gruppe, Alexander Fuchs, die Motive und Ziele.
Christian Veh
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