Viele Heizkörperthermostate regeln nämlich nicht nach der tatsächlichen Raumtemperatur, sondern anhand eines Messwerts direkt am Heizkörper. Selbst smarte Thermostate gleichen diese Abweichung meist nur mit einem fixen Korrekturwert, dem sogenannten Offset, aus.
Der Messwert ist nicht die Raumtemperatur
Die meisten Heizkörperthermostate verfügen über einen integrierten Temperatursensor. Dieser misst unmittelbar am Heizkörper. Erwärmt sich der Heizkörper, steigt dort die gemessene Temperatur schneller als im übrigen Raum. Das Thermostat kann deshalb annehmen, die gewünschte Temperatur sei erreicht, obwohl es im Raum noch deutlich kühler ist. Die Wärmezufuhr wird reduziert oder gestoppt – auf Grundlage eines Messwertes, der stark durch den Heizkörper beeinflusst wird.
Die Abweichung hängt unter anderem von der Position des Heizkörpers, Vorhängen oder Möbeln, Sonneneinstrahlung und geöffneten Fenstern ab. Während eines Heizvorgangs verändert sich die Differenz zwischen Thermostat- und Raumtemperatur ebenfalls fortlaufend.
Ein statischer Offset bleibt ein Schätzwert
Viele smarte Thermostate bieten deshalb eine Offset-Funktion. Zeigt das Thermostat 23 Grad an, während im Raum tatsächlich 21 Grad herrschen, wird ein Offset von minus zwei Grad benötigt. Die Abweichung bleibt jedoch nicht konstant: Ein Wert, der zu Beginn des Aufheizens passt, kann kurze Zeit später bereits unzutreffend sein.
Bei vielen Systemen muss der Offset zudem für jedes Thermostat einzeln durch Fachpersonal oder die Wohnungsnutzer festgelegt werden. Das verursacht Aufwand und bleibt trotz sorgfältiger Einstellung eine Momentaufnahme. Auch externe Temperatursensoren lösen das Problem nicht automatisch. Entscheidend ist, ob ihre Messwerte fortlaufend in die Regelung einfließen. Viele Systeme arbeiten rein reaktiv. Sind Sensorwerte verzerrt, können diese Abweichungen die Steuerung unmittelbar beeinflussen.
Der dynamische Offset und prädiktive Regelung
Einen anderen Ansatz verfolgt die Berliner GreenAutarky GmbH. Ihr KI-Butler für Immobilien kombiniert digitale Heizkörperthermostate mit externen Temperatur- und Feuchtigkeitssensoren sowie einer dezentral arbeitenden künstlichen Intelligenz in jeder Wohnung.
Verändert sich die gemessene Raumtemperatur, übermittelt der Sensor diese Veränderung an den KI-Butler. Dieser bewertet die Entwicklung und passt bei Bedarf den Offset jedes Thermostats in Abständen von zwei Minuten an. Der Korrekturwert wird so gesetzt, dass der interne Messwert möglichst genau mit der extern erfassten Raumtemperatur übereinstimmt.
Zugleich lernt die KI für jeden Raum, welche Temperaturverläufe und Sensorwerte zu erwarten sind. Sie prognostiziert die weitere Entwicklung und vergleicht die Erwartungswerte mit den tatsächlich eintreffenden Sensordaten. Auffällige Abweichungen können dadurch früh erkannt und Fehlsteuerungen begrenzt werden.
Der Offset wird somit dynamisch und vorausschauend an den jeweiligen Raum angepasst. Für die Wohnungsnutzer bleibt die Bedienung einfach: Sie stellen die gewünschte Temperatur direkt am Thermostat ein. Sind dort 21 Grad gewählt, entsprechen diese der angestrebten Raumtemperatur. Es entsteht für jeden Raum ein individuelles Regelmodell statt einer einheitlichen Lösung für das gesamte Gebäude.
Die B2B-Lösung richtet sich an Immobilieneigentümer und -betreiber, die über ein Kundenportal die Mindest- und Höchsttemperaturen für Tages- und Nachtzeiten definieren. Den Wohnungsnutzern steht ein eigenes Portal für ihre persönlichen Temperaturwünsche zur Verfügung.
Präzision schafft Effizienz
Eine genaue Raumtemperaturregelung ist nicht nur eine Frage des Komforts. Sie schafft zugleich die Grundlage für einen stabilen und wirtschaftlichen Heizungsbetrieb. Werden Räume weder unnötig überheizt noch unterversorgt, lassen sich Energieverluste und manuelle Nachregelungen reduzieren.
Die präzise Regelung auf Raumebene ist die Voraussetzung für einen dauerhaft stabilen hydraulischen Abgleich. Dabei werden die tatsächlichen Temperaturen, der reale Wärmebedarf, die Trägheit des Heizsystems und äußere Einflüsse vorausschauend berücksichtigt.
Im Gebäudebestand entscheidet deshalb nicht allein die Effizienz des Wärmeerzeugers über den Energieverbrauch. Weitere Einsparpotenziale entstehen aus dem Zusammenspiel präziser Regelung, hydraulischer Optimierung und bedarfsgerechter Nutzung – ohne den Wohnkomfort einzuschränken. Erst wenn die eingestellte Temperatur tatsächlich der erreichten Raumtemperatur entspricht, kann die Heizungsanlage ihr energetisches Potenzial ausschöpfen.
Ramin Mokhtari
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