Wohntrends

Holz als Beton des 21. Jahrhunderts?

23.03.2018

Vor den Toren Stockholms in Sundbyberg stehen zwei Mehrfamilienhäuser mit jeweils acht Geschossen und je 31 Wohnungen – aus Holz. Von den Wänden über das Dach bis hin zum Treppenhaus wurden für den kompletten Bau der beiden Wohnblöcke Massivholzmodule verwendet. Lediglich das Fundament hat man aus Beton gegossen.

Reihenhäuser aus Holz (Bild: sinuswelle/stock.adobe.com)

Leuchtturmprojekte wie dieses gibt es viele. In Heilbronn entsteht zur BUGA 2019 ein Holzhochhaus mit bezahlbaren Wohnungen. In Wien wächst Wohnturm HoHo mit 24 Stockwerken in die Höhe. In der regenreichsten Stadt Europas, im norwegischen Bergen, steht seit drei Jahren ein immerhin mehr als 50 Meter großes Wohngebäude aus Holz. Kanada schickt im Holzhochhausbau-Rennen ein achtzehnstöckiges Studentenwohnheim in Vancouver ins Rennen. Der „Oakwood Tower“ (300 Meter) in London und der „River Beech Tower“ (244 Meter) in Chicago sollen eine ganz neue Liga eröffnen.

In Zeiten akuten Wohnungsmangels muss Wohnraum schnellstens geschaffen werden, um den Bedarf annähernd zu decken. Mehrfamilienhäuser aus Holz könnten dabei behilflich sein. Sie werden vorgefertigt und müssen auf der Baustelle nur noch zusammengesetzt werden. In mittelgroßen Städten wäre es nach Informationen des Holzbauforums möglich, 25 Prozent aller Wohnhäuser zu verdichten. Eine Aufstockung in Holzbauweise wäre denkbar. Viele Investoren scheuen jedoch etwas höheren Kosten, die sich allerdings über die schnelle Fertigung und die dadurch früher generierten Mieteinnahmen amortisieren können. Zudem sinkt die Mieter-Fluktuation in hölzernen Bauten, da sie einen höheren Wohnkomfort bieten. Langjährige Mieter versprechen regelmäßige Einnahmen.

Nachhaltig mit herausragender CO2-Bilanz

Der Begriff Nachhaltigkeit stammt eigentlich aus der Forstwirtschaft. So passt er allein deshalb hervorragend zu großen Gebäuden aus Holz. Bisher beschränken sich die meisten Projekte auf Einfamilienhäuser, Kindergärten und ähnliche Zweckbauten. Dabei ist die Umweltbilanz solcher Gebäude kaum mit anderen zu vergleichen. Nicht nur in der Herstellung, sondern auch im laufenden Betrieb setzen sich die Holzbauten von ihren Konkurrenten positiv ab und überzeugen mit ihrem ökologischen Abdruck.

Mit der Kohlenstoffdioxidbilanz des Materials kann sich kein anderer Baustoff messen, denn es stößt als einziges kein CO2 aus, sondern speichert es stattdessen. Bei cleverer Forstwirtschaft wächst der Rohstoff immer wieder nach. In Schweden, wo Einfamilienhäuser aus Holz sehr populär sind, steht beispielsweise doppelt so viel Wald wie vor 100 Jahren. Und der schwedische Forst produziert binnen einer Minute 1.000 Kubikmeter Holz.

Während hierzulande ein Engpass des Baurohstoffs Sand droht, wächst in Schweden der wichtige Rohstoff Holz weiter und weiter. Bei der Nutzung des Holzes müssen natürlich ökologische Faktoren beachtet werden, damit der Rohstoff nicht eines Tages zu einer Mangelware wird und das ökologische Gleichgewicht, für das ein Wald steht, zu kippen beginnt. Aber unter Beachtung aller Faktoren kann das Holz der Bäume als immer wieder nachwachsender Rohstoff genutzt werden. Jedoch reichen die Nadelholz-Ressourcen, die in Deutschland zum Bauen verwendet werden, nicht aus. Der Rohstoff muss importiert werden, wie eine Studie der LCEE, ein Spin-Off der TU Darmstadt, zeigt.

Brandschutz in Holzbauten


Bisher fehlt die Akzeptanz solcher Holzbauten, denn althergebrachte Ängste vor großen Flächenbränden sind weit verbreitet. Je nach Größe und Höhe des Gebäudes werden sie in unterschiedliche Klassen eingeteilt. Für alle tragenden Wände, Pfeiler, Stützen und Decken gilt eine feuerbeständige Bauweise. Sie schließt formal die Holzbauweise zunächst aus. Die „Musterrichtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an hochfeuerhemmende Bauteile in Holzbauweise – M-HFHHolzR“ (Muster-Holzbaurichtlinie) gibt klar vor, welche Anforderungen eingehalten werden müssen.

Im innerstädtischen Bereich werden vermehrt mehrgeschossige Holzbauten der Gebäudeklassen vier und fünf errichtet. Doch bislang verhindern aktuelle Brandschutzvorgaben eine Verbreitung der Holzbauten. Dabei ließen sich die hohen Brandschutzanforderungen mit der modernen ökologischen Holzbauweise exzellent in Einklang bringen, wenn man sie modernisieren würde. Einzelne Bundesländer ändern diese, um die Klimaschutzziele des Landes zu unterstützen. Dabei muss jedoch die so wichtige, geprüfte wie genormte, Feuerwiderstandsdauer eingehalten werden. Sie gibt die Zeit vor, in der Bauteile, egal welcher Art, mindestens einem Feuer standhalten müssen.

Untersuchungen an bereits bestehenden Gebäuden und umfangreiche Experimente mit verschiedenen Holzarten ergaben, dass bei Einhaltung definierter baulicher Schutzmaßnahmen die Schutzziele erfüllt werden. Der heutige technische Standard und die Qualität des Materials erfüllen die gesetzlich vorgeschriebenen Regeln. Nun muss die Bauordnung bundesweit an die moderne Technik angepasst werden, damit sich der urbane Trend fortsetzt und die Vorteile für die Bevölkerung nutzbar gemacht werden.

Auszeichnungen für Holzbauten

Das sich Gebäude aus Holz lohnen, zeigt nicht nur der ökologische Fußabdruck, sondern auch die Awards, mit denen die Häuser belohnt werden. Der Wohnbau „3XGrün“ im Berliner Stadtteil Pankow ist optisch kaum von den Nachbarhäusern zu unterscheiden. Dass es sich um ein Holzhaus handelt, verrät außen lediglich die Dachterrasse im 5. Stock im Bretterlook. Das Gebäude erhielt eine Auszeichnung beim Bundeswettbewerb HolzbauPlus in der Kategorie Wohnungsneubau des BMEVL. Den Deutschen Holzbaupreis 2015 konnte das Projekt „c13“ im Berliner Prenzlauer Berg einheimsen.

Schon vor drei Jahren wurde auf der „Timber City“-Ausstellung in Seattle gefragt: Ist Holz der Beton des 21. Jahrhunderts?. Schaut man sich in den Lokalen der hippen Großstädte um, muss man die Frage mit „ja“ beantworten. Das Mobiliar wird aus Holz zusammengezimmert, die Gäste lieben den urbanen Look. In Städten wie Mailand, Stockholm, Zürich oder Rotterdam wachsen Wohntürme und Bürogebäude aus Holz oder in Hybridbauweise in die Höhe. Eigenheime in Fertigbauweise aus Fichte, Lärche oder Tanne sind beliebter denn je. Buche gesellt sich neuerdings als Baustoff hinzu.

Der Vorteil der Holz-Vorfertigung wird immer mehr erkannt. So lassen sich Lücken in Städten schnell schließen und bezhalbarer Wohnraum schaffen. Hier wird nebeneinander und nicht nacheinander gebaut. Die gut ausgebildeten Ingenieure und Handwerker in Deutschland sind in der Lage, die präzise geplanten Bauten schnell zu realisieren. Noch haben die Gebäude Modellcharakter. Aber von den mutigen Mietern solcher Wohnungen oder Häuslebauern wird Holz als Baustoff immer mehr angenommen. Neben dem Zeitfaktor spielt für sie vor allem die Gemütlichkeit eine große Rolle. Der modulare Holzbau könnte die Antwort auf die drängendsten Probleme deutscher Großstädte sein: Wohnungsbau in Rekordzeit, um dem Wohnungsmangel entgegen zu steuern.

Einen ausführlichen Artikel mit schönen Beispielen lesen Sie in der IVV-Ausgabe 05/2018:
"Architekten entdecken Holz für den Hochhausbau - Starke leistungen bei Statik, Dämmung und Brandschutz"

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► Artikel in unserer Schwesterzeitschrift Build-Ing.: An der Universität Maryland gelang es Forschern, Holz zu produzieren, das robust wie Stahl, aber sechsmal leichter ist.

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