Direktleitungen machen komplexe Modelle überflüssig
Die Bilanz im Gebäudesektor fällt dennoch ernüchternd aus. Laut Umweltbundesamt beliefen sich die Treibhausgasemissionen 2025 auf rund 103,4 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente und stiegen damit um etwa 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die Politik reagierte darauf mit einem Bündel aus Fördermaßnahmen und Anreizen. Das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung umfasst 67 Einzelmaßnahmen und soll bis 2030 zusätzliche Einsparungen von mehr als 25 Millionen Tonnen CO2 ermöglichen. Bei Bestandsgebäuden treffen diese Zielsetzungen jedoch auf eine Realität, in der die praktische Umsetzung oft langsamer verläuft als geplant.
Enormes Potenzial in den Mehrfamilienhäusern
Die bestehenden Wohnungen in Deutschland befinden sich überwiegend in Mehrfamilienhäusern. Diese rund 3,5 Millionen Gebäude umfassen etwa 23,5 Millionen Wohnungen, die grundsätzlich für eine gemeinschaftliche Energieversorgung in Betracht kommen.
Trotz dieser Ausgangslage bleibt die Zahl der realisierten Projekte überschaubar. Bei der Bundesnetzagentur sind etwa 5.400 geförderte Mieterstrommodelle registriert. Die Diskrepanz zwischen Gebäudebestand und realisierten Projekten zeigt, dass die Nutzung lokal erzeugten Stroms bislang nur einen kleinen Teil des möglichen Marktes erreicht.
Komplexität bremst die praktische Umsetzung
Mieterstrommodelle erfordern ein energiewirtschaftliches Gesamtkonzept innerhalb des Gebäudes. Das bedeutet, die Betreiber müssen Lieferbeziehungen definieren, Messkonzepte umsetzen und Abrechnungsprozesse abbilden. Die Hausverwaltungen übernehmen somit Aufgaben, die über klassische Objektbewirtschaftung hinausgehen.
Die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung reduziert diese Anforderungen nur teilweise. Die Abstimmung zwischen Eigentümern, Mietern und Dienstleistern bleibt aufwendig, insbesondere wenn mehrere Parteien beteiligt sind und individuelle Verbrauchsdaten korrekt erfasst und zugeordnet werden müssen.
Diese zusätzlichen Anforderungen führen in vielen Beständen dazu, dass Projekte zwar geprüft werden, aber nicht in die Umsetzung gelangen, oder im Betrieb zusätzlichen Aufwand verursachen. Neben der technischen Installation rücken organisatorische und administrative Fragen in den Vordergrund.
Direktleitungen verändern die Struktur der Energieverteilung
Direktleitungen nach § 3 Nr. 12 EnWG verbinden eine Erzeugungsanlage direkt mit einzelnen Verbrauchern innerhalb eines Gebäudes. Die technische Infrastruktur übernimmt die physische Verteilung, ohne dass jede Nutzung in ein komplexes energiewirtschaftliches Liefermodell überführt werden muss. Dadurch entfällt für Eigentümer die Rolle eines klassischen Energieversorgers im Liefermodell.
Unternehmen wie Pionierkraft entwickeln Systeme, die auf diesem Ansatz aufbauen. Die Lösung des Münchner Technologieunternehmens basiert auf einer modular aufgebauten Hardware, die einzelne Haushalte innerhalb eines Gebäudes miteinander koppelt und den Austausch von Solarstrom ermöglicht.
Die technische Grundlage bildet eine private, netzparallele Verbindung zwischen den Parteien im Gebäude. Während ein zentrales Steuerungsmodul den Energiefluss regelt, übernimmt pro Wohneinheit jeweils eine Leistungseinheit die direkte Übertragung der Energie. Sie sorgt dafür, dass Strom bedarfsgerecht übertragen wird.
Die Übertragung erfolgt als einphasige Wechselstromverbindung mit 230 Volt und 50 Hertz und passt sich an Erzeugung und Verbrauch dynamisch an.
Die Regelung stellt sicher, dass nur so viel Energie übertragen wird, wie im jeweiligen Moment erzeugt wird und im Zielhaushalt benötigt wird. Dadurch entsteht eine bedarfsgerechte Verteilung innerhalb der vorhandenen Leitungsstruktur, ohne zusätzliche Lastspitzen zu erzeugen oder externe Netzstrukturen einzubeziehen.
In Gebäuden mit mehreren Wohneinheiten können bis zu 20 dieser Leistungseinheiten über eine einzige Steuerungseinheit kombiniert werden. Auf diese Weise entsteht eine skalierbare Struktur, die sich an unterschiedliche Gebäudegrößen und Nutzungsszenarien anpassen lässt.
Praxis zeigt wirtschaftliche und organisatorische Vorteile
Ein konkretes Beispiel aus Landsberg am Lech verdeutlicht, wie dieses Konzept in der Praxis umgesetzt werden kann. Eine Wohnungseigentümergemeinschaft betreibt dort eine Photovoltaikanlage mit 20 kWp sowie einen Batteriespeicher mit 20 kW. Ergänzend kommen eine Wärmepumpe mit 4,2 kW, eine Gastherme mit 18 kW als Absicherung, zwei Pufferspeicher mit jeweils 500 Litern und eine Wallbox für eine Wohneinheit zum Einsatz.
Die Energieverteilung im Gebäude organisiert die Gemeinschaft über die Direktleitungslösung von Pionierkraft. Fünf gekoppelte Hardwareeinheiten sowie eine zentrale Kommunikationseinheit verbinden die beteiligten Haushalte miteinander und koordinieren die Energieflüsse. Auf diese Weise versorgt das System vier Wohneinheiten sowie den Allgemeinstrom im Gebäude.
Die Eigentümergemeinschaft organisiert die Abrechnung eigenständig. Alle teilnehmenden Parteien zahlen einen einheitlichen Strompreis, der sich am lokalen Netzbezug orientiert. Überschüsse und Einsparungen fließen in eine gemeinsame Abrechnung ein, die am Jahresende gleichmäßig auf die Beteiligten verteilt wird. Wohneinheiten ohne Teilnahme an dem System beziehen ihren Strom weiterhin vollständig über das öffentliche Netz und sind von der Ertragsbeteiligung ausgeschlossen.
Im Alltag richten viele Bewohner ihren Stromverbrauch bewusst nach der Verfügbarkeit der erzeugten Energie aus. Geräte mit höherem Energiebedarf laufen bevorzugt dann, wenn ausreichend Solarstrom oder gespeicherte Energie bereitsteht. Diese Nutzung erhöht den Eigenverbrauchsanteil und verbessert die Wirtschaftlichkeit der gesamten Anlage.
Entlastung für Hausverwaltungen durch technische Standardisierung
Direktleitungssysteme reduzieren den organisatorischen Aufwand im Betrieb eines Gebäudes. Hausverwaltungen müssen keine Lieferverträge zwischen einzelnen Mietparteien und Energieversorgern koordinieren und keine komplexen Abrechnungsmodelle selbst aufsetzen.
Die Verwaltung konzentriert sich weiterhin auf die Bewirtschaftung des Objekts. Die technische Lösung übernimmt die Verteilung des erzeugten Stroms und stellt die relevanten Verbrauchsdaten strukturiert bereit. So entfällt ein Großteil der Aufgaben, die bei klassischen Mieterstrommodellen zusätzliche Kapazitäten binden.
Wirtschaftliche Nutzung von Solarstrom im Gebäude
Direktleitungen ermöglichen eine direkte Nutzung von lokal erzeugtem Strom im Gebäude. Jede Kilowattstunde, die vor Ort verbraucht wird, ersetzt Strombezug aus dem Netz. Dadurch sinken die variablen Energiekosten für die Nutzer im Gebäude. Zusätzlich reduziert sich die Abhängigkeit von schwankenden Strompreisen.
Mieterstrom und gemeinschaftliche Gebäudeversorgung sind komplexer
Mieterstrom und gemeinschaftliche Gebäudeversorgung sind etablierte Modelle, um Solarstrom im Mehrfamilienhaus zu nutzen. Beide Ansätze basieren jedoch auf energiewirtschaftlichen Lieferstrukturen mit entsprechenden Anforderungen an Messung, Abrechnung und Vertragsgestaltung.
Direktleitungen verfolgen einen anderen Ansatz. Sie verteilen den Strom im Gebäude und reduzieren die Komplexität energiewirtschaftlicher Verhältnisse. Dadurch können Bestandsgebäude Photovoltaik einfacher einsetzen
Während komplexe Modelle in bestimmten Projekten sinnvoll bleiben, bieten Direktleitungen einen pragmatischen Zugang für viele Bestände, in denen Standardisierung sowie einfache Integration im Vordergrund stehen.
Andreas Eberhardt
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