Immer mehr Wärmedämmung führt in eine teure Sackgasse
Die Gebäudeenergieeffizienz hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen, die Gründe dafür liegen sicherlich in den gestiegenen Energiekosten, die zu einem deutlichen Anstieg der Nebenkosten beigetragen haben. Die Nutzer der Gebäude reagieren auf den Anstieg zunehmend sensibel, die Energiekosten werden für den Mieter ein wichtiges Entscheidungskriterium bei der Wohnungswahl. Dass Wohngebäude energieeffizienter werden müssen, wird sicherlich weder vom Vermieter noch vom Mieter in Frage gestellt. Diskussionsfähig sind allerdings die entsprechenden Maßnahmen. Bei der Überarbeitung der Energieeinsparverordnung (EnEV) 2014 lag der Schwerpunkt wie in den Jahren zuvor auf Maßnahmen zur weiteren Reduzierung der Wärmetransmissionsverluste, um den rechnerischen Energiebedarf noch einmal zu senken. Doch wie aussagekräftig ist der rechnerische Energiebedarf?
Mittlerweile mehren sich die Zweifel, dass die berechneten Verbrauchswerte in der Praxis auch wirklich erreicht werden. Es klafft eine Lücke zwischen Energieverbräuchen und Energiebedarfen. Während die alten Gebäude im Schnitt Verbrauchswerte erreichen, die deutlich unterhalb der Bedarfe liegen, sind erstaunlicherweise gerade in den neuen, sehr gut gedämmten Gebäuden die Werte offensichtlich nicht so niedrig, wie man sie vorher berechnet hat. So hat die TU Delft in einer umfangreichen Untersuchung der Energiebedarfe und Energieverbräuche von 200.000 Gebäuden in den Niederlanden festgestellt, dass
in Gebäuden der Energieeffizienzklasse G mit einem mittleren Energiebedarf von 400 kwh/(m²*a) der reale Energieverbrauch im Mittel bei ca. 200 kWh/(m²*a) lag. Bei Gebäuden der höchsten Energieeffizienzklasse lag der mittlere Energiebedarf hingegen bei 90 kWh/(m²*a), der reale mittlere Verbrauch bei 110 kWh/(m²*a). Die Wissenschaftler sprechen hier vom Prebound- und Rebound-Effekt. Beim Prebound-Effekt verhalten sich die Bewohner vorsichtig, insbesondere wenn sie wissen, dass unachtsames Verhalten zu hohen Kosten führt. Dies ist insbesondere in den älteren Gebäuden zu beobachten. Vom Rebound-Effekt spricht man, wenn Nutzer durch die Änderung ihres Verhaltens die möglichen Einsparungen von Maßnahmen teilweise oder ganz kompensieren. So sind Nutzer möglicherweise der Annahme, dass nach der Sanierung ihr Gebäude a priori einen geringen Energieverbrauch hat, so dass man den Verbrauch nicht mehr beeinflussen kann. Die möglichen Einsparungen verpuffen in der Erhöhung des Wohnkomforts oder in Fehlverhalten zum Beispiel bei der Wohnraumlüftung. Die in der Praxis gemessenen Unterschiede zwischen dem berechneten Energiebedarf und dem gemessenen Verbrauch zeigen ganz deutlich, dass die Wärmedämmung nur einer der Faktoren ist, welcher die Energieeffizienz eines Gebäudes bestimmt.
Will man den Energieverbrauch in unseren Gebäuden tatsächlich entscheidend reduzieren, muss man den Bestand in den Fokus nehmen. Die aktuelle Neubauquote ist mit 0,5 bis 1 % viel zu gering, um in den nächsten Jahren hier einen signifikanten Beitrag liefern zu können. Allerdings haben die bisherigen Versuche, den Bestand großflächig durch zusätzliche Wärmedämmung zu sanieren, in den letzten Jahren nicht besonders gefruchtet. Die Branche ist bei der Umsetzung von Wärmedämm-Maßnahmen im Bestand doch sehr zurückhaltend. Grund dafür ist die fehlende Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen. Die Prognos AG hat in ihrer Studie 2013 zum energieeffizienten Bauen und Sanieren dargestellt, dass eine flächendeckende Sanierung des Bestandes nur durch eine umfangreiche Förderung attraktiv ist, da die Investitionen in der Regel nicht durch die erzielten Energieeinsparungen refinanziert werden können. Entscheidend für die Wirtschaftlichkeit einer Fassadensanierung ist, ob diese nur aus energietischen Gründen durchgeführt wird oder ob sie aus Gründen des Werterhalt des Gebäudes und ihrer eingeschränkten Funktionsfähigkeit sowieso erforderlich ist. Dann stellt sich die Situation in der Regel anders dar, zusätzliche Wärmedämm-Maßnahmen lohnen sich in den allermeisten Fällen, da man sinnvollerweise nur die dafür zusätzlich notwendigen Kosten gegenüber der Energieeinsparung betrachten darf. Wir benötigen daher für den Bestand eine „Brückentechnologie“, das heißt Maßnahmen mit hohem Effekt und einer guten Wirtschaftlichkeit, mit denen die Zeiten bis zur anstehenden Sanierung überbrückt werden können. Des Weiteren müssen wir darauf achten, dass die möglichen Einsparungen nicht durch Rebound-Effekte zunichte gemacht werden. Wir müssen daher die Effizienz des Gebäudebetriebes, das heißt die Anlagentechnik und das Nutzerverhalten wieder stärker in den Fokus nehmen.
Energieeffiziente Anlagentechnik
Auslöser der verschärften Anforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden war die Ölkrise im Jahre 1973. Schlagartig rückten der hohe Energieverbrauch der Gebäude und die ineffiziente Bauweise und ineffizienten Heizungsanlagen ins Bewusstsein. Bis zum Jahre 2002 wurden Maßnahmen zur Verbesserung der Haus- und Gebäudetechnik in der Heizungsanlagenverordnung, die Maßnahmen an der Gebäudehülle in der Wärmeschutzverordnung behandelt. Mit der Zusammenführung beider Verordnungen zur EnEV 2002 sollte erreicht werden, dass Gebäude zukünftig als Gesamtsystem betrachtet werden können. Rückblickend muss festgestellt werden, dass die Anforderungen sich im Wesentlichen auf den Bereich der Gebäudehülle bezogen und die Innovationen im Bereich der Gebäudetechnik nur sehr zaghaft ihren Weg in die EnEV gefunden haben. Als Folge davon liegen heute die Effizienzpotenziale in der Gebäudetechnik weitgehend brach.
Die Techem AG veröffentlicht jährlich mit dem Bericht „Energiekennwerte“ wichtige statistische Daten aus den Heizkosten-Abrechnungen von 1,8 Mio. Wohnungen in 130.000 Mehrfamilienhäusern. Laut den Energiekennwerten liegt der Jahresnutzungsgrad von Heizungsanlagen im Bestand im Mittel bei 80 % und damit weit unter den Werten, die bei einer optimalen Betriebsführung erreichbar sind. Das EBZ führt aktuell eine Studie durch, bei der die Energieverbräuche von mehr als 3.000 Mehrfamilienhäusern detailliert untersucht werden. Ziel ist es, ein Verfahren zu entwickeln, mit dem sich der Jahresnutzungsgrad von Heizungsanlagen im Bestand zuverlässig abschätzen lässt. Die ersten Untersuchungen zeigen auch hier starke Schwankungen in der Effizienz der Anlagen. Die Gründe für die fehlende Effizienz sind vielfältig:
- überdimensionierung der Anlage (hohe Stillstandsverluste),
- zu hohe Vor- und Rücklauftemperaturen durch falsch eingestellte Heizkennlinien und fehlenden hydraulischen Abgleich,
- falsch oder nicht eingestellte Zeiten für die Nachtabsenkung,
- überdimensionierte Pumpen,
- alte/ineffiziente Heizungsanlagen,
- fehlende Übereinstimmung von Wärmeerzeugung und Wärmeabnahme.
Die Schwankungen in der Effizienz sind umso größer, je anspruchsvoller die Betriebsführung ist. So weisen insbesondere Brennwertgeräte große Schwankungen im Jahresnutzungsgrad auf, es darf unterstellt werden, dass ein Teil der Anlagen aufgrund von schlecht eingestellter Hydraulik gar nicht im Brennwertbetrieb läuft. Was benötigt wird, ist eine systematische Kontrolle der Betriebsführung, um entsprechende Effekte zu erkennen und abzustellen. Ein erster Schritt ist die systematische Analyse der Jahresverbräuche der Anlagen, besser ist es, die Energieverbrauchsdaten mit höherer zeitlicher Auflösung zu erfassen und dabei die Wärmemengen mit den Brennstoffverbräuchen zu vergleichen. Entsprechend aufbereitet, lassen sich Betriebszeiten, ein zu häufiges Ein- und Ausschalten des Heizkessels oder auch schlecht eingestellt Heizkennlinien erkennen.
Das Smart Metering mit der Möglichkeit der Verbrauchsauswertung und die Smart Home Technologie mit ihren Sensoren schaffen eine Plattform, die ein umfangreiches Monitoring ermöglicht.
Die Grafik zeigt einen sogenannten Carpet-Plot, bei dem die Raumtemperaturen für den Tagesverlauf als Farben dargestellt werden. Deutlich zu erkennen ist die sehr spät greifende Nachtabsenkung (Abschaltung gegen drei Uhr morgens), der Start der Heizung um sechs Uhr morgens sowie verschiedene Lüftungsvorgänge, bei denen die Raumtemperatur deutlich absinkt.
Assistenzsysteme für energiesparendes Verhalten
Mit der Smart Home Technologie ziehen Systeme in die Haushalte ein, die eine sehr weitgehende Unterstützung für energieeffizientes Verhalten bieten. So lassen sich Anwesenheitszeiten automatisch erkennen, Zeitprofile für wenig genutzte Räume programmieren und bei gekippten Fenstern die Heizung ausschalten. Des Weiteren kann die Luftqualität gemessen werden und so den Nutzern Informationen über die richtige Lüftungsdauer gegeben werden. Um zu testen, welches Einsparpotenzial die entsprechenden Assistenzfunktionen haben, wurden in dem von der Interreg gefördertem Projekt Suslab der Energieverbrauch und das Raumklima in 30 Bestandswohnungen über eine Woche gemessen. Anschließend erhielt ein Teil der Haushalte eine Anzeige für die Luftqualität, der andere Teil der Haushalte eine zeitgesteuerte Einzelraum-Temperaturregelung, die es ermöglichte, Zeitprofile für die einzelnen Räume zu programmieren. Darüber hinaus wurde die Heizung ausgeschaltet, sobald das Fenster geöffnet wurde. Ein Dauerlüften mit eingeschalteter Heizung war auf diese Weise nicht möglich. Der Energieverbrauch der Haushalte wurde mit der Referenzwoche verglichen und die Verbräuche witterungsbereinigt. Mehr- und Minderverbräuche, die sich auf die Außentemperatur zurückführen lassen, konnten so herausgerechnet werden. Beide Ansätze lieferten im Mittel signifikante Energieeinsparungen. Der Spitzenreiter bei der Anzeige der Luftqualität sparte im Vergleich zur Referenzwoche über 35 %, der Spitzenreiter bei der zeitgesteuerten Einzelraum-Temperaturregelung sparte ebenfalls, hier waren es über 25 %.Die Einsparungen waren bei beiden Fällen sehr unterschiedlich, zum Teil wurden auch höher Verbräuche erzielt. Im ersten Fall waren es zu hohe Anforderungen an die Raumluftqualität, die hier ja jetzt sichtbar war, im zweiten Fall lag es an der Tatsache, dass nun Räume zeitweise geheizt wurden, in denen man vorher auf das Heizen weitgehend verzichtete. Die erzielbaren Amortisationszeiträume für die Technik lagen bei zwei bis drei Jahren bei Investitionskosten von unter 1.000 €.
Fazit
Um den Energieverbrauch im Bestand signifikant und effizient zu senken, bedarf es eines breiten Spektrums von Maßnahmen. Dabei kommt es auch auf den richtigen Zeitpunkt an. Während eine Verbesserung der Anlagentechnik oder der Einsatz von Assistenzsystemen auf der Basis der Smart Home Technologie in der Regel kurze Amortisationszeiten aufweisen, sollten Maßnahmen zur Verbesserung der Wärmedämmung dann erfolgen, wenn eine Sanierung der Fassade sowieso ansteht. In diesem Fall ist eine Verbesserung der energetischen Qualität der Gebäudehülle in den meiste Fällen sinnvoll.
Autor: Dr.-Ing. Viktor Grinewitschus, Professor für Energiefragen der Immobilienwirtschaft,EBZ
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