Editorial

Bislang ein Sieg der Humanität

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A resident stands with her dog next to a destroyed building after a bombing in Satoya neighborhood in Kyiv, Ukraine, Sunday, March 20, 2022. (AP Photo/Rodrigo Abd) Bild: AP
A resident stands with her dog next to a destroyed building after a bombing in Satoya neighborhood in Kyiv, Ukraine, Sunday, March 20, 2022. (AP Photo/Rodrigo Abd) Bild: AP

Der barbarische Angriffskrieg des Kreml-Herrn gegen die Ukraine hat binnen weniger Tage die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Kein Mensch weiß, wie diese Tragödie weitergeht und wie viele Menschen in Deutschland Zuflucht und Obdach suchen werden. Es ist ein Segen, dass die EU-Staaten sich einig sind, allen Flüchtenden Schutz zu gewähren. Mindestens ein Jahr lang bekommen sie ein Aufenthaltsrecht, ein Anrecht auf Sozialleistungen und eine Arbeitserlaubnis. Dieser Status kann auf drei Jahre verlängert werden. Die seltene Einigkeit der Europäischen Union angesichts dieser gewaltigen Aufgabe ist gleichermaßen von humanitärer wie auch strategischer Bedeutung. Denn ein Streit unter den Mitgliedsstaaten, wie seit 2015 angesichts der Flüchtlingswelle aus dem muslimischen Kulturkreis, wäre ein Sieg des Zynikers, des Meisters geheimdienstlicher Destabilisierung im Kreml gewesen.

Es bleiben die praktischen Hürden und Probleme der Unterbringung und Integration so vieler Kriegsvertriebener, vor allem junge Frauen und Kinder. Die ersten Reaktionen aus der gewerblichen Wohnungswirtschaft sind ermutigend. Man zählt leer stehende Wohnungen, ja Wohnungsleerstand bekommt in diesen Kriegstagen eine ganz andere Bedeutung (Artikel ab Seite 12).

Der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA) hat das Forschungsinstitut empirica um eine Prognose gebeten. Diese fällt naturgemäß sehr gespreizt aus. Es könnten 310.000 bis 1,3 Millionen Menschen aus der geschundenen Ukraine nach Deutschland kommen. Dafür bräuchte es 150.000 bis 250.000 zusätzliche Neubauwohnungen. Letztes Jahr konnte die deutsche Bauwirtschaft 300.000 Wohnungen fertigstellen; aber von der Planung über die Genehmigung bis zum Bau vergehen drei bis fünf Jahre. Und der Bauprozess könnte noch schwieriger werden. Denn es zeichnet sich ab, dass das Gros der Geflüchtetendahin geht, wo Verwandte und Freunde leben und wo es Arbeit und Einkommen gibt, also in die Großstädte, wo es besonders eng und das Bauen besonders teuer ist.

Sie können dieses Muster als Anlage Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) schreibt vor, dass bei der Erhebung von personenbezogenen Daten der Betroffene zu informieren ist. Unter anderem soll dem Betroffenen mitgeteilt werden, zu welchem Zweck die Daten...

Wie viel Neubau im Schatten des Krieges wirklich notwendig sein wird, ist unternehmerisch nicht zu kalkulieren. Wie lange wird der Krieg dauern? Werden die ukrainischen Männer, die jetzt kämpfen müssen, irgenwann nachziehen? Oder warten ihre Familien, die jetzt im Westen Zuflucht haben, auf das Ende des Krieges, um zurückgehen und ihr Land wieder aufbauen zu können? Es kann Jahre dauern, bis wir darauf Antworten haben. Der zunehmend totalitär regierende Kriegsherr im Kreml hat jahrelang seine Truppen eingesetzt, um Grosny in Tschetschenien und Aleppo in Syrien in Schutt und Asche legen zu lassen.

Die EU-Staaten haben ihre Tore für Kriegsflüchtlinge weit aufgemacht. In Deutschland ist auf Seiten von Bund und Ländern ansonsten angesichts des lästigen förderalen Hin und Her in den ersten vier Wochen des Krieges nicht viel passiert. Die Hilfe wird bislang im Wesentlichen von den ehrenamtlichen Helfern zivilgesellschaftlicher und karitativer Organisationen getragen. Und dass die Vertriebenen nicht unter freiem Himmel kampieren müssen, ist bislang der privaten Hilfsbereitschaft von Mietern und Eigentümern zu verdanken. Man rückt zusammen. Die ukrainischen Bürger, die Verwandte und Freunde aufnehmen, sowieso. Wer bei Angehörigen unterkommt, hat es leichter bei der Integration in ein fremdes Land. In wenigen Wochen allerdings dürften die privaten Wohnräume erschöpft sein. Dann sind der Staat und die gewerbliche Wohnungswirtschaft gefordert.

Thomas Engelbrecht

Thomas Engelbrecht
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