Interview mit Reiner Timmreck, Geschäftsführer der Stadtwerke Iserlohn

„Das Henne-Ei-Problem lösen wir ganz pragmatisch“

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Reiner Timmreck, Geschäftsführer der Stadtwerke Iserlohn Bild: Stadtwerke Iserlohn
Reiner Timmreck, Geschäftsführer der Stadtwerke Iserlohn Bild: Stadtwerke Iserlohn

Iserlohn ist Vorreiter beim Aufbau eines flächendeckenden Ladenetzes. Ladesäulen für Elektroautos werden überall aufgebaut, wo sie nötig sind.

Iserlohn war die erste mittelgroße Stadt, die ein flächendeckendes Ladenetz für Elektromobilität ausgebaut hat. Die Stadtwerke haben daran wesentlichen Erfolg gehabt, der Heimatversorger war der Treiber, der sich schon früh Gedanken darüber gemacht hat, wie Lärmemissionen, Stickoxide und Feinstaub vermindert und man den Anreiz für den Kauf von Elektroautos erhöhen und der Bevölkerung der Umstieg vom Verbrenner auf einen Stromer erleichtern kann.

Herr Timmreck, Sie waren einer der Vorreiter, der sofort die Zusammenarbeit mit Wohnungsgesellschaften, Kreishandwerkerschaft, Autohäusern, Flottenbetreibern und Carsharing-Anbieter aufgenommen hat. Wie sieht Ihr Konzept aus?

Wir waren von Anfang an davon überzeugt, dass die Mobilitätswende nur gelingt, wenn in einem ersten Schritt möglichst viele Elektrofahrzeuge in den Verkehr gebracht werden. Umfassende Lademöglichkeiten in der Stadt sind hierfür die Grundlage, um den Menschen den Zugang zu einer neuen Technologie zu vereinfachen. Das klassische „Henne-Ei-Problem“ lösen wir in Iserlohn pragmatisch. Ladeinfrastruktur wird dort aufgebaut, wo sie auch benötigt wird. Die Stadt Iserlohn, die die Infrastruktur stellt, hat dafür potenziellen Käufern oder Mietern von E-Autos die Möglichkeit eingeräumt, individuelle Wünsche hinsichtlich der Ladepunkte im öffentlichen Raum zu äußern. Bei jeder Anfrage prüfen die Stadtwerke, ob eine Straßenleuchte oder ein Verteilnetz in der Nähe ist. Damit werden maximale Anreize auch für die Bürger geschaffen, die nicht in einem Einfamilienhaus wohnen und eine Garage haben. Das ist nebenbei auch sehr kosteneffizient, da an diesen Ladestationen auch geladen wird.

Was bieten Sie Wohnungsbaugesellschaften an?

Wohnungsbaugesellschaften stellen wir zum Beispiel auf ihren Parkflächen oder in ihren Parkgaragen eine zentrale Infrastruktur zur Verfügung. Die Abrechnung erfolgt dann durch den Heimatversorger und schafft somit die erforderliche Transparenz zum Mieter. Die Wohnungswirtschaft wird von den komplexen energiewirtschaftlichen Abrechnungen entlastet. Einer Technik-Orgie hinsichtlich der Zuordnung zu den Haushaltszählern gehen wir mit intelligenten Produkten aus dem Weg, die zusätzlich noch die Ladezeiten steuern können, um die vorhandenen Anschlussleitungen nicht zu überlasten. Einige Wohnungsunternehmen haben gleichzeitig auch Interesse an Car-Sharing-Modellen, um den Mietern Fahrzeuge zur Verfügung zu stellen. Auch hier ist die individuelle Abrechnung mit unserer Ladetechnik und somit die Zuordnung zu jedem Mieter ohne Probleme möglich.

Als kommunales Unternehmen beschreiten Sie seit Jahren verschiedene neue Wege bei der Strom- und Wärmeversorgung. Ein Stichwort ist die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK).

Wie sieht hier das Interesse der Wohnungsunternehmen und Immobilienbesitzer aus?

Ein Stellplatzmietvertrag kann unabhängig von eine Wohnraummietvertrag abgeschlossen werden und unterfällt dann nicht den mieterschützenden Vorschriften des Wohnraummietrechts. Dieses Muster bietet einen vollständig ausformulierten Stellplatzmietvertrag mit...

Wir betreiben ein Fernwärme- und mehrere Nahwärmenetze, die überwiegend aus nachhaltigen Primärenergiequellen gespeist werden. Der Primärenergiefaktor ist daher nahe Null. Das ermöglicht für die Wohnungswirtschaft ein enormes Einsparpotenzial, wenn z.B. bei Neubauprojekten auf eine aufwändig gedämmte Gebäudehülle verzichtet werden kann. Zusätzlich spart sich der Immobilieneigentümer durch den Anschluss an das Wärmenetz die eigene Heizungsanlage und die damit verbundenen Neben- und Sanierungskosten. Die Stadtwerke Iserlohn liefern Wärme bis in die Liegenschaft, bzw. die Wohnung und kümmern sich bei Bedarf auch um die Abrechnung. Alle Kosten werden also mieterbezogen transparent verrechnet.

Eine weitere Option sind so genannte „Nahwärme-Inseln“. Was hat es damit auf sich?

An Orten, wo keine Fernwärme verfügbar ist, betreiben wir je nach Wunsch der Wohnungswirtschaft auch dezentral sogenannte Nahwärme-Inseln. Auch hier gilt: Ist die Primärenergiequelle beispielsweise aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz, so sinkt der Primärenergiefaktor mit den beschriebenen Vorteilen für den Eigentümer. Aber auch im Sanierungsfall lässt sich die Energieeffizienz durch eine zentrale Anlage (wie z.B. einen Gaskessel oder ein Blockheizkraftwerk) verbessern. Auch hier übernimmt der Heimatversorger die Investition der Anlage und des Versorgungsnetzes und berechnet den Wärmepreis mittels langfristiger Verträge transparent an den Eigentümer zur Umlage an den Mieter und unterstützt bei der Abrechnung. Das schont die Wohnungswirtschaft bei der Investition und im laufenden Betrieb.

Die Fragen stellte Christina Hövener-Hetz

Redaktion (allg.)

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