Im Gespräch: „Die Landesregierung will unsere Meinung hören“

Dezember 2012
Torsten Bölting, Foto: Engelbrecht

Der Verein WIR Wohnen im Revier ist eine Kooperation kommunaler Wohnungsunternehmen im Ruhrgebiet. Das hehre Ziel: Die Mitglieder wollen dazu beitragen, das Ruhrgebiet zu einer lebenswerten Metropolregion zu entwickeln. Die Redaktion sprach auf der diesjährigen
Expo Real mit dem Geschäftsführer Torsten Bölting über Formen und Fortschritt der Zusammen­arbeit.

Seit wann besteht der Verein WIR?
Die Anfänge der Kooperation gehen auf den Jahreswechsel 2006/2007 zurück. Der Verein besteht seit 2009.

In welchen Gremien läuft die Zusammenarbeit?
Wie jeder Verein haben wir eine Mitgliederversammlung, die das entscheidende Gremium bildet. Es gibt einen dreiköpfigen Vorstand, der das operative Geschäft mit der Geschäftsführung steuert, und wir haben fünf Arbeitskreise, in denen die Fachleute aus den Unternehmen miteinander diskutieren.

Welche Funktionsträger nehmen an den Arbeitskreisen teil?
Die Vereinsgremien werden durch die Vorstände und Geschäftsführer der Mitgliedsunternehmen gebildet In den Arbeitskreisen sitzen die leitenden Mitarbeiter, es kann aber auch sein, dass die Fachleute oder Sachbearbeiter spezieller Themen hinzugezogen werden.

In der Eigendarstellung des Vereins werden WIR-Unternehmen als „Innovationsträger“ bezeichnet, die „Neues ausprobieren“. Bitte mal ein konkretes Beispiel.
Wir haben Unternehmen dabei, die in Sachen energetische Modernisierung neue Dinge ausprobieren von der Pelletheizung über die Geothermie bis hin zur Nutzung von Solaranlagen. Der Nutzen besteht darin, dass wir uns darüber austauschen, was funktioniert und wovon man besser die Finger lassen sollte. Interessanter finde ich, dass wir an einem eigenen Personalentwicklungskonzept arbeiten. WIR hat zusammen mit dem EBZ eine eigene Akademie für Nachwuchsmitarbeiter etabliert. Dieses spezielle Coaching könnten die Einzelunternehmen gar nicht leisten. Darüber hinaus pflegen wir einen Themenspeicher, aus dem Fortbildungsmaßnahmen für alle Mitarbeiter umgesetzt werden.

Sie sprechen von einer eigenen Akademie, die der EBZ angegliedert ist.
Die WIR-Akademie ist ein eigenes Qualifizierungsformat, mit dem wir versuchen, junge Mitarbeiter, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben und das Potenzial zum Leistungsträger mitbringen, ganz gezielt fördern, z. B. in Soft Skills wie Präsentationstechnik und Rhetorik. Die EBZ ist dabei, ein Teilnahmezertifikat zu schaffen.

In Ihrem Tätigkeitsbericht sprechen Sie von der „Weiterentwicklung zukunftsfähiger Wohnmodelle“. Das klingt sympathisch, aber können Sie auch hier konkret werden?
Unsere Unternehmen haben einen eigenen Standard für die Schaffung barrierearmer Wohnungen entwickelt, weil wir echte Barrierefreiheit im Bestand nicht herstellen können. Das ist technisch schwer und finanziell gar nicht zu realisieren. Mit diesem Standard glauben wir einen Zustand zu erreichen, der älteren Menschen einen langen Verbleib in der Wohnung ermöglicht. Dieser Standard wird in die Umbauprojekte der Mitglieder übertragen. Darüber hinaus verknüpfen wir die technischen Aufgaben mit dem Versorgungsaspekt. Wir schaffen Versorgungsinfrastrukturen, die sich nicht überall gleichen, aber durch den Austausch der Mitglieder bekommen wir ganz gute Ergebnisse hin.

Im Arbeitskreis „Betriebswirtschaft und Organisation“ kommen Kennziffern auf den Tisch. Führt dieser Benchmark dazu, dass Mitgliedsfirmen ihre Betriebsergebnisse verbessern können?
Das glaube ich schon. Dieses Benchmarking ist etwas Besonderes, weil der Vergleich offen und ehrlich ist. Denn unsere Mitglieder machen sich keine Konkurrenz, weil sie jeweils nur in ihrer Stadt tätig sind. Man vergleicht z. B. Leerstandzahlen oder einzelne Kostenfaktoren und kann fragen, warum gibt es diese Unterschiede? Das bieten andere Benchmarks so nicht. Dieses Thema wird auf der Geschäftsführerebene sehr intensiv diskutiert und führt tatsächlich zum Umsteuern in den Unternehmen.

Gemeinsamer Einkauf ist eine Aufgabe des Vereins. Wie ist die Bündelung von Nachfrage organisiert und wie ist das rechtlich zu bewerten?
Als Verein können wir keinen Einkauf organisieren, ohne dass es zu steuerlichen Konse­quenzen führt. Aber wir haben Rahmen- und Rückvergütungsverträge mit Herstellern geschlossen, die jedoch immer in ­einen Kaufvertrag zwischen Mitglied und Hersteller münden müssen, weil wir den Einkauf als Verein nicht rechtssicher machen können. Das ist nicht ganz einfach, da gibt es Stolpersteine. Reibungslos funktioniert die Bündelung der Nachfrage bei der Personalentwicklung, indem wir Fortbildungsveranstaltungen gemeinsam beauftragen und organisieren. Dadurch sparen die Mitglieder Kosten ein.

Der Einkauf geht nicht soweit, dass Sie Dachziegel auf Vorrat einkaufen und zwischenlagern?
Wo sollten wir die Dachziegel lagern? Nein, die Logistik überlassen wir dem Großhandel und dem Handwerk. Wir arbeiten aber an einem verbesserten Leistungsaustausch der Handwerker aus unterschied­lichen Städten. Ziel ist ein gemeinsamer Bieter­pool. Warum soll nicht ein Handwerksbetrieb aus Bochum auch Leistungen in Essen anbieten können.

Gibt es gemeinsame Werbeaktionen?
Da müssen wir scharf trennen. Unsere Mitglieder sind in ihren Städten sehr bekannte Marken. Als Verein WIR möchten wir uns nicht in diese Märkte hineindrängen, weil wir nicht im Endkundengeschäft tätig sind. Aber WIR kommuniziert auf der regionalen und landesweiten Ebene.

Wie werden Sie von benachbarten Unternehmen im Ruhrgebiet wahrgenommen? Nehmen Sie weitere Mitglieder auf?
Im Juli ist die ha.ge.we aus Hagen beigetreten und im Oktober ist die Unnaer Kreis-Bau- und Siedlungsgesellschaft Mitglied geworden. Es gibt weitere Anfragen. Satzungsgemäß können alle kommunalen Wohnungsunternehmen aus dem Ruhrverband beitreten und sind dazu herzlich eingeladen. Wir werden auch von anderen regionalen Institutionen wahrgenommen, ich denke da an die Viva West und große Genossenschaften. Die können zwar nicht Mitglied werden, aber es gibt eine Zusammenarbeit.
Für mich überraschend ist die Wirkung des Vereins Richtung Landespolitik und Landesverbände. Wir werden von verschiedenen Landesministerien gezielt angesprochen, an politischen Beratungen teilzunehmen. Das hätten wir so nicht erwartet.

Das Interview führte Thomas Engelbrecht.

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