Berlin-Kreuzberg: Lückenschluss mit Rücksicht auf Gründerzeitarchitektur
Eine Lückenbebauung ist in dem durch Gentrifizierungs-Debatten geprägten Bezirk kein leichtes Unterfangen. Die Eckbebauung in der Reichenberger Ecke Glogauer Straße soll zeigen, dass es dennoch geht.
Architektin Sarah Rivière sagt: „Mit seiner Architektur möchte sich das Gebäude in den gewachsenen Stadtteil einbringen ohne aufdringlich zu wirken. Es hält sich vorsichtig zurück, bringt dennoch einen eigenen, unverwechselbaren sowie nachhaltigen Charakter zum Ausdruck.“ Dies gelingt vor allem deshalb, weil das Eckgebäude Geschosshöhen, Fensterformate und Proportionen der benachbarten Mietshäuser aus der späten Gründerzeit fortführt. Als Reminiszenz an die historische Bauweise der Kreuzberger Luisenstadt ist die Gebäudeecke als Turm ausgebildet.
Gartenfassade als Ausdruck des nachhaltigen Standpunkts
Die so genannte „Living Wall“ führt durch die Absorption von Stickstoffoxiden und die Reduktion von Feinstaub zu einer wesentlichen Verbesserung des Mikroklimas der Straße. Verkehrslärm wird gedämmt und eine Aufwertung der städtischen Biodiversität angestrebt. Die Pflanzen wachsen auf einer im Ziegelmauerwerk verankerten Trägerkonstruktion und werden durch ein integriertes Bewässerungssystem versorgt. Die Bepflanzung ist winterhart, sodass die Fassade ganzjährig begrünt ist. Weiteres Grün gibt es auf den Dachterrassen sowie dem neu bepflanzten Innenhof als geschützter Garten mit Spielmöglichkeit für die im Haus lebenden Kinder.
Hochwertige Materialien erhöhen Werthaltigkeit des Gebäudes und minimieren Instandhaltungskosten
Unsichtbarer Ausdruck des nachhaltigen Konzepts ist die Wandkonstruktion. Das Gebäude ist ab dem ersten Obergeschoss monolithisch mit perlitverfüllten Poroton-Ziegeln für den Geschossbau errichtet. Diese Wandbildner sind dank hoher Druckfestigkeit sowie bester Brand-, Schallschutz- und Wärmedämmeigenschaften dafür prädestiniert. Im Zusammenspiel mit Poroton-Systemergänzungen wie Ziegelstürzen oder gedämmten Deckenrandschalen entsteht eine homogene Ziegeloberfläche zur Minimierung von Wärmebrücken und für sicheren Putzauftrag. Die Innenwände sind mit unverfüllten Poroton-Planziegeln errichtet. „Der Naturbaustoff Ziegel reguliert sowohl Raumtemperatur als auch -feuchte bestens und sorgt ganzjährig für angenehmes Wohnklima“, begründet Sarah Rivière die Wahl für gebrannten Ton. Die dämmstoffverfüllten Ziegel machen es außerdem möglich, ohne zusätzliche Außendämmung zu bauen, was die Werthaltigkeit des Gebäudes erhöht und Instandhaltungskosten dauerhaft minimiert.
Wohnungsgrundrisse für verschiedene Nutzungen
Das Areal ist im Berliner Flächennutzungsplan als gemischte Baufläche definiert. Da der Bauherr auch im Besitz der beiden benachbarten Mietshäuser ist, beschloss er für den Neubau einen Bauantrag für zwölf Ferienwohnungen zu stellen. Die Wohnungsgrundrisse wurden von der Architektin so entworfen, dass sie jederzeit in Mietwohnungen zur langfristigen Nutzung umgebaut werden können.
Mit dem Neubau wurde gleichzeitig auf den Nachbargebäuden jeweils ein Dachgeschoss aufgestockt. Hier entstanden eine größere Wohnung und eine Maisonette-Wohnung, beide mit Terrasse zum Innenhof. Die Terrasse auf dem neuen Eckturm zur Straßenkreuzung dient als Gemeinschaftsfläche für den ganzen Block. Im Erdgeschoss wurde eine Bar mit Kicker-Tischen und großen Bildschirmen für die Sportberichterstattung geplant – eine Art „Wohnzimmer“ für den Block. Sie reicht durch den Neubau in den Altbau hinein und bietet zur Glogauer Straße eine längere Fassade.
Nachbarschaft nicht außen vor lassen
Im Erdgeschoss des Gebäudes Reichenberger Straße befindet sich ein alteingesessenes Cafe. „Insgesamt haben wir hier als Team ein Projekt zu Stande gebracht, das langfristig den Bewohnern des Hauses und den Menschen aus der Umgebung zu Gute kommt. Ein Projekt, das an dieser belebten Ecke Kreuzbergs eine neue Vielfalt anbietet“, bringt Sarah Rivière das Gesamtkonzept auf den Punkt.
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