Building Information Modeling und die Wohnungswirtschaft

BIM ist bei den meisten professionellen Bauherren bereits angekommen

14.01.2019

Es scheint, als sei Building Information Modeling (BIM) nun auch in der deutschen Bau- und Immobilienwirtschaft angekommen. Wir wollten von einem Projektentwickler wissen, ob der Eindruck stimmt. Welche Bedeutung hat das Planen und Bauen mit BIM heute für THOST Projektmanagement?

Das Gebäude ist noch nicht fertig, aber per Visualisierung in 3D bereits erfassbar.
Building Information Modeling: „BIM ist etwas anderes als mit CAD in 3D zu zeichnen.“ BILD: Bentley

Unsere Interviewpartner Mathias Heiser und Fabian Friedrich sind BIM-Experten der THOST Projektmanagement GmbH. Das Unternehmen arbeitet mit rund 420 Mitarbeitern an 19 Standorten im In- und Ausland. THOST steuert seit über 30 Jahren die Entwicklung, Planung und Realisierung komplexer Projekte in den Bereichen Immobilien, öffentliche Hand und Kirchen, Gewerbe, Großindustrie und Flughäfen. Die IVV traf Heiser und Friedrich zum Interview auf der Expo Real im Oktober 2018.

Stattliche Anzahl an Pilotprojekten

Die von der Bundesregierung eingesetzte Reformkommission für Großprojekte hat 2015 das Thema BIM aufgegriffen und damit einen Impuls bei der öffentlichen Hand ausgelöst. Man sieht es an der steigenden Zahl von Pilotprojekten, die in Deutschland umgesetzt werden, nicht nur im öffentlichen Bereich, sondern auch im Bereich der Industrie oder bei privaten Auftraggebern. Auch bei uns ist BIM immer häufiger Teil der Projektanfragen.

Welche Bedeutung hat das Planen und Bauen mit BIM heute für THOST Projektmanagement?

Heiser: Wir haben seit rund drei Jahren ein eigenes Kompetenzteam. Wir sind so aufgestellt, dass wir zusätzlich zu unserem Kerngeschäft des Projektmanagements Bauherren in der Entwicklung der BIM-Methodik beraten und die weitere Umsetzung BIM-gestützter Projekte begleiten. BIM ist inzwischen ein sehr präsentes Thema. Wir haben viele Kunden, die wir darauf vorbereiten, dass BIM auf uns zukommt, und wir treffen gleichzeitig auf Kunden, die von sich aus fragen, was mit BIM möglich ist. Also, das Thema entwickelt sich für uns massiv.

Es gibt Bauherren, die mit der Methode BIM bauen wollen?
Heiser: Eindeutig ja.

Welcher Art sind die Projekte, die THOST mit BIM realisiert?
Friedrich: Wir begleiten Projekte in der Automobilindustrie, z. B. Produktionshallen oder Büroflächen, im Bereich Pharma Büro- und Konferenzgebäude sowie Medienzentralen, und den Bau von Bahnhöfen, die BIM-gestützt geplant und realisiert werden.
 

Welche BIM-Kompetenzen sind in Ihrem Unternehmen angesiedelt?
Heiser: Das Team, das sich mit BIM-Fragestellungen beschäftigt, benötigt Affinität zum Prozessdenken, muss Prozesse definieren und erarbeiten können. Und es bedarf eines Zugangs zu aktuellen Softwaresystemen. Es gibt bislang noch keine standardisierten Produkte, die uneingeschränkt miteinander im Austausch stehen. Die Entwicklung der BIM-Standards ist eine große Herausforderung. Es existieren heute noch keine klar geregelten Prozesse, die vergleichbar wären mit einer Honorarordnung. Das wird sich erst noch etablieren müssen.

Wenn ein Investor mit BIM arbeiten lässt, kommen dann Mehrkosten auf ihn zu?
Heiser: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil im Moment die meisten Planer ein Angebot für einen gewissen Mehraufwand für diese Methode vorlegen würden. Wir sind aber der Überzeugung, dass BIM in einigen Jahren zum Standard in der Planung wird. Gleichzeitig werden sich die Vorteile dieser Methodik durchsetzen. Sie bringt höhere Sicherheit und Belastbarkeit in die Planung; Defizite und Kollisionen werden früher erkannt und können noch im Planungsstadium eliminiert werden. Nicht erst auf der Baustelle, wo man vielleicht eine fehlende Wandöffnung feststellt, die dann mit viel Aufwand geschaffen werden muss. In einer Gesamtbetrachtung unter Berücksichtigung des Gebäudebetriebs glaube ich, dass BIM einen erheblichen Kostenvorteil bringen wird.

Mit welchen Argumenten werben Sie bei Investoren für den Einsatz von BIM?
Friedrich: Bei den meisten unserer professionellen Bauherren ist BIM bereits angekommen und wird als Stand der Technik anerkannt. Daher ist hier ein Werben für BIM eigentlich nur selten nötig. Es geht eher darum, wie man BIM mehrwertbringend umsetzen kann. Die Methode bringt ein gewisses Maß an Kosten- und Terminwahrheit und sie stabilisiert die Schnittstellen im Projekt. Weitere Vorteile sind das erhöhte Maß an Transparenz für Nutzer und Betreiber und allgemein die technologische Unterstützung von Planungs- und Bauprozessen.

Was macht der Maurer mit BIM? Erwarten Investoren von den Handwerkern BIM-Fähigkeit?
Heiser: Die heutige Realität ist weit davon entfernt, dass ein Maurer mit BIM arbeitet. Er braucht nach wie vor seine konkreten Planungsvorgaben auf Papier. Das ist aber nicht das Entscheidende bei der Methode BIM. Sie hat ihren Schwerpunkt heute im Planungsprozess und macht diesen stabiler, sicherer, effizienter und damit auch wirtschaftlicher. Bei der Ausführung auf der Baustelle wird BIM zunächst keinen großen Effekt haben. Die Konsequenz ist aber schon heute, dass jeder Handwerker eine belastbare Planungsunterlage aus dem System bekommt, in der weniger Fehler stecken.

Es heißt, mit BIM lassen sich Planungs- und Steuerungsprozesse effektiver organisieren. Können Sie das empirisch belegen?
Friedrich: Bei BIM bedarf es eines vorgezogenen Abstimmungsaufwands, gerade in der sehr frühen Phase eines Projektes zugunsten eines reibungsärmeren Ablaufs. Ein empirischer Beleg liegt uns noch nicht vor. Dafür sind BIM-Projekte noch viel zu selten und zu wenig standardisiert.

Wie sind Ihre praktischen Erfahrungen auf der Baustelle: Hat sich die Zahl der Planungsfehler verringert? Lassen sich Budgets und Zeitpläne sicherer einhalten?
Friedrich: Diese Frage wird sehr häufig gestellt, auch durch unsere Auftraggeber. Tatsächlich ist es schwer, dafür einen echten Beleg zu finden. Das Problem ist, es wird nicht einmal mit BIM und einmal ohne BIM gebaut, sodass man die Projekte vergleichend gegenüberstellen könnte. Jedes Projekt ist einzigartig, es gibt keine Vergleichsgrundlage.

Liegen Erfahrungen vor im mehrgeschossigen Wohnungsbau?
Heiser: BIM-Erfahrungen im Wohnungsbau haben wir nicht. Wir haben verschiedene Kunden, für die wir solche Projekte betreuen. Dort findet aber aktuell noch keine BIM-Methodik statt. Aber ich glaube, das wird auch dort ein großes Feld sein, weil diese Methodik gerade im Wohnungsbau mit standardisierten Grundrissen einen großen Vorteil bringen wird.

Friedrich: Und BIM bietet ein großes Potenzial in die Vermietung hinein. Man stelle sich vor, dass man in der Planung als Nebenprodukt bereits tolle Renderings aus BIM erzeugen kann, und diese dazu nutzt, potenziellen Mietern einen Vorgeschmack zu geben und so schon sehr früh die Wohnung vermieten kann.

Wie beurteilen Sie die langfristige Bewirtschaftung der Gebäude mit BIM?
Friedrich: BIM und FM ist so etwas wie die Königsklasse. Man nähert sich derzeit an, es fehlt aber noch an technologischen Standards. FM ist prozessual stemmbar und wird zukünftig viel stärker Thema sein. Die Datenmodelle, die in der Planung und Ausführung entstehen, werden für den Betrieb einen Nutzen haben. Die Umsetzung geschieht heute noch sehr selten oder nur in sehr speziellen Lösungen.

Meine Herren, ich danke für das Gespräch.
Das Interview führte Thomas Engelbrecht.

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