Digitale Rauchmelder, Teil 1: Der Streit um das DIN-Regelwerk zur Funkinspektion

26.08.2016
BILD: FOTOLIA/JAMROOFERPIX

Gleich mehrere Hersteller traten im Dezember 2014 aus dem Arbeitskreis „Rauchwarnmelder-Ferninspektion“ aus. Dort wird an einer neuen Richtlinie zum Umgang mit der Funkinspektion von Rauchmeldern gearbeitet. Nach der geltenden Anwendungsnorm DIN 14676 sei eine Ferninspektion unter Verzicht auf die jährliche Sichtkontrolle nicht zulässig. Bewegen sich Anbieter bzw. Wohnungsunternhemen, die Rauchmelder per Funk inspizieren lassen, also auf dünnem Eis?

Kritiker der Ferninspektion wenden ein, dass die manuelle Sichtprüfung mehr Sicherheit biete. Das Kuriose daran ist allerdings, dass die DIN lediglich ein paar Prüfkriterien nennt, aber kein enges Regelwerk formuliert, wie dieser Check durch einen Techniker genau auszuführen ist. Festgelegt ist lediglich: die Raucheintrittsöffnungen müssen auf Verstopfungen, das Gerät auf äußerliche Beschädigungen untersucht werden; außerdem ist die Batterie zu prüfen und das Alarmsignal muss durch Tastendruck ausgelöst werden. In einem Schreiben, dass der zuständige DIN-Normenausschuss formuliert hat, wird die Frage gestellt: „Ist eine alleinige Inspektion und Wartung von Rauchwarnmeldern aus der Ferne oder die Sichtprüfung vor Ort normenkonform?“ Die Antwort im DIN-Papier: „Die DIN 14676 beinhaltet keine Festlegung dazu, wie die Kontrollen durchgeführt werden müssen.“

Die Norm ist technologieoffen
Im September 2012 reagierte der Normenausschuss auf den technologischen Wandel, der sich auf dem Markt vollzog, und änderte die DIN 14676 in einer wichtigen Nuance. Bei der Novellierung wurde der Begriff „Sichtprüfung“ durch „Kontrolle“ ersetzt. Das DIN-Papier stellt fest: „Dies lässt prinzipiell auch andere gleichwertige Arten der Prüfung als die Sichtprüfung zu.“ Damit war sichergestellt, dass die Norm den technologischen Fortschritt nicht behindert, was das Normungswesen prinzipiell nicht darf. Geöffnet wurde damit allerdings ein Raum für Interpretationen. Mehrere Messdienstleister füllen diesen Raum mit Gutachten. Minol meldete, der TÜV Rheinland habe in einem Gutachten vom September 2015 bestätigt, das der Messdienstleister die Betriebsbereitschaft seiner Funkinspektions-Melder so sichere, wie es die Landesbauordnungen verlangen. Das vorgestellte Verfahren könne als Stand der Technik angesehen werden und eine manuelle Sichtprüfung ersetzen. Schon 2013 hat Brunata-Metrona ebenfalls vom TÜV Rheinland das gleiche Ergebnis bekommen, wobei die Fernprüfungen die gesetzlichen Vorgaben teilweise sogar überträfen.

Mit einem Mehr an Sicherheit im Vergleich zur einmal jährlich stattfindenden Sichtprüfung argumentieren alle Protagonisten der Funkinspektion. Ein wichtiges Argument ist dabei gar nicht technischer Natur. Nach Erfahrung von Minol sind bei der Sichtprüfung 5 bis 8 Prozent aller Wohnungen beim ersten Termin nicht zugänglich, weil die Nutzer nicht kooperieren. Funkinspektionen böten mehr Sicherheit, weil 100 Prozent der Geräte überprüft werden können – unabhängig von der Anwesenheit der Bewohner. Aus diesen Grund, so bestätigt auch Techem-Sprecherin Beate Reins, „hilft die Ferninspektion dabei, das Haftungsrisiko zu senken und den Aufwand für Verwaltung, Vermieter und Mieter zu reduzieren, ohne dass dies zulasten der Sicherheit geht“. Minol-Produktmanager Eberhard Wendel bringt die Vorteile der digitalen Datensammlung ins Spiel. Jeder Melder sammelt wiederkehrende Informationen, die jederzeit reproduzierbar seien. Die Informationen ließen sich so aufbereiten, dass sie − wichtig im Schadenfall − vergleichbar seien.

„Keine Relevanz im Zivil- und Strafrecht“
Der Bonner Rechtsanwalt Norbert Küster, Rechtsberater des Forums Brandrauchprävention e. V., nennt einen weiteren technischen Vorteil der jüngsten Melder-Generation. Die Funktionsdaten digitaler Rauchmelder seien jederzeit online verfügbar. Eine Störung werde so in kurzer Zeit entdeckt. Damit böten funkbasierte Melder mehr Sicherheit als herkömmliche Melder, die einmal jährlich einer Sichtprüfung unterzogen werden. Jedes Gerät könne einen Tag nach der Inspektion ausfallen − bei der Sichtprüfung bliebe das ein Jahr lang unentdeckt.

Nach Ansicht des Juristen ist die Offenheit der Anwendungsnorm „weder zivilrechtlich und schon gar nicht strafrechtlich relevant“. Mit der Novelle der DIN im Jahr 2012 sei die Art der Prüfung neutralisiert worden. Damit könne die Sichtprüfung nicht länger allgemein anerkannte Regel der Technik sein, zumal sie nicht im Detail beschrieben sei. Küster schließt daraus: „Jetzt wird lediglich das Ziel beschrieben: Man muss die Funktionsfähigkeit sicherstellen. Wenn ich das tue, ist das Ziel erreicht.“

In seinen Vorträgen vor Vermietern und Verwaltern thematisiert Rechtsanwalt Norbert Küster einen Schwachpunkt, den die Funkinspektion im Vergleich zur Sichtprüfung in der Wohnung aufweise. Die digital gesteuerten Sensoren in den Rauchmeldern erkennen nicht die Umnutzung von Räumen, also etwa ein Arbeitszimmer, das zum Elternschlaf- oder Kinderzimmer gemacht wird. Bei der Ausrüstung mit digitalen Ferninspektions-Meldern müssten Vermieter diese Sicherheitslücke entweder mietrechtlich schließen. Damit werden die Mieter verpflichtet, dem Vermieter die Umnutzung von Räumen zu melden. Norbert Küster favorisiert eine andere Variante: „Ich sage in meinen Vorträgen immer, liebe Vermieter stattet alle Räume, die irgendwann als Schlafzimmer genutzt werden könnten, mit Rauchmeldern aus.“

Beim Gesamtverband der Versicherer (GDV) löst die Frage der IVV nach einer möglichen Gefährdung des Versicherungsschutzes durch mängelbehaftete Rauchmelder Erstaunen aus. Pressesprecherin Kathrin Jarosch: „Die Antwort ist sehr simpel, weil der Versicherungsschutz davon unberührt bleibt. Der Rauchwarnmelder müsste in einem ursächlichen Zusammenhang stehen mit der Entstehung des Brandes, was praktisch nie der Fall ist. Uns ist kein Fall bekannt, in dem ein Versicherer einen Brandschaden nicht reguliert hätte, weil Rauchwarnmelder nicht installiert waren.“

Teil 2: Funkinspektion verletzt die Grundrechte nicht
Teil 3: Wird die Anwendungsnorm DIN 14676 nun novelliert oder nicht?

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Suchbegriffe:  RauchmelderRauchmeldepflichtFunkablesung

aus: IVV Ausgabe 08/2016

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