Kolumne

Siezen oder duzen?

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conversation between people with questions and answers Bild: Adobestock/ fidaolga
conversation between people with questions and answers Bild: Adobestock/ fidaolga

Ich bin ja immer noch der automatische „Siezer“, heißt, ich spreche alle mir unbekannten Personen mit „Sie“ an. Meine erwachsenen Söhne bezeichnen mich deswegen als „Gender-Neandertaler“.

Ich stelle aber tatsächlich immer öfter fest, dass ich geduzt werde. Ob nun beim Einkaufen, am Telefon und im Internet sowieso. Da outet man sich ja schon, wenn man in einer Mail jemanden siezt. Und ich finde das gut so!

Ich möchte immer noch selbst entscheiden, ob ich meine Kunden – oder wen auch immer - sieze und ihnen damit den gehörigen Respekt erweise. Ich bin halt in einer Zeit groß geworden, in der man das Du noch angeboten bekommen hat. Und zwar immer vom jeweils Älteren.

Ich würde es mir nicht erlauben, meine Kunden in Eigentümerversammlungen oder in Mails anders anzusprechen. Und ich bin sicher, diese würden sich auch ganz schön wundern, wenn ich dies tun würde. Oder wie fänden Sie es, wenn ich Sie so anspreche:

„Und Du so? Wie läuft es bei Dir?“

Komisches Gefühl, oder? Wenn Sie dieses Gefühl auch haben, dann gehören wir zu einer Altersklasse.

Andererseits verändert sich Sprache ständig und die verbale Distanz verschwindet. Zwar nicht ganz, aber immer mehr. Die junge Generation macht es uns in der Praxis vor. Kürzlich hat mich ein aus meiner Sicht sehr junger Kollege bei einem Seminar in der Pause mit Vorname angesprochen und ich war im ersten Moment überrascht und erst im Laufe des Gesprächs – ich habe den jungen Mann gesiezt, um ein Zeichen zu setzen – kam meinem Gesprächspartner die Idee zu fragen: „War das Okay für dich, dass ich dich so angesprochen habe?“ Meine Antwort: „Wenn Sie mich das vorher gefragt hätten, wären wir jetzt sicherlich beim Du. Aber so leider nicht!“

Das ist der Unterschied, den wir meiner Meinung nach auch in unserer Branche so leben sollten. Respektvoll und so, wie es der Andere zulässt. Und nicht verallgemeinert. Fragen wir doch einfach unsere Kunden. Ich glaube, die Antwort wird für viele jüngere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unerwartet ausfallen.

Oder was meinen „Sie“?

Michael Friedrich

Michael Friedrich
Hausverwalter, Autor, Der Verwalter-Berater
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Artikel Siezen oder duzen?
Seite 6
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