Wohnen auf Zeit

Wohnlabor in alter Spinnerei

Zwischennutzung leerstehender Büro- und Gewerbebauten als Wohnraum, bis etwas Neues entsteht. In angespannten Wohnungsmärkten eine Chance und ein Instrument für die Bauwende. Wie es gehen kann, zeigt ein Wohnexperiment in der alten Neckarspinnerei bei Stuttgart.

1105
Aufbau der Wohnmodule in der alten Spinnerei: Das Endo-System besteht aus leichten Fichtenholz-Platten. Der Aufbau der Zimmer geht schnell: Zwei Leute brauchen für das Grundgerüst vier Stunden. Bild: Adapter e.V.
Aufbau der Wohnmodule in der alten Spinnerei: Das Endo-System besteht aus leichten Fichtenholz-Platten. Der Aufbau der Zimmer geht schnell: Zwei Leute brauchen für das Grundgerüst vier Stunden. Bild: Adapter e.V.

Bis das neue Stadtquartier auf den Flächen der 2020 stillgelegten Neckarspinnerei in Wendlingen bei Stuttgart Gestalt annimmt, wird wohl noch viel Wasser den Neckar hinunterfließen. Dass dort auf dem denkmalgeschützten Areal sämtliche Schotten dichtgemacht werden, solange die Planungsprozesse laufen, davon kann jedoch keine Rede sein. Von Juli bis Oktober 2024 hatten sich in der einstigen Garnfabrik aus dem Jahr 1861 neun junge Leute einquartiert.

„Wir wollten die Zeit – gerade wenn es um längere Projektentwicklungen geht – produktiv nutzen und dabei neue Wohnformen ausprobieren“, erklärt Architekt Paul Vogt vom gemeinnützigen Verein Adapter in Stuttgart. Der Verein hat daher die Initiative ergriffen und Unterstützer für die Umsetzung und Finanzierung des Wohnexperiments im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Stadtregion Stuttgart 2027 (IBA’27) gefunden. Die Zielstellung: Wie kann man die historischen Fabrikhallen zwischenzeitlich fürs Wohnen umfunktionieren und solche Projekte öfter wiederholen? Der Anspruch: keine einmaligen Einbauten, die nach Verwendung als Baumüll entsorgt werden müssen, sondern ein wiederverwendbares Innenausbausystem, mit dem sich Industriehallen schnell umnutzen lassen.

„Hierfür haben wir mit dem Endo-System einen Pool an mobiler Architektur entwickelt“, so Paul Vogt. Das sind Module aus Holz, die auf den meisten klassischen Büroflächen schnell auf- und abgebaut und an einem anderen Standort erneut eingesetzt werden können. Klein und transportabel müssen sie deshalb sein. Im Endeffekt sind es einzelne Holzplatten und so dimensioniert, dass man sie auch von Hand tragen kann. Sie passen durch jedes Treppenhaus und jede normale Tür und lassen sich auf einer Palette kompakt stapeln.

Das Modulsystem gibt unterschiedliche Raumgrößen her. Zwölf Quadratmeter je Bewohner waren es beim Projekt „Pionierwohnen in der Neckarspinnerei“. Mit Gemeinschaftsflächen einschließlich drei Bädern und zwei Küchen hatte jeder Kurzzeitmieter tatsächlich rund 50 Quadratmeter zur Verfügung – hier zu einer Monatsmiete inklusive aller Nebenkosten von 350 Euro.

400 Quadratmeter Fabrikfläche wurden beplant

Auf rund 400 Quadratmetern konnten sich die neun Bewohner auf Zeit in der historischen Fabrikhalle ausbreiten. Wie im Einzelnen, das wurde auf mehreren Treffen im Vorfeld bei einem Grundriss-Workshop diskutiert und dann auch realisiert: Co-Working-Space mit großem Schreibtisch zum Lernen und Arbeiten, Atelierecke, ein großer Ess- und Wohnbereich mit Ruhezonen und vielen Grünpflanzen. Dazu jede Menge Freiraum, auch draußen mit Flusslandschaft und eigenem Neckar-Strand. Passend für jemanden, der gerade ankommt in der Region, hier einen Job gefunden hat oder überlegt, etwas Neues anzufangen. Für die meisten sei es ein Zwischenschritt gewesen, so der Architekt. Passend dazu auch die Altersgruppe der Bewohner auf Zeit – von Mitte 20 bis Mitte 30, zu denen auch er als Mitinitiator des Projekts gehörte.

Weitere Projekte sind geplant

Inwieweit kann, bis etwas Neues entsteht, die Weiter- oder Zwischennutzung von Gewerbegebäuden Instrument für eine Bauwende sein? Darüber kamen die Bewohner auch mit Besuchern aus der Politik ins Gespräch. Für die Zukunft sind weitere Projekte geplant.

Beim Wohnexperiment in der Neckarspinnerei wurde zugleich deutlich, dass eine Weiterentwicklung der Module für Workspaces oder eine Hotelnutzung bei Großveranstaltungen denkbar ist. Auch deshalb sieht Architekt Paul Vogt den Verein Adapter gut aufgestellt.

Carla Fritz

Carla Fritz
freie Journalistin
AnhangGröße
Beitrag als PDF herunterladen205.47 KB

◂ Heft-Navigation ▸

Artikel Wohnlabor in alter Spinnerei
Seite 24 bis 25
8.8.2025
Interview mit Architekt Paul Vogt
Architekt Paul Vogt vom Verein Adapter in Stuttgart hielt die Fäden beim IBA ’27 Projekt und Wohnexperiment in der Neckarspinnerei in der Hand und wohnte dort auch selbst .
1.7.2025
Wachstumswunder Kiribaum
Wohnungsbau mit vorgefertigten Holzmodulen wird eine große Zukunft vorhergesagt. Doch woher sollen die Holzmengen kommen? Das Abholzen intakter Wälder kann nicht die Antwort sein. Der Kiribaum bietet...
23.2.2023
Gewinner des FIABCI Prix d‘Excellence Germany 2022
Deutschlands Projektentwickler haben die ambitioniertesten Bauvorhaben des Jahres 2022 mit dem international renommierten FIABCI Prix d’Excellence ausgezeichnet.
3.5.2024
Umnutzung von Gewerbeimmobilien in Wohnraum
Leerstehende Bürogebäude und andere obsolet gewordene Gewerbeimmobilien in großen Städten in Wohnungen umzuwandeln, um dadurch dringend benötigten Wohnraum zu schaffen, klingt nach einem guten Plan...
2.2.2024
3. Fachkonferenz serieller Wohnbau
Die Lage am Wohnungsmarkt ist weiter angespannt. Wohnungsbauunternehmen reagieren mit Rahmenvereinbarungen zum seriellen und modularen Bauen. Kann so der Wohnungsbau angekurbelt werden? Auf der...
6.11.2024
Vorteile bei großen Projekten
Die Bundesregierung hat sich das serielle Bauen auf die Fahnen geschrieben, um dem Wohnungsmangel entgegenzuwirken und Kosten zu senken. Diese Bauweise bietet tatsächlich einige Vorteile, ist jedoch...