Wohnräume für Flüchtlinge am Beispiel der Trave in Lübeck

Dezentrale Erstunterbringung in gewachsenen Quartieren, Wohnen zur Probe, Abschluss eines regulären Mietvertrages - das Lübecker Wohnungsunternehmens Trave zeigt, wie Integration gelingen kann, wenn Eigentümer, Sozialbehörden und soziale Träger im Netzwerk handeln. Ein Kooperationsbericht von Trave-Geschäftsführer Dr. Matthias Rasch.

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FOTO: Grundstücks-Gesellschaft „Trave“ mbH
FOTO: Grundstücks-Gesellschaft „Trave“ mbH

Unsere Gesellschaft ist in den letzten Jahren faktisch zu einer Zuwanderungsgesellschaft geworden, auch wenn politisch und gesetzlich noch nicht die entsprechenden Konsequenzen gezogen worden sind. Für die Wohnungswirtschaft stellt diese Entwicklung nicht nur eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung dar (erinnert sei an Art. 14 Abs. 2 unseres Grundgesetzes: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“) sondern sie bietet auch ein Potenzial, unternehmerische Strategien auf die Versorgung und Integration der gegenwärtig und künftig nach Deutschland kommenden Menschen auszurichten.

Bereits heute tauscht sich die organisierte Wohnungswirtschaft bundesweit intensiv zu den Themen Zuwanderung und Integration und zu geeigneten Wohnformen aus und positioniert sich dabei überwiegend auf der Seite der Chancen für unser Land.

Öffentlicher Dialog
Die Unterbringung von Flüchtlingen und die Herausforderungen der Integration hatten im Spätsommer 2014 auch die Initiatoren der Lübecker Vortrags- und Diskussionsreihe „Nachbarschaft in Zeiten der Globalisierung“ gewählt. Neben dem Verein „e-punkt - das Lübecker Bürgerkraftwerk“ gehörten zu den Veranstaltern der Mieterverein Lübeck, der Lübecker Haus- und Grundbesitzerverein sowie die Grundstücks-Gesellschaft „Trave“ mbH. An einem öffentlichen Diskussionsabend mit u.a. Wirtschafts- und Sozialsenator Sven Schindler ging es um die Wohnsituation von Flüchtlingen und Menschen im Asylverfahren in Lübeck.

Konsens: Keine Container und Hotels
Bisher musste Lübeck nicht auf unpopuläre Lösungen wie Containerdörfer oder umgerüstete Turnhallen zurückgreifen. Grund ist das erprobte Zusammenspiel von Kommunalverwaltung, Wohnungswirtschaft sowie Vereinen und Verbänden in der Hansestadt.

Die Grundstücks-Gesellschaft „Trave“ mbH, die bereits Mitte der 1990er Jahre mehrere Unterkünfte für eine mittelfristige Unterbringung von Menschen im Asylverfahren errichtet und an einen sozialen Träger vermietet hatte, schuf im Dezember 2012 die erste neue Gemeinschaftsunterkunft in Lübeck, die aus elf abgeschlossenen Wohnungen und einer Betreuerwohnung besteht. Standort war ein aufgrund von Modernisierungsabsichten leer stehendes halbes Wohngebäude der 1960er Jahre im Stadtteil Moisling - inmitten eines gewachsenen Wohnquartiers gelegen und mit einer Kindertagesstätte in kirchlicher Trägerschaft im Erdgeschoss.

Akzeptanz im Quartier
Das gesamte Haus wurde nach der rund 200.000 € teuren Herrichtung langfristig an den von der Stadt beauftragten Träger der Flüchtlingsbetreuung, die Gemeindediakonie Lübeck, vermietet. Das Projekt war für die „Trave“ auch betriebswirtschaftlich sinnvoll, da zwölf Wohnungen in einem Zug zu rentierlichen Mieten langfristig vermietet werden konnten. Nach anfänglichen, von den Medien aufgegriffenen Widerständen im Stadtteil, der innerhalb der Stadt als sozial benachteiligt gilt, hat sich die öffentliche Meinung deutlich gedreht. Die Einrichtung ist heute akzeptiert. So bietet zum Beispiel der lokale Sportverein Rot-Weiss Moisling Flüchtlingskindern vergünstigte Sportmöglichkeiten an und integriert diese in das Stadtteilleben.

Bis heute folgten drei weitere Gemeinschaftsunterkünfte mit vier beziehungsweise zweimal 14 Wohnungen in Bestandsgebäuden in verschiedenen Stadtteilen. Eine weitere Gemeinschaftsunterkunft mit rund 40 Wohnungen in 18 Doppelhaushälften wird die „Trave“ im Laufe des Jahres 2015 im Stadtteil Kücknitz neu errichten. Der rund 4 Mio. € teure Bau wird aus Mitteln des neuen Landesförderprogrammes „Neues gemeinschaftliches Wohnen für Flüchtlinge“ gefördert und die Wohnanlage nach Fertigstellung langfristig an die Stadt vermietet. Auch hier sind die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens sowie eine gute Nachnutzungsmöglichkeit der Wohnanlage und des Grundstücks wesentliche Voraussetzungen für das Engagement.

Stufe zwei: Zur Probe in normalen Wohnungen
Von Anfang 2013 bis zum Frühjahr 2015 hat die „Trave“ über 80 Wohnungen unter-schiedlicher Größe für das Probewohnen bereitgestellt. Rund 200 Flüchtlinge und Menschen im Asylverfahren sind dort eingezogen. Die Wohnungen sind über den Bestand der „Trave“ (8.300 Wohnungen) räumlich verteilt. Fast alle Mietverhältnisse, die bereits die Jahresfrist erreicht haben, wurden anschließend unbefristet mit den Bewohnern geschlossen. Die bisherigen Erfahrungen mit diesem Modell sind sehr positiv.

Die Wohnraumversorgung von Flüchtlingen und Menschen im Asylverfahren erfordern eine noch stärkere strategische Fundierung und eine Ausweitung der organisatorischen Kapazitäten der „Trave“. So ist zum Beispiel der einer Vermietung vorausgehende personelle Aufwand beim Probewohnen signifikant höher als bei einer normalen Vermietung. Die aufnehmenden Nachbarschaften müssen analysiert und sensibilisiert werden, Mitarbeiter wie die Hauswarte eingebunden und zusätzlich ausgebildet werden.

Es bleiben Fragen
Auch wenn es tatsächlich gelingen sollte, alle zuwandernden Menschen mittelfristig in eigenen Wohnungen unterzubringen, ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen und Bildungs- und Integrationsangebote zu machen, bleibt doch die Sorge, dass einige von ihnen nie richtig in Deutschland ankommen und keine finanziell  auskömmliche Beschäftigung finden werden. Sind diese Haushalte die sozialen Problemfälle der Zukunft und belasten sie künftig die Integrationsbereitschaft funktionierender Nachbarschaften?

Könnten Wohnungsunternehmen zumindest punktuell unter Druck der eigenen Mieterschaft geraten, wenn sie keine geeignete und belastbare Strategie für ihr Engagement entwickeln? Es ist und bleibt wichtig, sich der Realität der Zuwanderung auch unternehmerisch zu stellen.

Über Erfahrungen und Kompetenzen sowie geeignete Instrumente, etwa aus dem Sozialmanagement, verfügt die Wohnungswirtschaft in ausreichendem Maße. Bei richtiger Anwendung wird sich ein Engagement langfristig durch die Erschließung einer zusätzlichen Kundenzielgruppe für Mietwohnungen in städtischen Lagen auch wirtschaftlich auszahlen.

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Redaktion (allg.)

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