Allianz für einen klimaneutralen Gebäudebestand

"Wir wollen den Mietern helfen, sich schlau zu verhalten"

17.02.2017
Mieter beim Bedienen seines Heizungsthermostats
Mieter, die regelmäßig über ihre hohen Heizkosten informiert werden, regeln am ehesten die Heizung ­runter – so die Idee der Allianz für einen klimaneutralen Gebäudebestand. FOTO: FOTOLIA/ HIGHWAYSTARZ

Mit dem Klimaschutzplan 2050 kommen noch einmal höhere Anforderungen auf die Wohnungswirtschaft zu. Jetzt will die von Wohnungsunternehmen, Industrie, Messdienstleistern und Forschungsinstitutionen getragene „Allianz für einen klimaneutralen Wohngebäudebestand“ beweisen, dass sich nicht nur durch Dämmung, sondern auch durch kleine, kostengünstige Maßnahmen eine hohe Energieeffizienz erzielen lässt. In den Blick nimmt die Allianz dabei vor allem das Verhalten der Wohnungsnutzer.

Für Axel Gedaschko, den Präsidenten des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, steht fest, dass in Sachen energieeffiziente Gebäude eine Umsteuerung erforderlich ist. Nötig ist in seinen Augen statt immer mehr Fassadebdämmplatten eine Politik, „die die Bezahlbarkeit des Wohnens für den Endverbraucher wahrt“. Und das bedeute, „mit geringinvestiven Maßnahmen möglichst viel CO2 einzusparen“.

Wie dieses Ziel genau erreicht werden kann, will die neue „Allianz für einen klimaneutralen Gebäudebestand“ untersuchen. Das ehrgeizige Ziel: den Wärmeverbrauch in Wohnimmobilien zu wirtschaftlich vertretbaren Kosten deutlich verringern, den CO2-Ausstoß im Wärmebereich reduzieren und aufzeigen, wie sich bis zum Jahr 2050 ein klimaneutraler Wohngebäudebestand erreichen lässt.

Vier Teilprojekte

Dass der Handlungsbedarf groß ist, unterstreicht die jüngste Energiekennwerte-Studie des Messdienstleisters Techem. Demnach ist der witterungsbereinigte Verbrauch von Erdgas, Heizöl und Fernwärme zwischen 2008 und 2015 im Durchschnitt um lediglich 1,2 Prozent pro Jahr zurückgegangen. Um wie geplant den Wärmeverbrauch von Gebäuden bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent zu reduzieren, wäre nach Angaben von Techem ein annähernd doppelt so hoher Rückgang nötig gewesen.

Um hier eine Verbesserung zu erzielen, nimmt das von der Allianz getragene Forschungsprojekt vier Punkte in den Blick, wie Prof. Dr.-Ing. Viktor Grinewitschus ausführt. Er hat die Professur für Energiefragen der Immobilienwirtschaft an der EBZ Business School – University of Applied Sciences inne und leitet das Forschungsprojekt der Allianz. In einem ersten Schritt werden Datensätze aus der Vergangenheit ausgewerte, um die Wirksamkeit von Sanierungsmaßnahmen zu erheben. Darauf aufbauend richten sie das Augenmerk auf die Optimierung der Wärmeerzeugung sowie auf die Verbesserung der Wärmeverteilung. Vierter Punkt schließlich sind technische Assistenzsysteme, die das energiesparende Verhalten der Bewohner fördern. Eingesetzt werden soll dieses Maßnahmenbündel in 500 Mehrfamilienhäusern der beteiligten Wohnungsunternehmen.

Durchschnittlicher Heizkessel ist 20 Jahre alt

Großes Optimierungspotenzial sieht Grinewitschus auch bei der Wärmeverteilung: Oft würden die Heizkörper nicht gleichmäßig mit Wärme versorgt, und die Temperaturniveaus und Pumpenleistungen seien häufig zu hoch. Eine Verbesserung könnten beispielsweise Strangregulierventile und der hydraulische Abgleich bringen. Dabei gehe es nicht darum, technische Innovationen zu entwickeln, sondern darum, die Wirkungen bereits bekannter Instrumente zu ermitteln.

Das Nutzerverhalten im Blick

Vergangene Untersuchungen hatten gezeigt, dass insbesondere nach Maßnahmen der energetischen Modernisierung der errechnete und der tatsächliche Energieverbrauch oft weit auseinanderklaffen. Projektleiter Grinewitschus. „Wir wollen den Probanden deshalb helfen, sich schlau zu verhalten.“

Geschehen soll dies in erster Linie dadurch, dass die Mieter zeitnah über ihren Wärmeverbrauch informiert werden. Dafür erhalten sie eine App, die es ihnen ermöglicht, über ihr Smartphone oder ihren Computer jederzeit einzusehen, wie viel Wärme sie zuletzt verbraucht haben. Auch ein Vergleich mit den Werten des Vorjahreszeitraums und mit dem Durchschnitt des Verbrauchs der anderen Hausbewohner lässt sich so ziehen.

Verschwendung verringern

Dazu beitragen sollen smarte Thermostate, die in Projektwohnungen installiert werden. Diese Thermostate erkennen automatisch, wenn die Bewohner lüften, und regeln die Heizung ab. Dafür, dass die Mieter ausreichend oft lüften, sollen ebenfalls technische Assistenzsysteme sorgen. „Ich bin überzeugt, dass man mit solchen Maßnahmen für weniger als zehn Euro pro Quadratmeter Wohnfläche viel Energie einsparen und damit bis zu 15 Prozent CO2 zusätzlich vermeiden kann“, sagt Frank Hyldmar, Vorsitzender der Geschäftsführung von Techem.

Eine politische Stoßrichtung

In der Allianz haben sich neben dem GdW vier große Wohnungsunternehmen (Vonovia, LEG, Dogewo21 sowie Spar- und Bauverein eG Dortmund), vier Unternehmen aus Industrie und Energieberatung (Bosch Thermotechnik, Danfoss, Ista und Techem) sowie zwei wissenschaftliche Institutionen (EBZ Business School und Technische Universität Dresden) zusammengeschlossen. Ihr geht es auch darum Alternativen zu immer strengeren Auflagen seitens der Politik aufzuzeigen.

„Erst ein technologieoffener und gleichberechtigter Lösungsmix aus Dämmung, effizienter Anlagentechnik und geringinvestiven Maßnahmen erschließt Energieeffizienzpotenziale in deutschen Wohngebäuden auf ganzer Linie“, formuliert es Viktor Grinewitschus. Diese Energieeffizienz ermögliche dann „die flächendeckende Nutzung regenerativer Energiequellen und damit einen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2050, ohne Wohnungswirtschaft und Mieter über Gebühr finanziell zu belasten“.

Die ersten Auswertungen sollen Mitte 2017 vorliegen. Das Gesamtprojekt dauert bis 2018.

Autor: Christian Hunziker

Suchbegriffe:  WohnungswirtschaftKlimazieleEnergieeffizienzThermostateCO2-EmissionenHeizen

aus: IVV Ausgabe 02/2017

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