Neue Arbeitswelt

Corona öffnet der Digitalisierung die Tür

Mitarbeiter im Homeoffice, digitale Besichtigungen für Mietinteressenten, Videokonferenzen statt persönlicher Meetings: Die Coronakrise hat die Arbeitsorganisation von Wohnungsunternehmen durcheinandergewirbelt. Viele dieser Umstellungen werden auch nach dem Abflauen der Pandemie erhalten bleiben.
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 Bild: Adobestock/ST.Art
Bild: Adobestock/ST.Art

Am 16. März dieses Jahres reagierte die Wohnbau Prenzlau schnell. Unmittelbar nach dem durch die Corona-Pandemie ausgelösten Lockdown schickte René Stüpmann, Geschäftsführer der kommunalen Gesellschaft in der brandenburgischen Kleinstadt Prenzlau, fast alle seine Mitarbeiter ins Homeoffice. „Dank unseres hohen Digitalisierungsgrades war dies innerhalb eines Tages möglich“, blickt Stüpmann zurück. Am Unternehmenssitz verblieb eine einzige Sekretariatsmitarbeiterin, die morgens die Post einscannte und digital an die Abteilungen weiterleitete.

So radikal wie die Wohnbau Prenzlau reagierten zwar nicht sämtliche Wohnungsunternehmen auf die Herausforderung durch Covid-19. Aber fast alle Unternehmen ließen einen größeren Teil ihrer Belegschaft von zu Hause aus arbeiten. Bei der GAG Immobilien AG in Köln beispielsweise erledigten in den ersten Wochen der Pandemie bis zu 80 Prozent der Beschäftigten ihre Arbeit vom heimischen Schreibtisch aus. Ähnlich hoch war die Quote beim Dax-Konzern Deutsche Wohnen, während beim Spar- und Bauverein eG Dortmund etwa 40 Prozent der Beschäftigten nicht im Büro waren.

Mobiles Arbeiten setzt sich durch

Mittlerweile sind zwar viele Mitarbeiter wieder in ihre angestammten Büroräume zurückgekehrt. Eine Umfrage unter Wohnungsunternehmen zeigt aber, dass die Coronakrise dem mobilen Arbeiten einen Schub geben und die Arbeitsorganisation dauerhaft verändern dürfte. Das illustriert wiederum das Beispiel der Wohnbau Prenzlau: Bei ihr hatten die Beschäftigten schon vor Ausbruch der Pandemie das Recht, einen Tag in der Woche zu Hause oder mobil zu arbeiten. „Zum 1. Juli haben wir dies auf zwei Tage in der Woche erhöht“, berichtet Geschäftsführer Stüpmann.

Ähnlich ist die Situation bei der Joseph-Stiftung, die ebenfalls zu den digitalaffinen Wohnungsunternehmen gehört. Sie führte bereits 2018 ein Modell ein, das es einem Großteil der Belegschaft ermöglicht, an einem Tag in der Woche mobil zu arbeiten. „Inzwischen haben zwei Drittel aller Mitarbeitenden einen solchen Vertrag erhalten“, sagt Klemens Deinzer, Vorstand des kirchlichen Wohnungsunternehmens in Bamberg. Darüber hinaus sei etwa ein Drittel der Verträge auf wöchentlich bis zu vier Tage mobile Arbeit erweitert worden. „Im Unternehmen“, berichtet Deinzer, „wird das sehr gut angenommen.“

Auch bei der Berliner degewo habe die Coronakrise dazu geführt, dass die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten deutlich intensiver genutzt worden sei als geplant, sagt Vorstandsmitglied Sandra Wehrmann. Für sie steht fest, „dass das mobile Arbeiten ein fester Bestandteil der degewo-Arbeitswelt geworden ist“. Allerdings seien die Erfahrungen unterschiedlich: Manche Mitarbeiter schätzten das mobile Arbeiten, während andere das Büro bevorzugten.

Wird weniger Bürofläche benötigt?

Nicht wenige Beobachter erwarten, dass der Siegeszug des mobilen Arbeitens dazu führen wird, dass Unternehmen in Zukunft weniger Bürofläche beanspruchen werden. Doch die Vertreter der Wohnungswirtschaft sind von dieser These nicht überzeugt. „Noch ist es zu früh für eine Feststellung, ob wir deswegen in Zukunft weniger Büroflächen benötigen werden“, sagt degewo-Vorstandsmitglied Wehrmann.

Aussagen zur konkreten Ausgestaltung und zu eventuellen Anpassungen der Immobilien könnten noch nicht getroffen werden, sagt auch Laura Kruß, Referentin Unternehmenskommunikation bei der Deutsche Wohnen. Ihr Unternehmen erwäge zwar, das mobile Arbeiten in Zukunft auszubauen, halte aber auch an der Möglichkeit fest, Vollzeit im Büro vor Ort tätig zu sein. Nicht wenige Mitarbeiter kommen schon jetzt gerne wieder ins Büro, wie Klemens Deinzer von der Joseph-Stiftung beobachtet. „In puncto persönlicher Begegnungen haben viele Kollegen ein echtes Nachholbedürfnis“, stellt er fest. Die Joseph-Stiftung will deshalb zukünftig mobiles Arbeiten mit der Option verbinden, an zwei bis drei Tagen pro Woche ins Büro zu kommen.

Büroflächen werden also nicht in großem Stil verwaisen. Ihre Hauptverwaltung sogar ausbauen will die Spar- und Bauverein eG in Dortmund – die Zahl der Mitarbeiter steigt nämlich. Wie die Joseph-Stiftung plant auch die Dortmunder Genossenschaft für die Zukunft ein Mischmodell aus Präsenzarbeit und Homeoffice. „Das mobile Office“, betont der Vorstandsvorsitzende Franz-Bernd Große-Wilde, „wird nur ein Baustein der flexiblen Arbeitssituationen sein.“ Zur Flexibilität trägt nach seinen Worten die Umgestaltung der Hauptverwaltung bei. Die Umstrukturierung, die laut Große-Wilde schon vor der Coronakrise begonnen hat, soll offene und flexible Arbeitsbereiche mit Kommunikations- und Begegnungszonen schaffen.

Kommunikation mit Mietern verändert sich

Wie sich die durch die Corona-Pandemie ausgelösten Kontaktbeschränkungen auf die Kommunikation mit den Kunden auswirken, wird unterschiedlich beurteilt. „Im Grundsatz hat sich der Umgang unseres Hauses mit unseren Mietern und Mietinteressenten nicht wirklich verändert“, sagt degewo-Vorstandsmitglied Sandra Wehrmann. Ganz ähnlich äußert sich GAG-Vorstandsvorsitzender Uwe Eichner: „Natürlich mit mehr Abstand, aber wir sind immer noch vor Ort und bei den Menschen.“

Das bedeutet allerdings nicht, dass nicht neue technologische Möglichkeiten zum Einsatz kommen. Die degewo hat bereits Anfang 2020 – also unabhängig von Corona – eine Zentrale Kundenberatung für alle Mieter eingeführt. Und die GAG Immobilien beobachtet bei Mietinteressenten eine große Bereitschaft, sich auf virtuelle Besichtigungen einzulassen. Dass auch bei Bestandskunden die Offenheit zunimmt, auf digitalem Weg zu kommunizieren, zeigt die Spar- und Bauverein eG: Die Genossenschaft führte bereits im letzten Winter eine Online-Serviceplattform ein, auf der sich bisher etwa 15 Prozent der Mitglieder registriert haben. „Unmittelbar nach dem Lockdown stieg die Anzahl der die Onlineservices (Mietbescheinigungen etc.) nutzenden Teilnehmer aus dem Kreis der Genossenschaftsmitglieder sprunghaft und deutlich an“, berichtet Vorstandsvorsitzender Große-Wilde.

Auch René Stüpmann von der Wohnbau Prenzlau rechnet damit, „dass sich das Verhalten unserer Mieterinnen und Mieter zukünftig weiter an die technischen Möglichkeiten anpasst“. Die Wohnbau hat im Januar dieses Jahres einen Online-Service eingeführt, der als Webversion und App zur Verfügung steht. Stüpmann erwartet, dass dieser Online-Service „in einigen Jahren der Hauptkommunikationskanal zwischen unserer Mieterschaft und uns werden wird“.

„Booster der Digitalisierung“

Einig sind sich die befragten Unternehmen, dass die Coronakrise die Digitalisierung voranbringt. „Corona ist der Booster der Digitalisierung, den die Wohnungswirtschaft gebraucht hat“, erklärt Uwe Eichner von der GAG Immobilien. „Bisher konnte sich die Wohnungswirtschaft aufgrund der gesunden Geschäftslage Zeit lassen. Jetzt fragen sich Kunden und Mitarbeitende, warum vieles, was in anderen Branchen schon selbstverständlich ist, in der Wohnungswirtschaft noch Zukunftsmusik ist.“

In einem gewissen Sinne wirke Corona wie ein Katalysator, sagt auch degewo-Vorstandsmitglied Sandra Wehrmann. „Insbesondere in der internen Kommunikation und Zusammenarbeit wurden verstärkt digitale Kollaborationstools eingesetzt, die ohne die Ausnahmesituation nicht mit der Geschwindigkeit zur Routine geworden wären.“ Von einem „Türöffner“ für die Digitalisierung spricht Laura Kruß von der Deutsche Wohnen. „Denn es beginnt ein grundlegendes Umdenken, und tradierte Verhalten werden hinterfragt.“

Eines allerdings machen die Branchenvertreter ebenfalls deutlich: Der persönliche Kontakt wird auf Dauer nicht durch digitale Tools abgelöst werden. Digitale Lösungen seien lediglich „ein weiterer Kanal für den Kundenkontakt“, formuliert es Sandra Wehrmann von der degewo. Und Uwe Eichner von der GAG Immobilien betont, der persönliche Kontakt zu den Kunden bleibe wichtig – „ansonsten können wir keinen Beitrag mehr zu einer lebenswerten und werthaltigen Wohnumgebung leisten“.

Christian Hunziker

Christian Hunziker
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Artikel Corona öffnet der Digitalisierung die Tür
Seite 6 bis 8
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