Online-Handel erzeugt Paketflut in Ballungsräumen – digitale Zustellung kann helfen

Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Die stetig anschwellende Paketflut erfordert neue Logistiklösungen auf dem letzten Kilometer. Einige Wohnungsunternehmen befassen sich bereits mit dem Thema.
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Boten immer in Eile: Der boomende Online-Versandhandel überschwemmt die Städte mit Paketen. 2018 wurden 3,5 Milliarden Sendungen ausgeliefert. Bild: Bluraz/stock.adobe.com
Boten immer in Eile: Der boomende Online-Versandhandel überschwemmt die Städte mit Paketen. 2018 wurden 3,5 Milliarden Sendungen ausgeliefert. Bild: Bluraz/stock.adobe.com

Die schöne neue Onlinewelt erscheint so einfach. Gemütlich am Rechner shoppen und die Bestellungen werden direkt an die Haustür geliefert. Die Realität zeigt oft leider eine andere Seite: Die Fahrzeuge von DHL, Hermes & Co. verstopfen die Straßen, sind laut und sorgen für schlechte Luft. Sendungen können nicht zugestellt werden und die Empfänger reihen sich nach Feierabend in die Schlange am Paketschalter ein.

Im Jahr 2018 beförderten die Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) laut Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK) bereits 3,52 Milliarden Sendungen und kamen einmal mehr auf einen neuen Rekord. Und damit scheint die Höchstmarke noch lange nicht erreicht. Zum Jahr 2023 soll das Volumen auf 4,4 Milliarden Sendungen ansteigen, so die BIEK-Prognose. „Wir brauchen neue Lösungen für die städtische Belieferung, sonst droht insbesondere in den Großstädten der Verkehrskollaps“, sagt Professor Jan Ninnemann, Leiter des Studiengangs Logistics Management an der Hamburg School of Business Administration (HSBA). Längst erprobt man vielerorts neue Ansätze, um die Probleme auf der letzten Meile der Paketzustellung in den Griff zu bekommen – und auch immer mehr Unternehmen aus der Wohnungswirtschaft beschäftigt das Thema.

Entlastung nur zusammen mit der Wohnungswirtschaft

Umtriebig zeigt man sich vor allem in den Metropolen. In Hamburg etwa hat die Behörde für Wirtschaft und Verkehr gemeinsam mit der Logistik-Initiative Hamburg das Projekt SMILE (Smart Last Mile Logistics) angeschoben, um gleich einen ganzen Strauß innovativer Strategien für eine nachhaltige Citylogistik voranzutreiben. In anderen Städten wie Berlin, München oder Düsseldorf leuchtet man ebenfalls mit verschiedenen Projekten zukunftsweisende Wege aus – ob die Anlieferung per Lastenrad, Roboter oder Drohne, vernetzten Paketboxen in Mehrfamilienhäusern oder Mikrodepots. „Für eine spürbare Wende müssen die wichtigen Partner an einem Strang ziehen – die Wohnungswirtschaft nimmt hier eine wichtige Rolle ein“, betont Ninnemann.

„Paketboten konnten meist nur die Hälfte der Lieferungen zustellen.

Christian Brokate, Vorstand Baugenossenschaft Esslingen

Volkwagen Immobilien testet digital vernetzte Lieferstationen

Einige Unternehmen der Branche gehen das Thema bereits an. „Vor rund zwei Jahren hat unsere VWI-Innovationsmanagement damit begonnen, digital vernetzte Lieferstationen für Wohnquartiere zu untersuchen“, berichtet Tobias Fruh, Pressesprecher von Volkswagen Immobilien. Das erste Bauvorhaben mit solch einer Station wird Ende diesen Jahres bezugsfertig sein, den Bewohnern der Business Apartments im neuen Wolfsburger Quartier SPLACE stehen dann hochmoderne Paketkästen im Gebäude zur Verfügung, die vielfältige Möglichkeiten der Aufbewahrung und weitere Dienstleistungen bieten sollen. „Mit dem anhaltenden Trend des Online-Shoppings rechnen wir auch künftig mit verstärkten Warenlieferungen in die Wohnquartiere“, so Fruh.

Die Baugenossenschaft Esslingen nahm die ersten smarten Paketboxen in einer Wohnanlage in der Richard-Hirschmann-Straße bereits vor zwei Jahren in Betrieb. Die Anlagen kommen von der Firma Renz. „Von unserer Geschäftsstelle in einem Wohngebiet sahen wir, dass Paketboten täglich mehrfach auf das Areal fuhren, aber meist nur die Hälfte der Lieferungen zustellen konnten“, berichtet Christian Brokate, Vorstand der Baugenossenschaft Esslingen. Überlegungen, wie wieder mehr Ruhe auf dem Gelände einkehren und man das Serviceangebot für die Mitglieder der Baugenossenschaft erweitern könnte, führten schnell zu den Paketkästen. „Nach einem sechsmonatigen Testlauf haben wir entschieden, unseren gesamten Bestand von 3.000 Wohnungen damit auszustatten“, sagt Brokate. Dafür plane man derzeit 22 Anlagen mit jeweils durchschnittlich 40 Fächern, im Mittel teilen sich damit drei Wohnungen ein Paketfach. 16 Anlagen stehen bereits. Die Kosten liegen inklusive aller baulicher Maßnahmen insgesamt bei rund einer Million Euro. Auch weitere Möglichkeiten der Nutzung hat man im Auge. „Ein Anwohner betreibt eine Reinigung, es wäre denkbar einen Wäscheservice für zu reinigende Textilien über die Paketkästen einzurichten“, so Brokate. Auch könnten die Mitglieder untereinander Bohrmaschine oder anderes Werkzeug austauschen. „Es gibt noch reichlich Potenzial, das wir heben möchten.“

Renz hat rund 400 Paketanlagen aufgestellt

„Wie bieten seit sieben Jahren Paketkästen an und seit gut drei Jahren mit unserem Produkt myRENZbox eine smarte Lösung“, berichtet Daniel Nuding, Leiter Vertriebsaußendienst bei der Firma Renz. Gut 400 Anlagen wurden inzwischen deutschlandweit von Renz aufgestellt, bislang vor allem im Premiumbereich des Wohnungsbaus. Die intelligenten Boxen lassen sich über eine flexible Systemplattform mit unterschiedlichen Zustellern, Lieferdiensten, Warenwirtschaftssystemen, Webshops oder Quartierssoftware vernetzen und so vielfältig einsetzen. Zustellung und Rücksendungen sind rund um die Uhr sieben Tage die Woche möglich, die Nutzer erhalten die relevanten Informationen je nach Wunsch per App, SMS oder E-Mail. Zudem arbeitet man an neuen Optionen, derzeit etwa an Kühlfächern für Lebensmittelbestellungen. „Der Onlinehandel mit Lebensmitteln nimmt immer mehr Fahrt auf, darauf möchten wir reagieren“, so Nuding. Aktuell laufe bereits ein Feldtest mit entsprechenden Kühlfächern in Frankreich.

„Wegen des Trends zum Online-Shopping rechnen wir künftig mit verstärkten Warenlieferungen in die Wohnquartiere.“

Tobias Fruh, Pressesprecher Volkwagen Immobilien

„Immer mehr Wohnungsbauunternehmen, Architekten und Planer beschäftigen sich mit dem Thema Paketzustellung“, sagt Katharina Beger vom Unternehmen Max Knobloch, das seit April 2019 sein PAKNO-System mit neuer Soft- und Hardware für Paketkästen und -anlagen für Mehrfamilienhäuser anbietet. Das System von Knobloch ist für alle Zusteller ohne vorherige Regis-trierung nutzbar, der Empfänger erhält nach der Anlieferung per E-Mail den Öffnungscode und kann diesen auf einem Display direkt an der Paketbox eingeben, um seine Sendung zu entnehmen. Die zentrale Verwaltung der Nutzer läuft über eine Cloud.

„Paketstationen bald so normal wie Briefkästen“

„Paketstationen erhöhen die Attraktivität unserer Wohnungen“, meint Peter Flaig, geschäftsführender Vorstand bei der Baugenossenschaft Sinsheim, die im Mai erstmals Paketfächer der Firma Knobloch für einen Neubau gleich neben der Klingelanlage aufgestellt hat. „Wir möchten einen zusätzlichen Service im Rahmen des vernetzten Wohnens bieten, das Feedback ist sehr positiv“, so Flaig. In einigen Jahren werden Paketkästen so normal sein wie Briefkästen, davon ist er überzeugt. Insofern plane man diese jetzt bei jedem Neubau gleich mit.

Im quirligen Berliner Quartier Holzmarkt wiederum beschäftigen sich die LogisticNetwork Consultants GmbH (LNC) gemeinsam mit weiteren Partnern im Rahmen des Forschungsprojekts Stadtquartier 4.0 mit der Frage, wie eine möglichst stadtverträgliche und nachhaltige Logistik in den Quartieren der Zukunft aussehen könnte. Einen zentralen Baustein bildet hier das flexible Paketsystem Bentobox, welches ein- und ausgehende Lieferverkehre bündeln soll, sich bei Bedarf rasch modular erweitern oder verkleinern lässt und ebenfalls anbieteroffen entwickelt wurde. Es dient nicht nur als Paketstation, sondern gleichzeitig als Ladestelle für elektrische Lastenräder. „Daneben denken wir über weitere Anwendungen nach, wie etwa Sharing-Fächer für Werkzeuge, die die Anwohner dann gemeinsam nutzen können“, sagt Christian Kaden von LNC. Integriert ist die Bentobox in ein ganzheitliches Logistikmanagement, welches die verschiedenen Bausteine des Projektes verbindet. Dazu gehören ein Sharing-System mit einer Flotte von E- Fahrzeugen sowie Ansätze der urbanen Produktion.

Experimente mit Paketrobotern

Smarte mobile Zustellhelfer testet man in verschiedenen Städten ebenfalls längst für die Auslieferung von Paketen. So schickte Hermes in Hamburg bis März 2017 kleine Paketroboter auf die Straße, die Deutsche Post wiederum den autonomen Postbot, der die Zusteller begleiten sollte und sich letztendlich als zu teuer erwies. Das Thema beflügelt aber weiter den Innovationsgeist: Auf dem Gelände der Bundesgartenschau (BUGA) 2019 in Heilbronn setzte die Firma Renz gerade mit weiteren Partnern drei fahrerlose Transportfahrzeuge ein, um die Akzeptanz der Bewohner auszuloten. Der wendige Paketkasten sucht sich sein Ziel mithilfe verschiedener Beleuchtungssysteme und Sensoren, der Adressat kann mittels App bestimmen, wohin zu welcher Zeit geliefert werden soll. Öffnen lässt sich der smarte Helfer per PIN oder Hardware-Token und könnte in Zukunft vernetzt mit einem zentralen Mikrohub den Paketverkehr bündeln, so die Idee. „Allerdings müssen autonome Paketroboter in Deutschland zurzeit noch von Menschen begleitet werden“, sagt Nuding von Renz.

Experimente mit Drohnen

Auch aus der Luft könnte das Paket in Zukunft kommen – diese Variante zumindest wurde bereits mehrfach erprobt. Dafür experimentierten rund um den Globus KEP-Dienste und auch Onlinehändler Amazon oder der Pizzalieferdienst Domino mit Drohnen, die dann beispielsweise die Sendungen vom Lieferfahrzeug abholen und direkt zum Kunden bringen. „Solche autonomen Fluggeräte eignen sich bisher allerdings eher für den Expresstransport leichter Güter wie Arzneimittel und fallen vorerst noch in die Kategorie technisches Experiment“, urteilt Ninnemann.

Auslieferung mit E-Lastenfahrrädern

Ein Ansatz mit mehr Bodenhaftung: Mikrodepots, von denen aus Paketboten etwa mit Lastenrädern oder Sackkarren zustellen. „Für die Zwischenlagerung in den Depots brauchen wir allerdings geeignete zentrale Flächen von 15 bis 50 Quadratmetern in der Stadt“, legt Ninnemann dar. Denkbar wären sie etwa in Bahnhöfen, Parkhäusern, Supermärkten oder eben auf dem Gelände von Neubauquartieren. Wie sich die Pakethubs im Detail auswirken, hat Ninnemann für ein Projekt in Hamburg wissenschaftlich ausgewertet. In diesem Fall erprobte der Paketdienst UPS gut zwei Jahre die Zustellung mit E-Cargobikes von vier mobilen Mikro-Depots aus. Im Vergleich zur herkömmlichen Zustellung per Transporter sank das Verkehrsaufkommen allein mit den vier Depots um bis zu 24.000 Fahrzeugkilometer und es konnten bis zu 18,6 Tonnen CO2 jährlich eingespart werden.

Auf ein ähnlich positives Ergebnis kommt man in Berlin, in dem Projekt KoMoDo kooperieren erstmals die fünf großen KEP-Dienste Hermes, DHL, DPD, GLS und UPS. Sie liefern noch bis Ende des Jahres mit elf E-Lastenrädern von einem Mikrodepot im Radius von drei Kilometern im Prenzlauer Berg ihre Pakete aus. „Solche Hubs als Quartierslösung machen vor allem an städtischen Standorten mit hoher Bevölkerungsdichte Sinn“, so Kaden von LNC, das Beratungsunternehmen betreut das Projekt und wertet es aus.

Bei der Planung neuer Vorzeigequartiere spielt das Thema City-Logistik inzwischen ebenfalls eine Rolle. „Der Druck zum Handeln erhöht sich mit dem steigenden Paketaufkommen“, weiß Ninnemann. Im Hamburger Quartier Mitte Altona beispielsweise soll das jährliche Aufkommen laut Prognose allein für den ersten Abschnitt mit 1.600 Wohnungen im Jahr 2020 bis zu rund 140.000 Sendungen betragen, das wären von Montag bis Samstag gut 450 Pakete täglich. „Für einige neue Quartiere plant man bereits zentrale Annahmestellen oder Auslieferungshubs“, so Ninnemann. Im DomagkPark in München etwa wurde eine Concierge-Station errichtet, an die Pakete zentral geliefert werden, um den individuellen Zustellverkehr gering zu halten. Die Sendungen werden von einem Service-Mitarbeiter per E-Cargobike im Quartier ausgeliefert oder einfach von den Bewohnern dort abgeholt.

Bettina Brüdgam

Bettina Brüdgam
freie Journalistin
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Artikel Jeder hat sein Päckchen zu tragen
Seite 28 bis 31
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