Nachhaltigkeit

Recycling-Beton für die Revitalisierung

In München wurden die Gebäude einer ehemaligen Sektkellerei zu modernen Büros aufgewertet. Für die Aufstockung und die Verstärkung alter Gebäudeteile kam Recycling-Beton zum Einsatz. Diese Art der Revitalisierung kann für Projektentwickler ein Weg sein, Ressourcen zu schonen und dennoch Rendite zu erzielen.
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Münchens größte innerstädtische Photovoltaik-Anlage produziert Energie auf dem Dach der revitalisierten Büroimmobilie Centro Tesoro. Bild: Schwaiger Group/Tristan Thaller
Münchens größte innerstädtische Photovoltaik-Anlage produziert Energie auf dem Dach der revitalisierten Büroimmobilie Centro Tesoro. Bild: Schwaiger Group/Tristan Thaller

Energieeffizientes Bauen und Sanieren ist beim Eigenheim mittlerweile gang und gäbe, bei Gewerbeimmobilien besteht aber weiterhin Nachholbedarf. Zwar mögen 2,7 Millionen Nichtwohngebäude im Vergleich zu 19 Millionen Wohngebäuden auf den ersten Blick wenig relevant erscheinen, aufgrund ihrer großen Flächen fällt ihr Anteil am Endenergieverbrauch laut dena mit 36 Prozent dafür umso höher aus. Während in den Gebäudeklassen Handel und Hotel, aber auch bei den Kommunen die Notwendigkeit erkannt wird, in Energieeffizienz zu investieren, ist bei Büroimmobilien noch sehr viel Luft nach oben.

Revitalisierung: Green Building statt Green Washing

Die Revitalisierung vorhandener Bausubstanz ist deshalb sinnvoll, weil nicht nur das Resultat nachhaltig ist, sondern auch der Weg dorthin. Ähnlich wie beim E-Auto muss am Ende die Ökobilanz stimmen. Bei der Revitalisierung von Immobilien beträgt der Bedarf von mineralischen Baustoffen im Durchschnitt nur 40 Prozent dessen, was bei einer Entscheidung für einen Abriss und Neubau derselben Immobilie fällig geworden wäre. Green Building statt Green Washing muss deshalb die Devise lauten. Das ist aus wirtschaftlicher Sicht kein einfaches Unterfangen. Mit detaillierter, kleinteiliger Planung und visionärem Willen können jedoch über diesen Weg erstaunliche Ergebnisse erzielt und so Projekte geschaffen werden, die beispielgebend für die Immobilienbranche sind.

Eingedenk dieser Überlegungen hat der Projektentwickler Schwaiger 2016 im Münchner Osten die ehemalige Nymphenburger Sektkellerei in Angriff genommen und an ihr ein grünes Exempel statuiert. Der Anspruch: Zwei in die Jahre gekommene Objekte aus den 1980er- und 1990er-Jahren zu einem modernen, architektonisch ineinander übergehenden Bürokomplex mit knapp 24.000 Quadratmetern zu verbinden, der ökonomisch und ökologisch neue Standards setzt.

Mehr Aufwand, aber preiswert

Investoren dürfte die Erfahrung der Schwaiger Group am Beispiel des Centro Tesoro aufhorchen lassen: Im Vergleich zu einem Neubau lagen die Kosten bei der Sanierung um fast zwei Drittel tiefer bei weniger als 400 Euro pro Quadratmeter. Und: Auch die Gewerbemieter im Centro Tesoro profitieren vom Ergebnis, denn die Nebenkosten fallen mit 1,34 Euro pro Quadratmeter konkurrenzlos niedrig aus. Der Lösungsansatz ist einfach: Alte Bausubstanz bedeutet nicht per se schlechte Bausubtanz. Man muss sich „nur“ bei der Planung und Ausschreibung für viele kleinteilige Einzelmaßnahmen begeistern und einem stringenten Konzept folgen.

Zu den Maßnahmen gehörten in Sachen Energieeffizienz beim Centro Tesoro nicht weniger als Münchens größte innerstädtische Aufdach-Photovoltaikanlage, eine neue Dämmung der Außenhülle, die 40 Prozent über den gesetzlichen Vorgaben liegt, eine neue, hoch effiziente Heizanlage mit neuester Gas-Brennwert-Technik sowie eine smarte Gebäudeleittechnik an TGA-Einrichtungen wie Heizung, Hebeanlage und Aufzügen, die der Schwaiger Group ermöglicht, die gesamte Gebäudetechnik intelligent sowie ressourcenschonend zentral zu steuern. Hier liegt ein zentraler Hebel: Mit intelligenter Steuerung lassen sich beispielsweise bis zu 50 Prozent der Stromkosten sparen. Nicht unbedingt benötigte Anlagen können dann etwa vorübergehend abgeschaltet werden. Für eine effiziente Stromnutzung müssen allerdings auch Gebäudenutzer, Erzeugungsanlagen und Speicher eines Betriebsgebäudes in das Energiemanagement einbezogen werden. Das bedeutet, dass nicht nur Maschinen und Anlagen, sondern auch Klimatechnik, Beleuchtung und Heizung berücksichtigt und mit der Photovoltaikanlage gekoppelt werden müssen.

Einsatz von Sekundärbaustoffen

Für die Schwaiger Group gehört aber zum Thema Nachhaltigkeit noch mehr. Um den Verbrauch von Primärrohstoffen so gering wie möglich zu halten, wurde verstärkt recyceltes Material verwendet. Etwa beim Bodenbelag für den Innenausbau oder bei der Mineralwolle für die Dämmung. Bei der Aufstockung um zwei Volletagen und der Verstärkung der vorhandenen Bausubstanz kam Recycling-Beton zum Einsatz.

Zwar sind die Hürden noch zu groß, Projekte zu 100 Prozent mit Sekundärbaustoffen umzusetzen, das Ziel muss aber sein, sich konsequent daran auszurichten, Bau-Rohstoffe nicht zu verschwenden, sondern sich auf Lösungen zu konzentrieren, die die Wiederverwendung von Altbaustoffen als hochwertige Werkstoffe ermöglichen. Damit sich ein Bewusstsein für eine geschlossene Kreislaufwirtschaft durchsetzen kann, müsste die öffentliche Hand den Einsatz zur Bedingung bei entsprechenden Ausschreibungen machen. Das ist notwendig, weil die Klimaziele realistisch ohne den verstärkten Einsatz von Recyclingbaustoffen nicht erreicht werden können. Dazu gehört auch, sich kritisch dem Problem der Nachverfolgung des Recycling-Prozesses zu widmen, damit die Anwender keine Angst haben müssen, etwas „untergejubelt“ zu bekommen.

Problem: Downcycling statt Recycling von Bauschutt

Der Bauboom der vergangenen zehn Jahre treibt den Rohstoffbedarf weiter an. Laut Statistischem Bundesamt kamen 2013 im Bausektor 534 Millionen Tonnen mineralische Baurohstoffe zum Einsatz. Gleichzeitig stellen mineralische Bauabfälle mit Abstand die größte Abfallfraktion dar. 2016 fiel in Deutschland eine statistisch erfasste Menge von 215 Millionen Tonnen an mineralischen Bauabfällen an, die je nach Kategorie offizielle Verwertungsquoten zwischen 80 und 90 Prozent aufweisen. Die zurückgewonnenen Baustoffe kommen überwiegend nicht für gleichwertige Anwendungen zum Einsatz, sondern etwa als Auffüllmaterial zur Stabilisierung im Tief- und Wegebau. Der Bauschutt gelangt überwiegend in minderwertiger Funktion in den Kreislauf zurück. Das Potenzial zur Herstellung von hochwertigen Werkstoffen wie Beton bleibt dadurch ungenutzt – und damit der Bedarf an Primärrohstoffen ungebremst. Das tatsächliche Recycling von mineralischen Baustoffen spielt aktuell noch eine verschwindend geringe Rolle.

Öffentliche Hand muss Weg für Recycling ebnen

Auch die öffentliche Hand muss noch bestehende Hemmungen überwinden und über entsprechende Ausschreibungen den ressourcenschonenden Weg ebnen. Dabei gilt es, veraltete Regularien und Normen zu aktualisieren, damit sie dem heutigen Stand der technischen Entwicklung entsprechen. Für die Durchsetzung einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft spricht im Übrigen schon das Kreislaufwirtschaftsgesetz, das die öffentliche Hand dazu verpflichtet.

Dass der von der Schwaiger Group eingeschlagene Weg zukunftsfähig ist, zeigt die jüngste Auszeichnung für die Revitalisierung des Centro Tesoro als „Nachhaltigstes Immobilienprojekt 2019“. Der Exporo-Juror Hadi Teherani hebt in diesem Zusammenhang unter anderem das vorbildliche Energiekonzept hervor, aber auch den konsequenten Einsatz von Recycling-Baumaterial, das Mobilitätskonzept mit Bike-Sharing und E-Ladestationen sowie das nachhaltige Abfallwirtschaftssystem.

So entsteht Recycling-Beton

Baustoff-Recycling leistet einen großen Beitrag zur Ressourcenschonung und unterstützt das Erreichen der EU-Klimaschutzziele. Bei R-Beton wird gebrochener Naturstein oder auf natürliche Weise entstandener Kies durch eine recycelte Gesteinskörnung, sprich aufbereiteten Bauschutt, teilweise ersetzt. Statt Kies wird im Mischwerk aus dem entsprechenden Silo das aufbereitete Recyclingmaterial beigemischt. Es lohnt sich, bei geeigneten Abrissobjekten den selektiven Rückbau anzustreben. Nur so können durch gezielte Trennung der unterschiedlichen Baustoffe beim Rückbau ökonomische Vorteile bei der Herstellung der RC-Gesteinskörnung erzielt werden. Eine nachträgliche Trennung auf dem Recyclinghof vor oder nach der weiteren Aufbereitung ist zwar technisch möglich, verteuert jedoch die RC-Materialkosten.

Die Qualität von Recyclingbeton hängt stark vom Aufbereitungsverfahren und dem Recyclingmaterial ab. Sowohl die Bestandteile des Granulats als auch die Korngrößenverteilung spielen eine Rolle. Verunreinigungen, etwa durch Holzstücke sind ebenso auszuschließen wie chemische Zusätze. Dagegen ist eine exakte Sieblinie beziehungsweise Körnungsabstufung von 0,163 bis 128 Millimeter einzuhalten.

Betongranulat besteht zu mindestens 95 Prozent aus reinem Betonbruch. R-Beton, der aus diesem Material hergestellt wurde, stellt den hochwertigsten Beton unter den Recyclingbetonen dar und wird auch im konstruktiven Betonbau eingesetzt. Mischgranulat ist ein Gemisch aus Betonbruch und Mauerwerksbruch wie etwa Backstein, Ziegel und künstlichem Kalksandstein. R-Beton aus Mischgranulat wird überwiegend für anspruchslose Anwendungen wie Füllbeton oder Magerbeton eingesetzt.

Weiterlesen: www.ivv-magazin.de/urban-mining-die-stadt-als-rohstoffmine

Michael Schwaiger

Michael Schwaiger
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Artikel Recycling-Beton für die Revitalisierung
Seite 40 bis 41
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