Politik und Bürger wollen imposantes Rathaus erhalten

„SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!“

Was das Rathaus im baden-württembergischen Aalen und eine Ausstellung in Frankfurt/Main verbindet. Was eine Abrissbirne in Aktion tatsächlich mit Brutalismus zu tun hat. Und weshalb graue Energie dazu zwingt, beim Klimaschutz anders zu rechnen und neu zu denken.
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„Innen drin ist Naturstein verbaut, es gibt sehr massives Holz, es gibt Edelstahl, es gibt wunderbare Lampen, es gibt die orangenen Türen, es gibt eine blaue Decke, also man hat bewusst dafür gesorgt, dass es nicht zu grau und trist wird.“ Oliver Elser, Kurator der Ausstellung „SOS Brutalismus“ über das Rathaus in Aalen, Quelle: SWR. Bild: Stadt Aaalen
„Innen drin ist Naturstein verbaut, es gibt sehr massives Holz, es gibt Edelstahl, es gibt wunderbare Lampen, es gibt die orangenen Türen, es gibt eine blaue Decke, also man hat bewusst dafür gesorgt, dass es nicht zu grau und trist wird.“ Oliver Elser, Kurator der Ausstellung „SOS Brutalismus“ über das Rathaus in Aalen, Quelle: SWR. Bild: Stadt Aaalen

Nicht nur Wohngebäude kommen in die Jahre, in denen sie sanierungsbedürftig oder schlimmstenfalls ein Fall für die Abrissbirne werden. Auch öffentliche Bauten, die oftmals das Bild einer Stadt und das gesellschaftliche Leben prägen, sind von einer kritischen Bestandsaufnahme nicht ausgenommen. „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster“. Was hier als Hilferuf für die weltweit gefährdeten Betonbauten aus den 1950- bis 1970er-Jahren zu verstehen ist und einer Ausstellung des Deutschen Architektur Museums in Frankfurt am Main den Namen gibt, war in Aalen Ausgangspunkt einer öffentlichen Diskussions- und Vortragsreihe.

Im Mittelpunkt stand das Rathaus von Aalen, ein Betonbau aus den 70ern, wie man ihn in Material und Bauweise auch in anderen Städten hierzulande und europaweit findet. Noch. Denn den „Betonmonstern“ droht vielerorts die Abrissbirne. Das wird in der Frankfurter Ausstellung thematisiert, die Thilo Rentschler, Oberbürgermeister von Aalen für ein „Gastspiel“ ins dortige Rathaus geholt hatte. „Für die einen die hässlichsten Gebäude der Welt, für die anderen das Sinnbild einer kraftvollen, kantigen Bauweise“, so wurde sie dort angekündigt. Die Ausstellung bildete zugleich den Abschluss einer vierteiligen Veranstaltungsreihe, die Kommunalpolitiker, renommierte Architekten und Einwohner der Großen Kreisstadt in Baden-Württemberg im Rathaus von Aalen zusammenführte.

Die Debatte in der Stadt wurde nicht nur um erhaltenswerte Architektur geführt, sondern auch um Nachhaltigkeit beim Bauen sowie die Gestaltung und Nutzung öffentlicher Räume durch die Stadtgesellschaft(dazu auch das Interview).

Und wer es bis dahin vielleicht nicht wusste, konnte für sich im Stillen festhalten: Beim Brutalismus handelt es sich um einen Architekturstil der Moderne, dessen Name sich vom französischen „béton brut“ – für Sichtbeton – herleitet.

Die Ausstellung zumBrutalismus – real und virtuell

Die vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt/Main und der Wüstenrot Stiftung konzipierte Ausstellung zeigt erstmals die brutalistische Architektur der 1950er- bis 1970er-Jahre im weltweiten Überblick. Viele der Bauten sind heute von Abriss bedroht. Oft, aber nicht immer, sind sie aus Sichtbeton (frz. béton brut: roher Beton, daher der Begriff Brutalismus). „Brutalistische Architektur zelebriert das Rohe, die nackte Konstruktion – und ist enorm fotogen. Diese durchaus umstrittene Bauweise entstand in einer Zeit der Experimente und des gesellschaftlichen Aufbruchs“, so die Macher der Ausstellung. Ergänzend zu den Bildtafeln veranschaulichen übermannsgroße Pappkarton- und kleinere Betonguss-Modelle die architektonischen Qualitäten der „Betonmonster“.

Die Frankfurter Ausstellung baut auf einer digitalen internationalen Sammlung auf, die sich im Netz inzwischen auf über 1.700 Gebäude erweitert hat. Sie wurden über eine Online-Rettungs-Kampagne ausfindig und über die Datenbank unter dem Hashtag #SOSBrutalism bzw. über die Website www.sosbrutalism.org öffentlich gemacht.

Dort sind die Bauten nach dem Vorbild eines Artenschutzprojekts in verschiedene Gefährdungsstufen gegliedert: Eine „rote Liste“ versammelt Bauten, die unmittelbar von Zerstörung bedroht sind. Blau markiert sind alle vorläufig „geretteten“, also bereits sanierte oder zumindest unter Denkmalschutz stehende Bauten. Grau markierte Gebäude sind weitgehend im Originalzustand erhalten, aber nicht auf einer Denkmalliste eingetragen. Schwarz markierte Bauten sind bereits abgerissen.

Überzeugende Rechnung

Der Leichtbauforscher, Architekt und Bauingenieur Professor Werner Sobek hat in seinem Vortrag in Aalen für das Rathaus folgende Rechnung aufgemacht: Ein gut funktionierendes Gebäude wie das Rathaus in Aalen kann man mit Energie, die nicht auf Verbrennungsprozessen basiert, heizen, kühlen und lüften. Dann hat man ein grünes Rathaus.

Bei einem Neubau des Rathauses wäre zu bedenken:

Für die Errichtung des Rathauses wurden rund 70.000 Tonnen Material verbaut. Das entspricht einer CO2-Emission von ungefähr 4.300 Tonnen bei der Herstellung des Materials. Die Halbwertzeit von CO2 liegt bei 800 bis 1.000 Jahren. Damit es schneller wieder aus der Atmosphäre verschwindet, muss man Bäume pflanzen, die das CO2 binden. Ein großer, kerngesunder, 40 Jahre alter Baum bindet jeden Tag nicht mehr als 100 Gramm CO2. Das bedeutet: Allein für die CO2-Emissionen, wie sie beim Bau des Rathauses nur für die Materialherstellung anfallen, muss dieser Baum 43 Millionen Jahre lang atmen oder 43 Millionen Bäume ein Jahr lang.

Wo sollen diese Bäume herkommen? Nur für ein einziges Gebäude?

„Wenn das jemand begreift, dann ist sofort klar, dass man den Betreffenden auf seiner Seite hat. Aber das Begreifen muss man erlauben.“

Literaturhinweise

  • Prof. Werner Sobek, Wissenschaftler und Architekt, Universität Stuttgart

Carla Fritz

Carla Fritz
freie Journalistin
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Artikel „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!“
Seite 22 bis 24
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