Verbunden und vernetzt

Wie interoperable Infrastruktur Gebäude zur digitalen Energie-Plattform macht

Smarte Türschlösser, Assistenz-Sensorik für altersgerechtes Wohnen, fernauslesbare Rauchwarnmelder-Systeme – die Möglichkeiten, ein Gebäude digital zu vernetzen, sind vielfältig. Ein weiteres wichtiges Feld, das durch regulatorische Entwicklungen gerade besonders an Dynamik gewinnt: Energie.

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Laden wo man wohnt: Integrierte Ladeinfrastruktur ist einer der digitalen Services, die auf einer offenen Gebäude-Energieplattform aufsetzen können. Bild: DEUMESS
Laden wo man wohnt: Integrierte Ladeinfrastruktur ist einer der digitalen Services, die auf einer offenen Gebäude-Energieplattform aufsetzen können. Bild: DEUMESS

Sensoren und Zähler existieren in vielen Gebäuden bereits, aber meist als reine, für sich alleinstehende Erfassungsgeräte. Echte Konnektivität entsteht jedoch erst durch offene, interoperable Infrastruktur, sowie durch die Bündelung und intelligente Nutzung der entstehenden Daten.

Das vernetzte Gebäude – Anspruch und Wirklichkeit

Ein Mehrfamilienhaus ist heute mit Dutzenden von Geräten bestückt: Heizkostenverteilern, Wärmezählern, Warmwasserzählern sowie Rauchwarnmeldern. Jedes dieser Geräte erfasst Daten; doch in der Regel tut es das für sich allein und primär für den Zweck der Heizkostenabrechnung. Das Gebäude ist voller Technik, nutzt aber die Chancen nicht, die daraus entstehen. Der Grund dafür ist struktureller Natur: Erfassungsgeräte wurden lange Zeit als geschlossene Systeme konzipiert. Wer einen bestimmten Heizkostenverteiler einbaute, band sich damit an einen einzigen Anbieter. Interoperabilität, die Vernetzung unterschiedlicher Geräte und damit auch Services existierten in der Praxis selten. Das ändert sich gerade grundlegend. Sowohl durch technischen Fortschritt als auch durch regulatorischen Druck.

Der regulatorische Taktgeber: HKVO als Blaupause für offene Infrastruktur

Seit dem 1. Dezember 2022 müssen alle neu eingebauten Heizkostenverteiler, Wärmezähler und Warmwasserzähler nicht nur fernablesbar, sondern auch interoperabel sein, so schreibt es die Heizkostenverordnung (HKVO) vor. Das bedeutet, sie müssen mit Geräten anderer Hersteller zusammenarbeiten können und das erforderliche Schlüsselmaterial muss dem Gebäudeeigentümer kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Für alle Bestandsgeräte gilt: Die Fernauslesbarkeit muss bis zum 31. Dezember 2026 hergestellt sein, die vollständige Interoperabilitätspflicht greift spätestens ab 2032. Immobilienverantwortliche, die noch nicht gehandelt haben, sollten die Planung jetzt gemeinsam mit ihrem Messdienstleister angehen, sonst werden Engpässe bei Geräten und Fachkräften mit Näherrücken der Frist immer wahrscheinlicher.

Was sich zunächst wie eine technische Detailregelung liest, ist in seiner Konsequenz ein fundamentaler Strukturwandel: Die Pflicht zur Interoperabilität bricht das geschlossene Systemmodell auf und erzwingt eine Öffnung der Infrastruktur.

Wer heute Geräte einsetzt, die diesen Standards entsprechen, legt damit das Fundament für ein offenes Datennetz im Gebäude – eine Plattform, auf der verschiedene Dienstleister und Anwendungen aufsetzen können, ohne redundante Technik aufzubauen.

Von isolierten Datenpunkten zur vernetzten Plattform

Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technologie einzelner Geräte, sondern in deren Zusammenspiel. Nicht-interoperable bzw. nicht-fernauslesbare Geräte sind wie ein loses Bündel für sich stehender Datenpunkte. Jedes Gerät ist für sich nutzbar, aber ohne Verbindung zum Rest. Interoperable, fernauslesbare Sensoren dagegen lassen sich herstellerübergreifend zu einer gemeinsamen Infrastruktur verknüpfen, die automatisierte und regelmäßige Datenflüsse ermöglicht.

Das verändert die Wertschöpfungskette im Submetering von Grund auf. Bisher war die Prozesskette – Aufbau und Betrieb der Infrastruktur, Ablesung, Abrechnung, ergänzende Services – in einer Hand: Ein Dienstleister lieferte alles, Alternativen waren kaum möglich. In einer interoperablen Infrastruktur fällt diese Abhängigkeit weg: Verschiedene Anbieter können auf dieselbe Datenbasis zugreifen, Spezialisten für Teilaufgaben können hinzugezogen werden, Partnerschaften lassen sich bei Bedarf neu justieren.

Genau hier entsteht das, was man als digitale Gebäudeplattform bezeichnen kann: nicht eine einzelne Anwendung, sondern eine offene Infrastruktur, auf der unterschiedliche Services modular aufgesetzt werden können, von der klassischen Heizkostenabrechnung bis zu innovativen Energie- und Gebäudedienstleistungen.

PropTechs, KI-gestützte Optimierungsplattformen, spezialisierte Startups oder innovative Branchengrößen werden auf einer solchen Plattform anschlussfähig, ohne dass dafür eine neue parallele Technikwelt aufgebaut werden muss.

Beispiel Energie: Was auf der Plattform möglich wird

Was eine offene Energiedaten-Infrastruktur in der Praxis ermöglicht, zeigt sich zum Beispiel im Bereich Mieterstrom und Elektromobilität. Die Smart-Red GmbH hat in über 1000 Projekten Photovoltaikanlagen, Ladesäulen, Batteriespeicher und Submetering-Infrastruktur zu integrierten Systemen zusammengeführt. In einem Neubauprojekt in Ismaning etwa versorgt eine 183-kWp-Anlage auf rund 900 Quadratmetern Dachfläche 44 Wohn- und Gewerbeeinheiten mit Solarstrom – inklusive fünf Ladestationen, deren Abrechnung ebenfalls digital und vollautomatisiert über die Plattform von Smart-Red erfolgt.

Dieses System funktioniert, weil alle Komponenten durch ein gemeinsames, offenes System verbunden sind: Submetering-Infrastruktur, PV-Anlage, Speicher und Ladestation. Auch in einem Projekt in Rotenburg (Wümme) erhalten 22 Wohneinheiten PV-Strom, Wärme über eine Wärmepumpenlösung, automatisierte Abrechnung sowie mehr Verbrauchs- und Kostentransparenz durch Smart-Red. Strom, Wärme und Mobilität sind hier explizit aufeinander abgestimmt. Ohne interoperable Infrastruktur wären solche integrativen Energieprojekte kaum möglich.

Beispiel Wärmeenergie: Der digitale Heizungskeller

In vielen Bestandsgebäuden läuft die Heizung nach starren, jahrzehntealten Mustern – unabhängig vom tatsächlichen Wärmebedarf, ohne Rücksicht auf Wetterdaten, Gebäudeeigenschaften oder den Zustand der Anlagentechnik. Das Ergebnis: unnötig hohe Betriebskosten und verschenkte CO2-Einsparpotenziale. Genau hier setzt das Konzept des digitalen Heizungskellers an. Die Kugu Home GmbH hat dafür einen Ansatz entwickelt, der auf einem KI-basierten digitalen Zwilling des Gebäudes basiert: Sensorik, Wetterdaten, Verbrauchsprofile und die physikalischen Eigenschaften des Gebäudes fließen in einer kontinuierlichen Auswertung des Heizsystems zusammen. So entsteht Transparenz über den laufenden Betrieb, von Verbrauchs- und Temperaturdaten bis hin zu Auffälligkeiten in der Anlagentechnik. Darauf aufbauend kann Kugu Heizsysteme automatisiert und bedarfsgerecht optimieren, nach Unternehmensangaben mit 12 Prozent Einspargarantie und durchschnittlich über 20 Prozent Einsparung in der Praxis.

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Mit der Einbindung dynamischer Strompreise wird der digitale Heizungskeller zudem zur Schnittstelle der Sektorenkopplung: Wärmepumpen können ihre Wärmeerzeugung gezielt in günstige Preisfenster verlagern, während Pufferspeicher, Photovoltaik und Batteriespeicher zusätzliche Flexibilität schaffen.

Entscheidend ist auch hier: Solche Lösungen funktionieren, weil eine offene, fernauslesbare Sensorik-Infrastruktur die Datenbasis liefert. Ohne interoperable Geräte und automatisierte Datenflüsse bleibt der Heizungskeller ein isolierter Technikraum. Mit ihnen wird er Teil einer digitalen Gebäudeplattform, auf der Transparenz, Anlagendiagnose und Optimierung modular aufsetzen können. Die offene Infrastruktur ist die Voraussetzung.

Die Infrastruktur entscheidet

Beide Beispiele zeigen dasselbe Muster: Die eigentliche Innovation liegt nicht in der einzelnen Anwendung, sondern in der Infrastruktur darunter. Ein digitaler Heizungskeller, integrierte Mieterstromlösungen oder E-Charging, automatisierte Abrechnungsplattformen, ein regelmäßiges Energiemonitoring für den Immobilienverantwortlichen, Verbrauchsinformationen für die Nutzer – all das sind Dienste, die auf einer offenen Datenbasis aufsetzen.

Für Immobilienverantwortliche bedeutet das eine konkrete Entscheidung: Wer heute auf offene Schnittstellen und Interoperabilität setzt, schafft Wahlfreiheit ohne die gesamte Infrastruktur neu aufzubauen. Angesichts steigender CO2-Preise, des EU-weiten Emissionshandels ab 2027 und des zunehmenden Einsatzes von KI in der Gebäudesteuerung wird diese Freiheit künftig noch mehr wert sein.

Das vernetzte Gebäude ist keine Zukunftsvision mehr. Die Grundlagen werden gerade gelegt – durch Regulatorik, durch Technologie, und durch eine Branche, die lernt, in Plattformen statt in Produkten zu denken.

Hartmut Michels

Hartmut Michels
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Artikel Wie interoperable Infrastruktur Gebäude zur digitalen Energie-Plattform macht
Seite 30 bis 32
5.9.2024
Submetering offen für Neues
Wie die Interoperabilität von Erfassungsgeräten die Zusammenarbeit zwischen Messdienstleistern und Immobilienverantwortlichen verändern kann.
29.1.2026
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