„Deutschland und das Internet – das ist keine Liebesbeziehung“

Mit der Tagung „Performancesteigerung in der Immobilienwirtschaft – Chancen & Grenzen einer vernetzten Gesellschaft“ widmet sich die BBA – Akademie der Immobilienwirtschaft e. V., Berlin einmal mehr grundsätzlichen Veränderungen der Gesellschaft. Einer der Referenten ist Dr. Stephan G. Humer, Soziologe mit den Forschungsschwerpunkten Digitalisierung, Internet und Gesellschaft. Im Vorfeld der Veranstaltung sprach er mit Julia Loeser, Referentin für Unternehmenskommunikation bei der BBA, über seinen Vortrag.

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FOTO: FOTOLIA/RAWPIXEL
FOTO: FOTOLIA/RAWPIXEL

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Welche Bedeutung hat der Begriff für Sie?
Digitalisierung ist eine Revolution, die unsere Welt entscheidend verändert. Es ist kein technisches „Optionsmodell“ wie Fernsehen oder Radio:Das Internet und seinen Einfluss auf unser Leben kann ich nicht einfach ausschalten oder ignorieren. Es ist zudem kein temporäres Phänomen, sondern eine gravierende, chancenreiche, aber auch risikobehaftete Entwicklung, mit der wir umgehen lernen müssen. Denn sie wird bleiben, ganz klar.

Was sind die zentralen gesellschaftlichen und sozialen Besonderheiten des Netzes?
Das Netz ist ein Teil unseres Lebens, keine von der allgemeinen Lebenswelt abgetrennte Spezialistenwelt. Das mag mal in der Vergangenheit so gewesen sein, ist aber schon lange her. Viele Herausforderungen und Probleme lassen sich längst besser mit sozialen Herangehensweisen bewältigen und nicht mit technischen oder rechtlichen Regelungen.

Wie wirkt dies auf das Leben abseits der Bildschirme zurück?
Digitalisierung beeinflusst und prägt uns. Das dürfen wir nicht vergessen. Denn wenn wir uns nicht um uns selbst und die Gesellschaft kümmern, übernimmt im extrem schnelllebigen digitalen Raum jemand anders diese Aufgabe – auch gegen unseren Willen. Nie war die Möglichkeit der Fremdbestimmung so realistisch wie heute.

Und wie beurteilen Sie die Lage auf dem Immobilienmarkt?
Der Immobilienmarkt hat die grandiose Chance, ein positives Zeichen zu setzen, da er nicht mit digitalen Katastrophen der jüngeren Vergangenheit – NSA-Affäre, Cybermobbing, Darknet usw. – in Zusammenhang gebracht wird. Probleme, die in Berlin gut zu beobachten waren, beispielsweise rund um die illegale Vermietung von Mietwohnungen für Feriengäste über bestimmte Webservices, erscheinen da eher klein. Aber auch positive Beispiele wie Immobilienportale sind nicht mehr das Maß aller Dinge. So besteht hier derzeit viel Gestaltungsspielraum. Diese Chance muss man unbedingt nutzen, und zwar massiv, in allen Bereichen der Immobilienwelt und mit viel Geduld und Ausdauer. Erfolge, die Maßstäbe setzen, werden sich nicht nur in der Branche selber auszahlen, sondern auch Vorbildcharakter für andere Bereiche der Gesellschaft haben, die ihre Lösungen noch suchen – also nahezu alle. Hier greift die ja auch bei Google, Facebook und Co. zu beobachtende Winner-takes-all-Logik der Internetwirtschaft.

Wie verändert sich das Leben und Wohnen durch die Digitalisierung für den Einzelnen?
Es wird auf jeden Fall komplexer, vielseitiger – und Digitalisierung wird noch viel allgegenwärtiger, als es bisher der Fall ist.

Führungskräfte stehen durch die Digitalisierung vor immer komplexeren Entscheidungen. Welches sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen?
Der größte Fehler ist, die Eigengesetzlichkeiten der Digitalisierung zu ignorieren. Diese müssen bekannt sein, beispielsweise die Möglichkeiten und Grenzen rechtlicher Maßnahmen; diese enden bekanntlich oft an der Landesgrenze. Der nächste große Fehler ist das Vernachlässigen des Sozialen: Technik steht nicht für sich selbst und darf auch nie Selbstzweck sein. Nicht alles, was geht, sollte auch gemacht werden. Technik und Soziales müssen immer mitgedacht werden. Und drittens sollte man nicht punktuell denken und sich nur auf einzelne Phänomene stürzen, sondern das große Ganze im Blick behalten. Im Tagesgeschäft muss man sich zwar manchmal mit einem Shitstorm herumschlagen, doch langfristig muss eine Strategie entwickelt werden, um Shitstorms gar nicht erst entstehen zu lassen. Werkzeuge findet man dann nur, wenn man die Metaebene versteht.

Wie können die Führungskräfte diese Herausforderungen in Chancen verwandeln und neue unternehmerische Potenziale ausschöpfen?
Vor allem mit dem Bruch zahlreicher liebgewonnener Traditionen: Nichts scheint der erfolgreichen Gestaltung der Digitalisierung in diesem Land mehr im Weg zu stehen als „typisch deutsche“ Tugenden. Digitalisierung ist schnell, experimentell, global – da helfen Ländergrenzen, Technikverliebtheit und German Angst überhaupt nicht. Man muss sich öffnen, Risiken eingehen, Dinge ausprobieren. Mit Geld hat das übrigens nicht besonders viel zu tun. Die Kosten dafür sind vergleichsweise vernachlässigbar. Die wahre Revolution muss im Kopf stattfinden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Redaktion (allg.)

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