Wie Stadtmenschen eigentlich leben wollen

Das Dorf in die Stadtquartiere bringen

Die Abwanderung aus ländlichen Räumen hält an, weil Menschen dörfliche Beziehungen nur in der Stadt finden. Lässt sich so der Trend zur Urbanisierung erklären? Eine Umfrage des Projektentwicklers DC Developments legt diesen Schluss nahe. Die „Verdorfung“ müsse zum Prinzip zukünftiger Stadtentwicklungen werden.

Zu Fuß Besorgungen machen, auf dem Wochenmarkt direkt beim Erzeuger einkaufen und ein Schwätzchen halten - das erwarten Menschen vom Leben in der Stadt. Foto: Adobestock/NDABCREATIVIT
Zu Fuß Besorgungen machen, auf dem Wochenmarkt direkt beim Erzeuger einkaufen und ein Schwätzchen halten - das erwarten Menschen vom Leben in der Stadt. Foto: Adobestock/NDABCREATIVIT

Jährlich befragt DC Developments 10.000 Menschen, um herauszuarbeiten, wie wir in Städten leben wollen. „Die 15-Minuten-Stadt wird zur Basis der Urbanität: Faktoren wie Naturerlebnisse, nachbarschaftlicher Zusammenhalt und Fußläufigkeit sind in den vergangenen Jahren immer wichtiger für Städte und damit auch Quartiersentwickler geworden. All diese Eigenschaften werden Dörfern selbstverständlich zugeschrieben“, sagt Lothar Schubert, geschäftsführender Gesellschafter von DC Developments. „Diese Rückbesinnung sorgt dafür, dass die Urbanisierung von morgen ohne eine moderne Form der Verdorfung nicht mehr denkbar ist.“

Der Begriff „Verdorfung“ meine einerseits das Comeback der lokalen Verbundenheit, die für viele Menschen insbesondere während der Lockdown-Phasen von großer Bedeutung war. Zugleich beschreibe der Begriff das Ziel, dorfähnliche Strukturen mit Quartiersentwicklungen hervorzubringen. Die Top 4 Bedürfnisse, der 10.000 Befragten seien: Knapp 70 Prozent wünschen sich in ihrer Umgebung den Nahversorger, knapp 51 Prozent möchten in ihrem Umkreis einen Park vorfinden, 45 Prozent achten darauf, ob ihr Wohnort gut angebunden ist und 38 Prozent legen Wert darauf, dass ihre Arbeitsstätte in der Nähe ist. Die Studie zeige auch, wie Quartiere mit verschiedenen Nutzungsklassen die Attraktivität eines Stadtteils steigern können. Wenn all die Wünsche erfüllt sind, stärke es den Standort, den Handel und die Arbeitsmarktsituation.

Lokale Verbundenheit, Gemeinschaftsgefühl und kurze Wege: Das seien Eigenschaften, die die Deutschen vor allem mit Dörfern verbinden. Nach der Quartierstudie von DC Developments sehnen wir uns nach modernen Dorfstrukturen in den Städten. Für 69,4 Prozent der Befragten sei bei der Wahl eines neuen Wohnortes die Identifikation mit der Nachbarschaft wichtig. Sie wollten sich untereinander kennen und mit der Identität ihres Wohnortes verbinden. Auch das Gemeinschaftsgefühl sei für 46,4 Prozent ein entscheidender Faktor neben der Lage der Nachbarschaft, um sich für einen Wohnort zu entscheiden. Weit oben mit 35,2 Prozent rangiere auch das Bedürfnis, mit unterschiedlichen Altersklassen in seinem Viertel zu leben. Darüber hinaus schätzten die Deutschen ganz besonders den Supermarkt oder den Bäcker um die Ecke – schließlich setzten 37,9 Prozent am häufigsten auf die natürlichste Fortbewegungsmöglichkeit: die eigenen Beine. Kurze Wege wie im Dorf seien also ein Muss.

Die Sehnsucht nach einem Wir-Gefühl

Wie die Studie zeige, sei für einen überwiegenden Teil der deutschen Bevölkerung die Identifikation mit der Nachbarschaft wichtig. Der Anteil an Frauen, für die dieser Faktor eine entscheidende Rolle spiele, betrage 74,1 Prozent und sei damit 10 Prozent größer als bei den Männern. Den größten Unterschied gebe es aber zwischen der jüngsten und der ältesten Generation: Während für 59,7 Prozent der 18- bis 29-Jährigen dieser Faktor besonders entscheidend ist, beläuft sich der Anteil bei Personen ab 65 Jahren und älter auf 76,7 Prozent. „Projektentwickler wissen, dass die Gesellschaft ältere Generationen noch stärker einbinden sollte. Der Wert zeigt auch, dass diese Generation ebenso als Nachbarschaftsbotschafter fungieren kann. Wir beobachten oft, dass die Identifikation besonders hoch ist, weil sie bereits lange in diesem Stadtteil leben“, stellt Lothar Schubert fest.

Supermarkt, Bäcker und Restaurant bitte gleich um die Ecke

Fußläufig erreichen wollen die Deutschen vor allem den Supermarkt oder die Drogerie (54,8 Prozent), die Bäckerei (45,1 Prozent), aber auch den lokalen Einzelhandel und die Gastronomie (35,3 Prozent). „Früher war es selbstverständlich, in den Wohngebieten kleine Läden vorzufinden. Dieser Vermischungsgedanke erlebt mit den modernen Versionen des Tante-Emma-Ladens ein Comeback“, sagt Schubert.

Wie gelingt richtungsweisende Quartiersentwicklung?

Deutschland sehne sich also noch mehr nach einer Verdorfung der Städte. Räumliche Strukturen hätten sehr wohl Einfluss auf einen stärkeren Zusammenhalt und auf die Identifikation mit der Nachbarschaft. Gerade während der Lockdown-Phasen hätten viele Menschen gelernt, wie wichtig es sei, sich lokal verbunden zu fühlen. „Verdorfung ist somit ein wichtiger Bestandteil für eine erfolgreiche Urbanisierung“, sagt Schubert abschließend. (Red.)

Printer Friendly, PDF & Email
15.5.2024
Studie über Wohnzufriedenheit
58,9 Prozent der Befragten sind mit ihrer Wohnsituation zufrieden, dennoch ist der Wunsch nach einem effizienteren Grundriss bei gleicher Fläche mit 14,5 Prozent sehr ausgeprägt. Mit großer Mehrheit...
29.11.2024
Erfahrungsaustausch im Bundesbauministerium
Wie lassen sich überalterte Wohnquartiere mit hohem Leerstand reaktivieren? Darüber referierte Volker Klich, Vorstand der Eberswalder Genossenschaft 1893, auf Einladung von Ministerin Klara Geywitz im...
15.6.2024
Nachahmenswertes Projekt
Völlig zu Recht erhielt die Gebäude- und Wohnungsbaugesellschaft Wernigerode mbH den "Deutschenr Award für Nachhaltigkeitsprojekte 2024". Entegegen dem Trend wurde ein Plattenbau nicht abgerissen...
12.3.2025
Mietwohnungsbau
Im Hamburger Quartier "Neue Mitte Stellingen" entstehen insgesamt 330 Wohnungen. Das dritte Bauvorhaben an diesem Standort mit 153 öffentlich geförderten Wohnungen hat das Wohnungsunternehmen Saga...
24.11.2025
BFW-Projektentwicklerpreis B!WRD 2025
Die Gewinner des BFW-Projektentwicklerpreises B!WRD 2025 stehen jetzt fest. Zwei Trends wurden sichtbar: zum Einem rücken vermehrt „Light Industrial“-Gebäude statt reiner Büroimmobilien in den Fokus...
5.11.2025
Im hessischen Bensheim entsteht derzeit ein neues Wohnquartier, das für nachbarschaftliches Miteinander stehen soll. Die Unternehmensgruppe Sahle Wohnen baut insgesamt 97 öffentlich geförderte...