Bauen mit Modulen

Sozialwohnungen aus dem Systembaukasten

Schneller, kostengünstiger und mit hoher Qualität Sozialwohnungen bauen. Geht das? Ja, wenn es nach der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Erfurt geht. Die KoWo hat mit Forschern der TU München einen Systembaukasten entwickelt. Lesen Sie den Beitrag der Fachzeitschrift IVV immobilien vermieten & verwalten.

Das Bauklotz-Prinzip: Wie viele seriell vorgefertigte Komponenten lassen sich in den Bau von Sozialwohnungen integrieren? BILD: Adobestock/ Stockwerk-Fotodesign
Das Bauklotz-Prinzip: Wie viele seriell vorgefertigte Komponenten lassen sich in den Bau von Sozialwohnungen integrieren? BILD: Adobestock/ Stockwerk-Fotodesign

Ergebnisse des Forschungsprojekt "Bauen mit Weitblick – Systembaukasten für den sozialen Wohnungsbau“ liegen jetzt vor

Die grundlegende Idee fasst Friedrich Hermann, Geschäftsführer der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Erfurt so zusammen: Unter Nutzung standardisierter Bauweisen und Anwendung digitaler Planungsmethodik sollen zukünftig Häuser wie Autos gebaut und damit bezahlbare Wohnungen mit hochwertiger Architektur auf den Markt gebracht werden. Die Methodik gleicht der Plattformstrategie der Automobilindustrie.

Seit einem Jahrzehnt werden im Automobilbau auf einer Plattform höchst unterschiedliche Typen vom SUV über den Van bis hin zum Sportwagen gebaut. Der Systembaukasten bildet in Verbindung mit ersten marktreifen Anwendungen in Grundzügen den kostengünstigen Wohnungsbau von morgen ab. Entwickelt wurde er von Wissenschaftlern der TU München und vom Fraunhofer Institut sowie der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Erfurt und den Herstellern Max Bögl GmbH & Co. KG sowie der Regnauer Fertigbau GmbH & Co KG. Die im Vorhaben erprobten Systembaukästen verwenden Beton-Raummodule sowie Holztafeln für Wände und Dach sowie Decken aus Spannbeton-Hohldielen mit jeweils maximierter Vorfertigung.

Optimale Grundrisse für förderfähige Wohnungen

Im Forschungsprojekt wurden optimale Grundrisslösungen für Wohnungen entwickelt. Dazu wurden auch die förderfähigen Wohnungsgrößen untersucht, die in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich sind. Die Forscher nennen dazu in ihrem Bericht folgendes Beispiel: Während in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein für Einraumwohnungen keine Mindestgröße vorgeschrieben ist, liegt der förderfähige Bereich in Hessen und im Saarland zwischen 40 und 45 Quadratmetern. In Brandenburg gelten für das Ein-Zimmer-Apartment und in Sachsen-Anhalt unabhängig der Wohnungsgröße gar keine Anforderungen.

Systembad für schnelle Umrüstung

Neu entwickelt wurde auch ein Systembad. Die Bäder sind bedarfsweise barrierefrei und können innerhalb eines Tages saniert werden. Schnelle Umrüstung kann zum Beispiel im Pflegefall nötig sein, aber auch generell: „Bäder im Wohnungsbau werden im Schnitt bereits nach 19,2 Jahren saniert. Rechnerisch folgen somit auf einen Badneubau zwei Specialbis drei Sanierungen“, heißt es dazu im Forschungsbericht „Bauen mit Weitblick“.

Das Augenmerk der Beteiligten galt ebenso einer effizienten Bewirtschaftung: Wartungsarbeiten in den Haustechnikschächten etwa können grundsätzlich außerhalb der Wohnungen und damit störungsfrei für den Mieter durchgeführt werden. Nachgewiesen werden konnte auch, dass bei hochgedämmten Gebäuden eine Stromdirektheizung – in den Wänden integriert – für besonderen Wohnkomfort machbar ist.

Die Bilanz nach zwei Jahren intensiver Forschungsarbeit im interdisziplinären Team: Das Forschungsprojekt zeige, dass mittel- und langfristig deutlich geringere Baukosten und damit sozialverträgliche Mieten möglich sind, so das Erfurter Wohnungsunternehmen.

Erhebliche Kosteneinsparpotenziale

Insgesamt konnten erhebliche Kosteneinsparpotenziale aufgezeigt werden. Die KoWo als Projektpartner sieht sich demnach in ihrer Auffassung bestärkt, dass mittel- und langfristig Baukosten (Kostengruppe 300, 400, 700) in Höhe von 1.200 Euro brutto/m² Wohnfläche möglich sind. Derzeit herrsche allerdings ein absoluter Bauboom, in dem der Preis nur eine untergeordnete Rolle spiele. Noch fehle der Wettbewerb auch im seriellen Bauen – und Deutschland stehe erst am Beginn des „großvolumigen echten industriellen Bauens“. Die Erfahrung aller industrieller Revolutionen zeige jedoch „eindeutig und unzweifelhaft“, dass die Preise im Zeitablauf durch weitere Effizienz deutlich sinken und Qualität und Flexibilität sich erheblich verbessern.

„Als kommunales Wohnungsunternehmen haben wir den Auftrag, alle Bevölkerungsschichten mit Wohnraum zu versorgen“, so KoWo-Geschäftsführer Friedrich Hermann. Gegenwärtig liege ein Hauptaugenmerk auf Mietern in besonderen Lebenssituationen.

Daraus erklärt er letztlich sein Engagement für das Forschungsprojekt: In den letzten Jahren scheiterten alle Versuche zur deutlichen Kostensenkung im sozialen Wohnungsbau. Deshalb bedarf es nach seinen Worten eines grundlegenden Wandels auf Seiten aller Baubeteiligten. Damit dieser nachhaltig gelinge, führe kein Weg an wissenschaftlicher Grundlagenarbeit vorbei.

Lesen Sie weiter auf der zweiten Seite: Häuser bauen wie Autos; Praxistest läuft an.

Häuser bauen wie Autos

Dass sich gerade etwas ändert, Hermann macht es nicht zuletzt an Folgendem fest: „Häuser wie Autos bauen, vor wenigen Jahren hat man uns deswegen noch ausgelacht.“ Inzwischen sei das Thema absolut hipp. Hier verweist er unter anderem auf das Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Adaptive Modulbauweisen mit Fließfertigungsmethoden – Präzisionsschnellbau der Zukunft“ sowie auf die europaweite GdW-Ausschreibung für einen Rahmenvertrag zum seriellen und modularen Bauen, wo neun Bieter für ihre Wohnungsbaukonzepte den Zuschlag erhielten.

Ergebnisse des GdW-Wettbewerbs und der Forschungen zum Systembaukasten sind dann auch in die laufende Ausschreibung der KoWo für ein Pilotprojekt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung in Thüringen eingeflossen.

Praxistest läuft an

Dabei entstehen auf einer Fläche von 16.000 Quadratmetern etwa 100 Wohnungen, Baustart ist 2020. Zur Bundesgartenschau 2021 in Erfurt sollen die ersten Mieter eingezogen sein. Das Grundstück liegt direkt am BUGA-Naherholungspark und gleichzeitig „in einem Wohngebiet mit bester Infrastruktur.“ Das Erfurter Wohnungsunternehmen will damit nicht zuletzt demonstrieren, dass serielles kostengünstiges Bauen sich auch „städtebaulich bestens integrieren lässt“.

Am städtebaulichen Wettbewerb der KoWo haben sich rund 35 Städteplaner, Architekten und Freiflächenplaner beteiligt. Der Entwurf des 1. Preisträgers sieht unter der Leitidee „Zuhause mit eigenem Vorgarten“ eine verhältnismäßig dichte Bebauung aus dreigeschossigen Häusern vor. Jede Wohnung verfügt über Terrasse oder Balkon, die über Stege miteinander verbunden sind. Dazu kommen sieben halb private Gartenhöfe.

Der 2. Preisträger hat ein autofreies Wohnquartier mit mehreren zwei- bis fünfgeschossigen Gebäuden und vielen Freiflächen entworfen. Zu jeder Wohnung soll es einen Garten geben. Dazu kommen kleine Quartiersplätze als gemeinschaftlicher Freiraum.

Im Rahmen der IBA und parallel zur Bundesgartenschau will das Erfurter Wohnungsunternehmen das Thema serieller Wohnungsbau auf breiter Ebene mit Wissenschaftlern, Wohnungs- und Bauwirtschaft diskutieren und in den nächsten Jahren weiter vorantreiben. Es gibt Hermann zufolge auch schon Pläne, die nächsten Grundstücke modular zu bebauen und auch erste gemeinsame Überlegungen mit Hochschulen.

Autorin: Carla Fritz

Dieser Artikel entstammt der Printausgabe der IVV immobilien vermieten & verwalten, Ausgabe 12/2018. Dort können Sie auch das Interview mit KoWo-Geschäftsführer Friedrich Hermann über seine Erfahrungen mit dem Projekt Serielles Bauen.
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ServiceTIPP

Den Endbericht und Anfroderungskatalog zum Forschungsprojekt „Bauen mit Weitblick – Systembaukasten für den industrialisierten sozialen Wohnungsbau“ können Sie hier downloaden: www.bauen-mit-weitblick.tum.de/

Weiterlesen:

Europaweites Ausschreibungsverfahren des GdW (Feb 2018)
Neun Bieter erhalten Zuschlag für innovative Wohnungsbaukonzepte (Mai 2018)
Serielles Bauen – schnelle und flexible Lösungen (Juni 2018)
In sieben Tagen 14 Wohnungen (Nov 2018)
Sozialwohnungen aus dem Systembaukasten (Dez 2018)
Modulares Bauen: Lang geplant, schnell errichtet
Ausführlicher Artikel zu den Vorteilen und Nachteilen des seriellen Wohnungsbaus in der Ausgabe 08/2017 der Zeitschrift IVV immobilien vermieten & verwalten (erschienen am 4.08.17)

 

Weiterführende Links:
www.kowo.de

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