Bauen mit Modulen

Sozialwohnungen aus dem Systembaukasten

10.01.2019

Schneller, kostengünstiger und mit hoher Qualität Sozialwohnungen bauen. Geht das? Ja, wenn es nach der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Erfurt geht. Die KoWo hat mit Forschern der TU München einen Systembaukasten entwickelt. Lesen Sie den Beitrag der Fachzeitschrift IVV immobilien vermieten & verwalten.

Auf einem Grundriss liegen bunte Bauklötze.
Das Bauklotz-Prinzip: Wie viele seriell vorgefertigte Komponenten lassen sich in den Bau von Sozialwohnungen integrieren? BILD: Adobestock/ Stockwerk-Fotodesign

Ergebnisse des Forschungsprojekt "Bauen mit Weitblick – Systembaukasten für den sozialen Wohnungsbau“ liegen jetzt vor

Die grundlegende Idee fasst Friedrich Hermann, Geschäftsführer der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Erfurt so zusammen: Unter Nutzung standardisierter Bauweisen und Anwendung digitaler Planungsmethodik sollen zukünftig Häuser wie Autos gebaut und damit bezahlbare Wohnungen mit hochwertiger Architektur auf den Markt gebracht werden. Die Methodik gleicht der Plattformstrategie der Automobilindustrie.

Seit einem Jahrzehnt werden im Automobilbau auf einer Plattform höchst unterschiedliche Typen vom SUV über den Van bis hin zum Sportwagen gebaut. Der Systembaukasten bildet in Verbindung mit ersten marktreifen Anwendungen in Grundzügen den kostengünstigen Wohnungsbau von morgen ab. Entwickelt wurde er von Wissenschaftlern der TU München und vom Fraunhofer Institut sowie der Kommunalen Wohnungsgesellschaft Erfurt und den Herstellern Max Bögl GmbH & Co. KG sowie der Regnauer Fertigbau GmbH & Co KG. Die im Vorhaben erprobten Systembaukästen verwenden Beton-Raummodule sowie Holztafeln für Wände und Dach sowie Decken aus Spannbeton-Hohldielen mit jeweils maximierter Vorfertigung.

Optimale Grundrisse für förderfähige Wohnungen

Im Forschungsprojekt wurden optimale Grundrisslösungen für Wohnungen entwickelt. Dazu wurden auch die förderfähigen Wohnungsgrößen untersucht, die in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich sind. Die Forscher nennen dazu in ihrem Bericht folgendes Beispiel: Während in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein für Einraumwohnungen keine Mindestgröße vorgeschrieben ist, liegt der förderfähige Bereich in Hessen und im Saarland zwischen 40 und 45 Quadratmetern. In Brandenburg gelten für das Ein-Zimmer-Apartment und in Sachsen-Anhalt unabhängig der Wohnungsgröße gar keine Anforderungen.

Systembad für schnelle Umrüstung

Neu entwickelt wurde auch ein Systembad. Die Bäder sind bedarfsweise barrierefrei und können innerhalb eines Tages saniert werden. Schnelle Umrüstung kann zum Beispiel im Pflegefall nötig sein, aber auch generell: „Bäder im Wohnungsbau werden im Schnitt bereits nach 19,2 Jahren saniert. Rechnerisch folgen somit auf einen Badneubau zwei Specialbis drei Sanierungen“, heißt es dazu im Forschungsbericht „Bauen mit Weitblick“.

Das Augenmerk der Beteiligten galt ebenso einer effizienten Bewirtschaftung: Wartungsarbeiten in den Haustechnikschächten etwa können grundsätzlich außerhalb der Wohnungen und damit störungsfrei für den Mieter durchgeführt werden. Nachgewiesen werden konnte auch, dass bei hochgedämmten Gebäuden eine Stromdirektheizung – in den Wänden integriert – für besonderen Wohnkomfort machbar ist.

Die Bilanz nach zwei Jahren intensiver Forschungsarbeit im interdisziplinären Team: Das Forschungsprojekt zeige, dass mittel- und langfristig deutlich geringere Baukosten und damit sozialverträgliche Mieten möglich sind, so das Erfurter Wohnungsunternehmen.

Erhebliche Kosteneinsparpotenziale

Insgesamt konnten erhebliche Kosteneinsparpotenziale aufgezeigt werden. Die KoWo als Projektpartner sieht sich demnach in ihrer Auffassung bestärkt, dass mittel- und langfristig Baukosten (Kostengruppe 300, 400, 700) in Höhe von 1.200 Euro brutto/m² Wohnfläche möglich sind. Derzeit herrsche allerdings ein absoluter Bauboom, in dem der Preis nur eine untergeordnete Rolle spiele. Noch fehle der Wettbewerb auch im seriellen Bauen – und Deutschland stehe erst am Beginn des „großvolumigen echten industriellen Bauens“. Die Erfahrung aller industrieller Revolutionen zeige jedoch „eindeutig und unzweifelhaft“, dass die Preise im Zeitablauf durch weitere Effizienz deutlich sinken und Qualität und Flexibilität sich erheblich verbessern.

„Als kommunales Wohnungsunternehmen haben wir den Auftrag, alle Bevölkerungsschichten mit Wohnraum zu versorgen“, so KoWo-Geschäftsführer Friedrich Hermann. Gegenwärtig liege ein Hauptaugenmerk auf Mietern in besonderen Lebenssituationen.

Daraus erklärt er letztlich sein Engagement für das Forschungsprojekt: In den letzten Jahren scheiterten alle Versuche zur deutlichen Kostensenkung im sozialen Wohnungsbau. Deshalb bedarf es nach seinen Worten eines grundlegenden Wandels auf Seiten aller Baubeteiligten. Damit dieser nachhaltig gelinge, führe kein Weg an wissenschaftlicher Grundlagenarbeit vorbei.

Lesen Sie weiter auf der zweiten Seite: Häuser bauen wie Autos; Praxistest läuft an.

Suchbegriffe: KoWo mbH Erfurtserielles Bauen

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