Architektur nach dem Baukasten-Prinzip

In sieben Tagen 14 Wohnungen

06.11.2018

Die Vonovia SE ist Vorreiterin beim seriellen Bauen mit vorgefertigten Modulen. In Bochum sind nach dem Baukasten-Prinzip drei viergeschossige Punkthäuser mit je 14 Wohneinheiten entstanden.

Ein Wohnmodul wird mithilfe eines Krans montiert.
Locker, luftig, leicht. Hier entsehen viergeschossihe Punkthäuser mit vorgefertigten Modulen. FOTO: VONOVIA SE.

Errichtet wurden diese Gebäude durch das Bauunternehmen ALHO Holding GmbH. Als einer der ersten Hersteller von Gebäuden in Stahlmodulbauweise bietet ALHO nach eigenen Angaben ausgereifte Lösungen im Geschosswohnungsbau. Stahlmodulbauweise bedeutet, dass die Tragstruktur aus einem quaderförmigen, freitragenden Stahlskelett besteht, das mit Trockenbau- und Dämmmaterial ausgefacht wird.

Vorteile für die Wohnungswirtschaft und für Architekten

Für die Wohnungsbaugesellschaft Vonovia realisiert das Unternehmen derzeit eine Reihe von Wohngebäuden, die auf einem Baukasten-Konzept beruhen. Das Baukasten-System wurde im Auftrag von Vonovia gemeinsam mit Koschany + Zimmer Architekten KZA entwickelt. Als eines der ersten Architekturbüros beschäftigte sich das Essener Büro mit der Modulbauweise für den Wohnungsbau und sieht darin viele Vorteile – für die Wohnungswirtschaft und durchaus auch für Architekten und Planer. Nach dem ersten gemeinsamen Projekt in der Dortmunder Imigstraße hat das Team aus Architekten und dem Modulbauspezialisten jetzt drei Punkthäuser für die Vonovia SE in Bochum realisiert. In lockerer städtebaulicher Anordnung auf dem neu erschlossenen, innerstädtischen Grundstück geplant, schaffen die Viergeschosser ansprechenden Wohnraum inmitten spannungsvoll gestalteter Freiraumzonen.

"Es beginnt mit durchdachten Grundrissen"

ALHO versteht unter seriellem Bauen eine Wiederholung möglichst gleichbleibender Typen. Darin ist auch die Wirtschaftlichkeit des Systems begründet. Der von KZA und ALHO entwickelte „Modulare Wohnungs-Baukasten“ besteht aus einzelnen Modultypen. Diese beinhalten beispielsweise einenWohnraum und eine Küche, ein Schlafzimmer mit Flur oder ein Kinderzimmer plus Bad. Aus dieser Matrix – einem Kanon unterschiedlicher Module – werden maßgeschneidert für den jeweiligen Standort und nach Vorgabe des gewünschten Wohnungsschlüssels die Wohnungen entwickelt. Im Anschluss entsteht aus diesem individuellen Wohnungsmix heraus das Haus. „Normalerweise arbeiten wir Architekten ja eher umgekehrt – von außen nach innen: Es gibt eine städtebauliche Situation, aus der heraus das Gebäude in seiner Kubatur konzipiert und mit daraus entwickelten Grundrissen versehen eingefügt wird“, erklärt Architekt Axel Koschany. „Beim modularen Bauen ist das eher andersherum. Es beginnt mit durchdachten Grundrissen – am Ende das Wichtigste für die späteren Bewohner. Dabei werden selbst sich gleichende Wohnungstypen auf Grund der immer unterschiedlichen lokalen Vorgaben so gut wie nie in ein und dieselbe Kubatur gezwungen. Das Vorurteil einer Tristesse in Serie oder die Sorge vor der Platte 2.0 sind aus unserer Sicht absolut unbegründet.“

Punkthäuser spannungsvoll auf dem Grundstück arrangiert

In der Bochumer Kaulbachstraße sind im Zuge der innerstädtischen Nachverdichtung durch Vonovia drei viergeschossige Punkthäuser mit je 14 Wohneinheiten entstanden. Als städtebauliche Geste und Reaktion auf die an den Nordseiten angrenzende zwei- und dreigeschossigen Nachbarbebauung wurde in Abstimmung mit der Stadt eine Staffelung vorgenommen. Das Vollgeschoss springt im 4. Obergeschoss jeweils drei Meter zurück und schafft somit großzügige Dachterrassen.

Der Rücksprung ließ sich hervorragend mit der Modulbauweise vereinbaren, da hierfür jeweils nur ein Modul ausgelassen werden musste, die Systematik der Modulbaustruktur ansonsten aber unverändert blieb. Jedes der Punkthäuser in der Kaulbachstraße besteht aus 14 Wohneinheiten in unterschiedlichen Größen: Es gibt sieben Zweiraumwohnungen, zwei Dreiraumwohnungen, zwei Vierraumwohnungen sowie drei Zweiraumwohnungen für Rollstuhlfahrer. Alle Wohnungen sind durchgehend barrierefrei gestaltet. Die Gebäude werden mittig über eine „Gebäudespange“ mit einläufiger Treppe und Aufzuganlage erschlossen. Alle Wohnungen im 1. und 2. Obergeschoss verfügen über vorangestellte Balkone, Terrassen bei den Erdgeschosswohnungen und Dachterrassen bei den Wohnungen im 3. Obergeschoss.

Die lockere Anordnung der drei freistehenden Punkthäuser auf dem Grundstück sorgt für ein insgesamt sehr dynamisches Erscheinungsbild. In den trichterförmig zulaufenden Außenraumzonen bleibt viel Platz für unterschiedlich gestaltete Erlebnis- und Erholungsflächen. Hier sind grüne Mietergärten, abwechslungsreiche Spielplätze und weitere Verweilzonen angeordnet.

Dem Vorurteil „Platte 2.0“ entgegengehen

Die Gebäude haben jeweils eine Grundfläche von rund 17 auf 19 Meter und sind 12,5 Meter hoch. Inklusive Balkone und Terrassen verfügt jedes Haus über eine Bruttogrundfläche von 1.378 m² und 969 m² Wohnfläche. Die Häuser sind nicht unterkellert, im Erdgeschoss ist ein Technikmodul eingeplant. Alle Wohnungen verfügen über einen Abstellraum innerhalb der Wohnung.

Jedes Gebäude besteht aus 43 Raummodulen. Sie wurden im Werk in sieben Wochen präzise und unter strengen Qualitätskontrollen gefertigt und auf der Baustelle je Haus innerhalb von sieben Tagen zeitversetzt montiert. Die gesamte Bauzeit der drei Gebäude betrug – nachdem der Baugrund mit der Bodenplatte vorbereitet war – nur knapp 20 Wochen.

„Die Modulbauweise kann ihre Vorteile immer dann ausspielen, wenn sich möglichst gleichbleibende bauliche Einheiten wiederholen. Deshalb sprechen wir von seriell-modularem Bauen“, erklärt Michael Lauer, Architekt im Kompetenzcenter Geschosswohnungsbau bei ALHO. Betrachtet man die Produktion der ALHO-Module im Werk mit ihren getakteten und prozessgesteuerten Abläufen, wird die besonders hohe Qualität deutlich, die das Unternehmen bei gleichbleibenden, sich wiederholenden Typenherstellen kann. „Damit diese Modultypen nicht zu uniformen Häusern verbaut werden, arbeiten wir mit Architekten wie KZA zusammen. Sie bringen den kreativen Input, indem sie mit den Bausteinen spielen und deren Potenziale gestalterisch ausschöpfen“, so Lauer.

Das Vonovia-Gebäude in Dortmund und die drei Punkthäuser in Bochum sind die ersten einer Reihe von Wohnbauprojekten, die aus dem gemeinsamen Baukastensystem von KZA und ALHO noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Mit jedem neuen Bauwerk soll das gemeinsam entwickelte System optimiert und um neue Bestandteile erweitert werden, wie beispielsweise innovative Moduleinheiten für die Technik.

Auf Seite 2 lesen Sie: Wie weit ist die Typenbaugenehmigung?

Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe der IVV immobilien vermieten & verwalten.

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Suchbegriffe: ModulbauweiseTypengenehmigungVonoviaserielles Bauen

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