Experimentelles Bauen mit Recyclingmaterialien

Urban Mining – die Stadt als Rohstoffmine

17.08.2018
Die Baubranche macht sich vermehrt Gedanken über die Mehrfachnutzung und Recycelbarkeit von Materialien.
FOTO: ADOBESTOCK/KnoB

Das Thema Nachhaltigkeit spielt auch für das Bauwesen eine immer wichtigere Rolle. Die Vision eines Gebäudes, bei dem sämtliche Materialien wiederverwertet, recycelt oder kompostiert werden können, könnte bald Realität werden.

Der Trend geht weg von einer Wegwerf- und Verschwendungsgesellschaft, hin zu einer Wiederverwertungsgesellschaft. Phänomene wie Second-Hand, Upcycling, Food- oder Car-Sharing seien laut Experten erste Anzeichen eines Wandels. Urban Mining – so heißt diese Entwicklung im Bauwesen.

Der Begriff Urban Mining kommt aus dem Englischen und lässt sich mit „Städtischer Bergbau“ übersetzen. Im Prinzip bedeutet es nichts anderes, als Recycling. Deutsche Abbruchunternehmen handeln konform mit dem Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) und befolgen das Gebot der Trennung von Baustoffen. Schrittweise wird der selektive Rückbau des Baukörpers vollzogen. Das Gebäude fungiert bei diesem Prozess als Lieferant von Wertstoffen. Aus ökonomischen sowie ökologischen Gründen ist man darauf bedacht, diese zu erhalten, um sie soweit wie möglich wiederzuverwerten.

Für die Bauindustrie zählen Sand und Kies zu den wichtigsten Baustoffen. Die Ressource gehört mittlerweile gleich nach Wasser zum weltweit am meisten konsumierten Rohstoff. Sand steckt aber nicht nur in Häusern, sondern auch in Glas, Asphalt, Kosmetik, Mikrochips, Smartphone-Bildschirmen, Autos, Flugzeugen usw. Die Nachfrage nach Sand und Kies hat in den vergangenen Jahren so dramatisch zugenommen, dass Fachleute Alarm schlagen.

Der weltweite Bedarf übersteigt bei Weitem das, was durch Verwitterung nachkommt. Das Ausschöpfen verbrauchter Materialien wird im Hinblick auf knapper werdende Ressourcen und schwankende Rohstoffpreise daher immer existenzieller. Moderne Städte haben sich zu riesigen Rohstoffminen entwickelt.

Städtische Rohstoffförderung statt klassischer Bergbau

Verbaute Materialien wie Beton, Stahl, Ziegel, Gips, aber auch Metalle (Kupfer, Aluminium,Cobalt) und Holz werden als Sekundärrohstoffe wieder nutzbar gemacht. Das Landfill Minig stellt eine Sonderform des Urban Mining dar. Dabei werden Wertstoffe aus Abfällen gefördert, die bereits auf den Mülldeponien liegen.

In der Schweizer Gemeinde Dübendorf wird das Urban Mining in der Praxis getestet. Die Forschungsanstalt Empa zeigt am Beispiel einer 125 Quadratmeter großen Wohnung, bestehend aus sieben vorgefertigten Modulen, wie die Zukunft aussehen könnte. Das Projekt läuft unter dem Namen „Urban Mining & Recycling“, kurz: Umar. Vor kurzem sind zwei Studenten in den Prototyp eingezogen, der im Februar 2018 in das Forschungsgebäude NEST eingesetzt wurde.

01_umar_exterior_copyright-zooey-braun.jpg

Im Forschungsgebäude in Dübendorf werden nachhaltige Baumaterialien getestet (Foto: Zooey Braun/Empa)

Die Wohneinheit wurde komplett im Werk vorfabriziert. In dem modularen Forschungsgebäude werden neue Technologien, Materialien und Systeme unter realen Bedingungen getestet, erforscht, weiterentwickelt und validiert. Die neue Bauweise wird fünf Jahre getestet werden.

Die Dreizimmerwohnung besteht aus rund 26 verschiedenen Materialien, die bereits einmal für einen anderen Zweck verwendet wurden. Am Ende der Testphase soll sich die Konstruktion so in ihre Einzelteile zerlegen lassen, dass alle Materialien sortenrein wieder zur Verfügung stehen. Daher verzichtete man auf die Verwendung von Klebeverbindungen, die sich nicht mehr lösen lassen. Sämtliche Verbindungen sind geschraubt, geklemmt oder gesteckt.

Wohnung aus städtischen Abfallstoffen

Für die Fassade wurde unbehandeltes Holz verwendet. Später kann dieses erneut genutzt oder kompostiert werden. Die Teile aus Aluminium und aus Kupfer kann man sortenrein demontieren und einschmelzen. Vom Dach einer Abbruchliegenschaft stammen die Kupferbleche, die nun wiederverwendet werden.

Die Planer nutzten für die Innengestaltung unter anderem kompostierbare Dämmplatten aus Pilz-Myzel, Recyclingsteine aus mineralischem Bauschutt, abgenutzte Isolationsmaterialien aus gebrauchten Textilfasern und geliehene Bodenbedeckungen. Wandelemente bestehen aus recycelten Getränkekartons und Jeansstoffen sowie Pflanzenfasern. Vom äußeren Eindruck her gliedert sich der Gebäudeteil in das moderne Bauwerk ein. Es ist nicht erkennbar, dass es sich um ein Rohstoff- und Recyclinglager handelt.

Hemmnisse bei der Umsetzung

Für die Umsetzung des Urban Mining müssen in Deutschland noch rechtliche Grundlagen geschaffen werden. Im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Städten könnten Probleme bei der Durchführung entstehen. Darüber hinaus müssen die kostbaren Materialien korrekt getrennt und aufbereitet werden.

Der 8. Urban-Mining-Kongress am 7. und 8. November 2018 bietet Interessierten die Gelegenheit, sich über die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen auszutauschen. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Fachmesse Recycling-Technik 2018 Messe Westfalenhallen Dortmund statt. Das Schwerpunktthema lautet „Design for Urban Mining – Gestaltung von Produkten, Verfahren und Bauwerken“.

Schadstoffe beim Rückbau von Gebäuden — Konzeption von Abbruchmaßnahmen
Akademie der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen

 

Suchbegriffe:  Urban MiningNachhaltigkeitBauwesenBaubrancheRecyclingWohnung

aus: IVV Ausgabe 08/2018

Neuen Kommentar schreiben

CAPTCHA
Mit dieser Frage wird ueberprueft, ob Sie ein Mensch sind oder nicht. Sie dient weiterhin der Vermeidung von automatisiertem Spam.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Weitere Artikel

                                                                                                                                                               

In der aktuellen IVV lesen Sie:

So ist die Verwertungskündigung begründet
Digitale Gebäudeplanung: Für die Sanierung und Bewirtschaftung scannt man heute mit 3D-Laserscanner.