Klimaziele für den Gebäudebereich

Energiewende – Irrtümer aufbrechen, Wege für den Gebäudebereich aufzeigen

18.10.2018
PIXELIO/TH.WENGERT

Vor dem Hintergrund zunehmender Akzeptanzprobleme und einer verfehlten Zielerreichung muss gefragt werden: Welches sind die Hebel, mit denen ein klimaneutraler Gebäudebestand wirtschaftlich und sozial verträglich umgesetzt werden kann? Zur Beantwortung dieser Frage hat der BBU Verband Berlin Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. jüngst eine umfangreiche Studie erstellen lassen, die neue Lösungsansätze skizziert. Nachfolgender Beitrag fasst die wesentliche Ergebnisse zusammen.

Die Klimaziele für den Gebäudebereich werden für 2020 aller Voraussicht nach nicht erreicht. Gleichzeitig stellt die Sozialverträglichkeit im Bereich der energetischen Gebäudemodernisierung eine erhebliche Herausforderung dar, die u.a. dafür ursächlich ist, das die Energiewende im Gebäudebereich ein äußerst negatives Image erhalten hat.

Die Ausgangslage

Der bisherige ordnungsrechtliche Rahmen klammert Fragen des Ressourceneinsatzes – beispielsweise für Dämmstoff und  dessen Klimawirkungen systematisch aus. Die Dynamik der Zusammensetzung des deutschen Strommixes - sprich der steigenden Anteil erneuerbar gewonnenen Stroms - bleibt im geltenden Ordnungsrecht und der aktuellen Förderpolitik ebenfalls unbeachtet.

Ist Fokussierung auf Förderung der Primärenergie zeitgemäß?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die provokante Globalfrage: warum Energiesparen, wenn sie erneuerbar produziert und unbegrenzt verfügbar ist. Diese Frage  betrifft nicht nur solar gewonnenen Wärme sondern stell auch die pauschale Ablehnung der Verwendung von Strom zur Gebäudetemperierung infrage. Grundsätzlich muss die Frage gestellt werden, ob eine Fokussierung des ordnungsrechtliche- und förderpolitischen Rahmens auf den Aspekt der Primärenergie vor dem Hintergrund der steigenden Verfügbarkeit erneuerbar produzierten Strom und Wärme zeitgemäß ist.

Demgegenüber muss das Paradigma in der Gebäudedämmung „viel hilft viel“ komplett auf den Prüfstand. Auch im realisierten Modellprojekt wurde nachgewiesen, dass eine Dämmung über eine bestimmte Dämmstoffdicke hinaus weder in der Nutzungszeit energetische amortisierbar noch betriebswirtschaftlich – und sozialverträglich – darstellbar ist. Im Gegenteil:

Mehr Dämmung erhöht unter bestimmten Randbedingungen den CO2-Ausstoß

Hier stellen der Anteil eingesetzter EE und die Qualität der Gebäudehülle quasi kommunizierende Röhren da. Wichtig ist es, sich dabei vor Augen zu führen, dass auch die eingesetzten Dämmmaterialien für die Produktion Energie benötigen, also einen CO2-Fußabdruck haben. Auf der anderen Seite gilt es zu bedenken, dass der Nutzen zusätzlicher Dämmung mit steigender Dämmstoffdicke abnimmt (s. Schaubild s.22).

Es kann also durchaus sein, dass zusätzliche Dämmstoffdicken - aufgrund des drastisch sinkenden Grenznutzes - zu zusätzlichen CO2-Emissionen führen! Dies umso stärker, je höher der Anteil von EE bei der Wärmeversorgung des Hauses. Es ist erstaunlich, dass dieses Thema „graue Energie“ in vielen Bereichen des Energiesystems betrachtet wird. Bezogen auf den Dämmstoffe  und dem bei steigenden Materialstärken drastisch sinkenden Grenznutzen von Wärmedämmung bislang aber kaum.

Systemoptimierung erschließt neue Flexibilitätsoptionen

Hier gilt es umzusteuern und neue Flexibilitätsoptionen zu erschließen, die sich aus dem steigenden Anteil von EE an der Energieversorgung ergeben. Dies kann nur erfolgen, wenn die wechselseitige Optimierung von Gebäudehülle und Anlagentechnik systemoffen erfolgen kann. Sie sollte weitgehend den Planern und Bauherren überlassen bleiben, unter Einhaltung vorzugebender CO2-Äquivalente.

Monitoring und Betriebsoptimierung die ungenutzte Ressource

Grundsätzlich gilt es aber weit über die Planungs- und Bauphase hinauszudenken. So belegen die durchgeführten Projekte eindrücklich erhebliche Effizienzpotenziale, die sich durch ein gezieltes Monitoring und eine hierauf fußende Betriebsoptimierung erzielen lassen. Diese Potenziale können in der Größenordnung von über 30% liegen!

Das hier erhebliche CO2- und Kostensenkungspotenziale liegen, ist evident. technisch gesprochen geht es hierbei nicht primär um Vermeidung von Rebound-Effekten und Optimierung des Nutzerverhaltens, sondern um ein Mindestmaß an Einregulierung der Technischen Anlagen. Ziel muss es dabei auch sein, eine Rückkopplung zur Simulationssoftware hinzubekommen, um so künftige Planungen von vornherein zu optimieren. Dies alles ist aber nur über ein dringend notwendiges und standardisiertes Monitoring erschließbar, wofür die Digitalisierung die notwendigen technischen Tools zusehends kostengünstiger bereit stellt.

Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist es, dass über eine passgenauere Anlagenplanung kostentreibende Gleichzeitigkeit-  und Sicherheitsfaktoren reduziert werden können. Optimierte Anlagenbetriebe helfen also Investitionskosten zu sparen!
Nimmt man die vorgenannten Ausführungen, die anhand durchgeführter Praxisprojekte empirisch abgesichert sind, ernst, ergeben sich erhebliche Notwendigkeiten der Nachjustierung des ordnungsrechtlichen Rahmens und der Förderpolitik. Sie laufen auf folgende Forderungen hinaus

Ganzheitlicher Ansatz
• Betrachtung der gesamten Volkswirtschaft mit Ursache-Wirkungs-Ketten – keine Verschiebung von Einsparungslasten von einem Sektor in den anderen, Berücksichtigung der Kostenfolgen von Maßnahmen.
• Echte Sektorenkopplung statt Festlegung von Einzelzielen je Sektoren.
• Fokus auf Gesamteffizienz statt wie bisher auf möglichst »dicke Wärmedämmung«.
• Berücksichtigung auch von »Grauer Energie« (= Ressourcen- und Energieaufwand zur Herstellung z. B. von Dämmung) in die Gesamt-Effizienzbetrachtungen.

Technologieoffenheit
• Keine Festlegung auf technologische Lösungen, sondern fallweiser ergebnisorientierter Wettbewerb um die beste Lösung.
Effizienzorientierung
• Fokussierung auf Ergebnisse (= CO2-Minderung) statt auf Instrumente.
Die vollständige ca. 100 Seiten umfassende Studie kann über www.bbu.de bestellt werden.

Autor: Dr. Jörg Lippert, BBU Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V.
 

Veranstaltung des BBU am 23.10.2018 in Berlin

Akzeptanz für energetische Sanierung erhöhen cv

weiterlesen:
Umsetzung der Energiewende stockt (August 2018)
Die Mythen der energetischen Sanierung (Juni 2018)
Steuerliche Förderungen könnten Anreiz für energetische Gebäudesanierung sein (August 2018)
Fachartikel: Für und Wider Heizungsmodernisierung (Themenkreis Mehr Energieeffizienz in der Wohnungswirtschaft) (Sept 2018)

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Suchbegriffe:  BBU Verband Berlin Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V.Klimazieleenergetische Sanierungdämmen

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