Daseinsvorsorge Emden

Daten sind das neue Gold

Emden ist die kleinste kreisfreie Stadt Niedersachsens. Zwischen Dünen und Deichen treibt die ostfriesische Seehafen-Stadt ihre Digitalisierung voran. Nicht nur für die Industrie und das Gewerbe ist das wichtig, sondern auch die Wohnungswirtschaft profitiert erheblich davon.
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Digitaler Entwicklungplan der Stadt Emden: Vier Wohnungunternehmen sind beteiligt und profitieren durch die Inhous-Verkabelung mit Glasfaser für schnelles Internet und Mulitmedia-Anwendungen. Bild: Stadtwerke Emden
Digitaler Entwicklungplan der Stadt Emden: Vier Wohnungunternehmen sind beteiligt und profitieren durch die Inhous-Verkabelung mit Glasfaser für schnelles Internet und Mulitmedia-Anwendungen. Bild: Stadtwerke Emden

Emden gehört zu einigen wenigen Leuchtturm-Kommunen in Deutschland, die frühzeitig die Bedeutung der Digitalisierung als Gesamtpaket für die Stadt erkannt haben. In den meisten anderen Städten, insbesondere kleineren und Mittelstädten, gibt es bislang nur Einzelprojekte. Ein paar vernetzte Straßenlampen hier, ein Projekt zur digitalen Zählerauslesung dort und vielleicht noch ein Bürgerportal für die Verwaltung. Das bestätigt auch die Smart-City-Studie der Unternehmensberatung Haselhorst Associates 2020: Von insgesamt 400 Städten mit über 30.000 Einwohnern weist lediglich ein Viertel einen Digitalisierungsgrad von über zwölf Prozent auf (dazu auch das nebenstehende Interview).

„Allerdings dürfen diese Ergebnisse nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Kommunen der Entwicklung bereits einen großen Schritt voraus sind“, betont Haselhorst-Partner Jürgen Germies. Als Beispiel nennt er eben das ostfriesische Emden. Wesentlich vorangebracht wird die Digitalisierung dort durch den kommunalen Versorger, die Stadtwerke Emden (SWE), die sich mit ihrer Strategie bereits 2017 den renommierten Stadtwerke Award sicherten.

Aus den ursprünglich 15 Digitalisierungsprojekten wurden bis heute 35, für die Umsetzung und Weiterentwicklung hat die Kommune inzwischen einen Chief Digital Officer eingestellt, die Stadtwerke gründeten die Emden Digital GmbH als Tochterunternehmen. Unter anderem entstand daraus die KEPTN-App als gemeinsame digitale Informations- und Interaktionsplattform, die enorm von der Bevölkerung angenommen wird. Der KEPTN ist die Stadt-App für Bürger, Gäste und Unternehmen in Emden. Unter dem Motto „Die ganze Stadt in der Hosentasche“ bekommen die Nutzer Informationen über vieles, was gerade in der Stadt los ist, wann der Bus kommt, virtuelle Stadtrundgänge oder einfach den Hinweis, den Müll an die Straße zu stellen.

Neuester Clou: Über die KEPTN-App kann man nicht nur Informationen in Echtzeit abrufen, sondern Geschenk-Gutscheine ausdrucken, die in Geschäften und Restaurants vor Ort eingelöst werden können. Eine Idee, die die heimische Wirtschaft statt Amazon oder andere Internetriesen unterstützt.

Doch was macht Emden anders als andere Städte? Manfred Ackermann, Geschäftsführer der Stadtwerke Emden und Initiator der Digitalisierungs-Roadmap, setzt auf gemeinsames Handeln von Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Vor fünf Jahren kamen die Verantwortlichen dazu zum ersten Mal mit dem kommunalen Versorger zusammen, um gemeinsam auszuloten, wie sich neue Technologien nutzen lassen, um einen Mehrwert für die Stadt und Bevölkerung zu erreichen. Immer mit dabei auch Vertreter der Wohnungswirtschaft. Smarte Gebäudetechnik ist ein Stichwort. Das senkt Kosten und Aufwand. „Es war schnell klar: Digitalisierung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der kommunalen Daseinsvorsorge und gleichzeitig aktive Wirtschaftsförderung“, so Ackermann. „Wirtschaftliches Wachstum, Lebens- und Wohnqualität und nicht zuletzt auch die angestrebte Klimaneutralität sind ohne Digitalisierung heute nicht mehr denkbar.“

Ackermann macht keinen Hehl daraus, dass daraus auch für das kommunale Unternehmen neue Geschäftsmodelle entstehen sollen. „Unsere wichtigsten Ertragsquellen waren bislang der Strom aus unseren Windanlagen und die Gasversorgung – in beiden Bereichen ändern sich die Rahmenbedingungen, sodass wir uns nach Alternativen umschauen müssen.“

A und O ist der Glasfaserausbau

Berater Germies und Ackermann sind sich darin einig, dass das A und O der Ausbau des Glasfasernetzes ist. Hier hinken viele Städte noch hinterher. Deshalb nahmen die Emder die Sache selbst in die Hand. 2018 wurden die ersten Gewerbegebiete angeschlossen, im vergangenen Jahr folgten Wohngebiete. Über ihre Tochtergesellschaft Emden Digital vermarkten die Stadtwerke inzwischen erfolgreich eigene Breitbandangebote für Gewerbe- und Privatkunden. Einzeln oder als Komplettangebot können Kunden eine Telefon-Flatrate, Highspeed-Surfen und TV-Programme inklusive Router buchen. Für diese Investition haben die Emder 50 Millionen Euro in die Hand genommen. Viel Geld für die Seehafen-Stadt. Man ist aber optimistisch, dass die Summe kurzfristig refinanziert werden wird. „Wir haben von vornherein eng mit der Wohnungswirtschaft zusammengearbeitet, das hat dem Projekt erheblichen Auftrieb gegeben“, so Stadtwerke-Chef Ackermann.

Großes Thema aktuell ist nach Worten von Dr. Stefan Volkmer, Geschäftsführer von Emden Digital, die Inhouse-Verkabelung. Die vier größten Wohnungsbaugesellschaften arbeiten eng mit dem Versorger zusammen. Sie profitieren bereits von den Vorteilen des Glasfaserausbaus, weil dadurch zum Beispiel die Verkabelung in den Gebäuden durch die Nutzung der neuen DSL-basierten Technik „G-fast“ möglich ist. Das schafft wesentlich schnelleren Zugang zu den Kunden-Endgeräten in Bestandsbauten. Beim sogenannten G.fast handelt es sich um eine Technik, die extrem hohe Datenübertragungsraten auch auf Telefonie-Kupferleitungen des Festnetzes ermöglicht. Die Abkürzung steht für „fast access to subscriber terminals,“ was so viel bedeuten soll, wie „schneller Zugang zu Kundenendgeräten“. G.fast wird in Deutschland erst seit 2017 in der Praxis verwendet.

Synergien versprechen sich die Emder auch durch ein weiteres Infrastrukturprojekt: das LoRaWAN-Netz, das die Stadtwerke Emden vor Kurzem über die Stadt gespannt haben. Nach dem Motto „Daten sind das neue Gold“ setzt Emden darauf, seine Daten nicht an Unternehmen wie Google zu verkaufen, sondern selber zu nutzen. Zum Beispiel, um zu wissen, wo ein freier Parkplatz ist. Oder welcher Müllcontainer in der Stadt geleert werden muss. Und bei Hochwasser, ob die Deiche halten. Das sogenannte LoRaWAN-Netz hat eine große Reichweite, verbraucht aber wenig Energie. „Wir bauen sozusagen das digitale Gehirn der Stadt. Unser Ziel ist eine Datenbank von allen für alle“, sagt Manfred Ackermann.

Im LoRa-WAN-Netz wird auf niedriger Frequenz und sehr energieeffizient per Funk gesendet. Das macht diese Technologie besonders attraktiv für Anwendungen, bei denen kein direkter Strom- und Glasfaseranschluss besteht oder keine größeren Baumaßnahmen erfolgen sollen. Sender und Empfänger können mit Batterien mit einer Laufzeit von bis zu 15 Jahren betrieben werden. An sieben Stellen in der Stadt sind Antennen aufgestellt, die Daten empfangen können. Dabei geht es um Echtzeit-Daten. Auch hier ist die Seehafen-Stadt einer der Vorreiter.

Die Stadtwerke sehen auch bei diesem System Potenzial für neue Produkte und Dienstleistungen beim Gebäudemanagement. „Wenn zum Ende der Schulferien abzusehen ist, dass es kalt sein wird, wenn die Schüler zurückkehren, kann der Hausmeister kurzfristig von einer Stelle aus in allen Schulen die Heizung anmachen.“ Oder für die Abfallwirtschaft: Mit vernetzten Containern können Mitarbeiter von Bauhof und Grünflächenamt ihre Arbeit besser planen, fahren eben nicht zu einer halb leeren Mülltonne, sondern warten, bis diese von selbst Bescheid gibt. Dazu sind in den Tonnen Sensoren verbaut, die den Füllstand messen.

Modellregion Elektromobilität

Dass sich die Emder schon so frühzeitig in Sachen Digitalisierung auf den Weg gemacht haben, soll sich in den kommenden Jahren auch auszahlen, wenn das VW-Werk demnächst nur noch Elektrofahrzeuge produzieren wird. Um die vertrieblichen Potenziale der neuen Stromverbraucher zu nutzen, haben die Stadtwerke ein Netz von über 40 öffentlichen Ladesäulen aufgebaut und bieten in Kooperation mit der Stadtsparkasse und einem ortsansässigen Monteur ein eigenes Produktpaket aus Wallbox, Photovoltaik und Speicher an. Ein Stresstest ist auch erfolgt. Vermieter und Immobilienbesitzer können sicher sein, dass die Niederspannungsnetze in den Wohngebieten es verkraften, wenn nach Schichtende Tausende von VW-Mitarbeitern gleichzeitig ihr E-Fahrzeug laden wollen. Das Lastmanagement ist eine Eigenentwicklung der Stadtwerke Emden. „Wir sind bereit für die Elektromobilität“, sagt Manfred Ackermann.

„Kooperation mit Stadtwerken anstreben“

Wo eine digitale Erschließung vorgesehen ist, können echte Smart Areas entstehen.

Christina Hövener-Hetz

Christina Hövener-Hetz
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Artikel Daten sind das neue Gold
Seite 18 bis 20
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