Dekarbonisierung und kommunale Wärmeplanung

Stadt Brandenburg heizt mit Wärme aus Müllverbrennung

Abfall statt fossiles Gas – Brandenburg an der Havel nutzt Abwärme der thermischen Abfallverwertungsanlage Premnitz zur Wärmeversorgung von 12.000 Haushalten.

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Auf dem Rundgang durch das Heizkraftwerk: Bauminister Rainer Genilke (li.) im Gespräch mit Gunter Haase, technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Brandenburg a. d. H. Bild: Uwe Manzke
Auf dem Rundgang durch das Heizkraftwerk: Bauminister Rainer Genilke (li.) im Gespräch mit Gunter Haase, technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Brandenburg a. d. H. Bild: Uwe Manzke

Während einer „Klimareise“ des Klimabündnisses Stadtentwicklung durch Städte und Gemeinden in Brandenburg besichtigte Bauminister Rainer Genilke das Heizkraftwerk der Stadtwerke Brandenburg an der Havel. Er informierte sich dort über die Möglichkeiten der Dekarbonisierung durch Abwärmenutzung einer thermischen Abfallverwertungsanlage zur Versorgung von 12.000 Haushalten im Brandenburger Fernwärmenetz.

Mit dem im Januar 2022 in Potsdam gegründeten „Klimabündnis Stadtentwicklung Brandenburg“ wollen das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung (MIL), der BBU Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V. und die Landesgruppe Berlin-Brandenburg des Verbands kommunaler Unternehmen e. V. (VKU) die Brandenburger Kommunen ansprechen und die Wärmewende sowie Klimaschutz und Klimafolgenanpassung vor Ort vorantreiben. Vor diesem Hintergrund informierten sich der Brandenburger Bauminister Rainer Genilke gemeinsam mit Thomas Barz, Beigeordneter Stadt Brandenburg, Matthias Brauner, Leiter der BBU Landesgeschäftsstelle Potsdam und Julian Büche, VKU Landesgruppengeschäftsführer, über die Dekarbonisierung und den energetischen Umbau des Gasheizkraftwerkes der Stadtwerke Brandenburg an der Havel vor Ort.

Eine 20 Kilometer lange Fernwärmeleitung

Im Jahr 2015 übernahm Gunter Haase als technischer Geschäftsführer die Leitung der Stadtwerke Brandenburg a. d. H. „Im Jahr 2016 hatten wir die Idee, unsere Gasheizkraftwerke mit der Abwärme der EEW Energy from Waste GmbH (EEW) aus Premnitz zu ersetzen. Die Kosten der Fernwärmeanbindung beliefen sich bis zum Mai 2023 auf 43 Millionen Euro, davon rund 20 Millionen Euro Fördermittel von Bund und Land. Im dritten Quartal 2024 soll die 20 Kilometer lange Trasse den Vollbetrieb aufnehmen und somit die bisher angefallenen 70.000 Tonnen CO2 der im Jahre 1996 in Betrieb genommenen Gasheizkraftwerke über eine Laufzeit von 20 Jahren ersetzen.

Als Teil der EEW Energy from Waste-Gruppe erzeugt EEW Premnitz 139.000 Megawattstunden pro Jahr Fernwärme aus der thermischen Abfall- und Klärschlammverwertung. In den derzeit 18 Anlagen der EEW-Gruppe in Deutschland und im benachbarten Ausland tragen 1.150 Mitarbeiter für das energetische Recycling von jährlich bis zu fünf Millionen Tonnen Abfall Verantwortung. EEW wandelt die in den Abfällen enthaltene Energie um und stellt diese als Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete sowie Strom zur Verfügung.

Fernwärmepreis soll deutlich sinken bei Vollbetrieb

Damit künftig die Abwärme der thermischen Abfallverwertungsanlage in Premnitz rund 12.000 Haushalte über das Brandenburger Fernwärmenetz mit Wärme und warmem Wasser versorgen kann, konnte auf das Fachwissen, die Erfahrungen und Machbarkeitsprüfungen aus dem Klimabündnis aufgebaut werden. Die Ergebnisse des Wettwerbs der Best Practice Projekte lassen sich auch auf andere Quartiere übertragen. „Ein Herzstück dieses Versorgungskonzeptes ist die neu errichtete Wärmetrasse von Premnitz nach Brandenburg. Anfangs werden die Verbrauchspreise bei etwa 140 Euro je Megawattstunde liegen. Im Vollbetrieb gehen wir dann von 95 Euro aus“, berichtet Haase stolz.

Das Land Brandenburg hat sich zum Ziel gesetzt, bis spätestens zum Jahr 2045 klimaneutral zu werden. Das sei auch hinsichtlich der kommunalen Wärmenetzplanung sehr ambitioniert, so Minister Rainer Genilke. „Das Ziel kann nur erreicht werden, wenn wir unsere Städte und Gemeinden mit ins Boot holen. Wir müssen Wärme, Strom und Mobilität stärker als bisher miteinander verknüpfen und diese Sektoren auf erneuerbare Energien umstellen. Hier liegt ein riesiges Potenzial für den Klimaschutz und die Klimafolgenanpassung.“

Für den gelungenen energetischen Umbau von Quartieren gebe es in den Brandenburger Kommunen viele gute Beispiele, die zusammen mit dem BBU und dem VKU im Rahmen des Klimabündnisses ins Land getragen werden. Das besichtigte Vorhaben gilt für den Bauminister als ein Vorreiterprojekt im Land für die Transformation der Wärmeversorgung. „Durch die Nutzung von Abwärme wird darüber hinaus der Stromverbrauch gesenkt, weil der Bedarf für die Rückkühlung sinkt. Für mich ist das ein Best-Practice-Beispiel für eine klimafreundliche Versorgung“, fasst Genilke zusammen“.

Energieerzeugung aus Abfall reduziert CO2-Ausstoß um 70.000 Tonnen im Jahr

„Nach der Inbetriebnahme sparen wir rund 70.000 Tonnen Kohlendioxid im Jahr, das ist pro Einwohner fast eine Tonne Kohlendioxid weniger und ein sehr großer Schritt in Richtung Wärmewende. Denn mit der Trasse erfüllt unsere Fernwärme auch die Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes. Kunden können für einen Anschluss an unser Netz entsprechende Förderungen erhalten“, ergänzt Haase.

Wohnungswirtschaft frühzeitig in Projekte einbinden

Für Berlin-Brandenburgische Wohnungsunternehmen stellt die Dekarbonisierung der Fernwärme einen zentralen Ansatzpunkt im Rahmen der Wärmewende dar und sei einer der wirksamsten Hebel, um CO2-Neutralität zu erreichen, erklärt Matthias Brauner, Leiter der BBU Geschäftsstelle Potsdam. „Unsere jüngste Studie unterstreicht die Bedeutung dieses Ansatzes eindrucksvoll: Demnach erzielen Investitionen in die Energieerzeugung einen fünffach höheren Effekt bei der CO2-Einsparung im Vergleich zu Investitionen in den Gebäudesektor.“ Im Gegensatz zum Vorjahr zeige die Preisspiegelstudie 2023 ein sehr homogenes Bild auf, was die Preisentwicklungen in Berlin und Brandenburg im Jahr 2022 anbelangt. So stiegen in beiden Regionen die Kosten für Fernwärme und Heizöl um etwa 50 Prozent, für Erdgas um über 100 Prozent und für Strom im Durchschnitt um etwa 40 bis 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eine Schwachstelle der Verordnung zur kommunalen Wärmeplanung sei, dass die Wohnungswirtschaft nicht explizit in die Planung eingebunden werde. Deshalb sei die Zusammenarbeit im Klimabündnis auch hinsichtlich der Entwicklung neuer Quartiere so wichtig. Ein besonders positives Beispiel für die frühzeitige Auseinandersetzung mit dieser Thematik sei Brandenburg a. d. H.. Bereits deutlich vor der Verschärfung der aktuellen Diskussion und Marktlage wurden die ersten Überlegungen zur Dekarbonisierung geprüft. „Dies verdeutlicht nicht nur, wie zeitintensiv der Transformationsprozess ist, sondern auch, wie wichtig ein beherztes Vorangehen ist“, bestätigt Brauner.

Viele Brandenburger Stadtwerke bauen Wärmenetze aus

„Mit der Nutzung von Abwärme der thermischen Abfallverwertungsanlage haben die Stadtwerke Brandenburg einen innovativen Weg zur Dekarbonisierung gemacht“, bestätigt Julian Büche, Landesgruppengeschäftsführer Verband kommunaler Unternehmen e. V.. „An vielen Orten bauen die Stadtwerke derzeit die Wärmenetze im Land Brandenburg aus, weil es für die Kunden in vielen Gebieten und für das Klima das technisch und wirtschaftlich Beste ist. Aber mit der finanziellen Förderung, die der Bund derzeit anbietet, ist der Ausbau definitiv nicht zu schaffen. Wir brauchen bundesweit bis Mitte der 2030er-Jahre mindestens drei Milliarden Euro jährlich“, fordert Büche.

Neue Runde im Wettbewerb CO2-neutrale Quartiere

Der Landeswettbewerb wurde 2024 erneut ausgelobt. Die Preisträger sollen dann im Rahmen einer Fachveranstaltung im Januar 2025 ausgezeichnet werden. Ziel des Wettbewerbs ist es, verschiedene Akteure in den Kommunen zu ermutigen, Visionen und Projekte im Bereich des integrierten klimagerechten Planens und Bauens umzusetzen. Bis zum 15. Oktober 2024 können im Rahmen des Wettbewerbs „Vision CO2-Neutrales Quartier“ ambitionierte Konzepte und Investitionen in die Stadt- und Quartiersentwicklung über das Online-Formular beim Klimabündnis Stadtentwicklung eingereicht werden.

Für mich ist das Fernwärmeprojekt der Stadt Brandenburg ein Best-Practice-Beispiel für eine klimafreundliche Versorgung", freut sich Rainer Genilke, Bauminister in Brandenburg.

Uwe Manzke

Uwe Manzke
Autor, IWP Wissenschaftsredaktion
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Artikel Stadt Brandenburg heizt mit Wärme aus Müllverbrennung
Seite 32 bis 33
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