Neues Forschungsprojekt zur Mensch-Technik-Schnittstelle

Heizenergie sparen mit dem Handy? Gern – aber wie?

Es gibt sie: Smarte, energieeffiziente Technik, die im Haushalt über Tablets oder Smartphones gesteuert wird. Sie hilft Heizenergie zu sparen. In Zeiten der Klimawende eine digitale Schlüsseltechnologie. Aber, was ist mit dem Mieter? Nutzt er diese Technik? Wenn ja: richtig? Wie muss sie beschaffen sein?

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Experte für Energiefragen der Immobilien­wirtschaft: Prof. Dr.-Ing. 
Viktor Grinewitschus Bild: EBZ/Andreas Molatta
Experte für Energiefragen der Immobilien­wirtschaft: Prof. Dr.-Ing. 
Viktor Grinewitschus Bild: EBZ/Andreas Molatta

Das neue, über drei Jahre laufende Forschungsprojekt „VISE-I: Smart User Interfaces und Feedbackfunktionen“ geht diesen Fragen nach. Das Projekt wird vom NRW-Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie mit 800.000 Euro gefördert. Einer der drei Projektpartner ist Prof. Viktor Grinewitschus, Experte für Energiefragen der Immobilienwirtschaft von der EBZ Business School (FH), mit seinem Team.

Das interdisziplinäre VISE-I-Forschungsprojekt wird durch das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie koordiniert. Projektpartner sind die Technische Hochschule Köln (THK) und die Bochumer Immobilienhochschule EBZ Business School. Als der Zuschlag kam, war Prof. Grinewitschus hocherfreut, obwohl dieser Erfolg nicht von ungefähr kommt. Erst vor wenigen Monaten endete das drei Jahre laufende „BaltBest“: Dieses größte Forschungsprojekt seiner Art in Deutschland, vom Bundeswirtschaftsministerium mit 1,1 Millionen Euro gefördert, wurde von Prof. Grinewitschus geleitet. Untersucht wurden Heizungsaltanlagen im Wohngebäudebestand, wobei das Zusammenwirken von Heiztechnik, Bauphysik und Mieterverhalten im Fokus stand.

Nachgewiesen: große Einsparpotenziale – wenn der Mieter mitspielt

„Wir konnten bei BaltBest große Einsparpotenziale nachweisen, unter anderem beim Mieterverhalten“, so Prof. Grinewitschus. „Klar wurde, dass sich Technik und Mieterverhalten wechselseitig beeinflussen. So ließen sich Einsparpotenziale beim Einsatz smarter Thermostate von bis zu 16 Prozent erzielen – aber nur, wenn die Mieter diese auch bestimmungsgemäß nutzten.“ Andere Untersuchungen zeigen, dass auch Feedback über den aktuellen Energieverbrauch von großem Nutzen ist: Erhalten die Mieter eine direkte, unmittelbare Rückmeldung, die anschaulich ist und über Apps oder Home-Displays läuft, sind bis zu 14 Prozent Energieeinsparungen realisierbar. Diese Mensch-Technik-Schnittstelle legt das neue Forschungsprojekt VISE-I unters Mikroskop.

Dabei geht es im Kern darum, den Einfluss von Benutzeroberflächen (Interfaces) energierelevanter Technologien auf Effizienzpotenziale im privaten Haushalt systematisch zu erfassen. Die Forscher möchten nicht nur klären, welche Einspareffekte es gibt, sondern, inwiefern Smarte Technologie darauf einwirkt, also welche Arten von Benutzeroberflächen hilfreich sind:

  • Welche Feedback-Funktionen und Feedback-Arten (Push-Benachrichtigungen, E-Mails, Ton-Signale usw.) werden von den Nutzern bevorzugt?
  • Welche Energiedaten (Temperatur- und Verbrauchsdaten aus Heizkostenverteilern, Stromverbräuche usw.) helfen beim Energiesparen?
  • Wie können diese Daten zur Verfügung gestellt werden und welche Daten-Infrastruktur wird hierfür benötigt?
  • Wie müssen Bedienungsanleitungen des Herstellers gestaltet sein?
  • Wie kann die Implementierung von Smart-Energy-Lösungen für Wohnungsgesellschaften und Energiedienstleister unterstützt werden?

Seit Anfang des Jahres müssen Mieter monatlich eine unterjährige Verbrauchsinformation erhalten, damit es einfacher ist, energiesparendes Verhalten in seiner Wirkung richtig einzuschätzen. Das Projekt VISE-I geht noch einen Schritt weiter: Haushalte sollen nicht nur Informationen über ihren Verbrauch, sondern auch konkrete Handlungsempfehlungen erhalten, die sich aus dem Raumklima und aus der Nutzung der smarten Technik ableiten. Da die Raumtemperaturregelung nur mit großer zeitlicher Verzögerung funktioniert, ist es sinnvoll, aus dem Nutzerverhalten Zeitprofile für die Temperatur der Räume abzuleiten, die dann von der Smart-Home-Technik automatisch umgesetzt werden.

Prof. Grinewitschus: „Mieterhaushalte stehen durch die drastisch gestiegenen Heizkosten vor großen Herausforderungen. Einsparpotenziale beim Verbrauch in der Größe von bis zu 20 Prozent sind zweifellos da, unser Projekt wird Wege aufzeigen, wie diese schnell gehoben werden können. So leistet VISE-I auch einen großen Beitrag zum Klimaschutz in der Immobilienwirtschaft.“

Klimaschutz durch Nutzerfeedback

Die kaum zu überschätzende Bedeutung des Projekts ergibt sich aus der Ausgangslage. Der Gebäudesektor macht etwa 35 Prozent des gesamten deutschen Endenergieverbrauchs aus. Davon schlägt der größte Anteil von mehr als zwei Drittel für die Raumwärme zu Buche. Für die Dekarbonisierung der Haushalte – die noch zum größten Teil fossile Brennstoffe nutzen –, sind Effizienzsteigerungen im Wärmebereich nötig. Dazu benötigen Haushalte Informationen, wieviel Energie sie verbrauchen und vor allem, wie sie ihren Verbrauch senken können. Darüber hinaus bleiben gegenwärtig auch Informationen darüber im Dunkeln, ob Optimierungsmöglichkeiten bestehen, etwa weil ein Fehlverhalten oder defekte oder falsch eingestellte Anlagen und Geräte vorliegen.

Prof. Grinewitschus: „Der Ausbau digitalisierter Strukturen im Haushalt muss dringend vorangetrieben werden. Das ist auch für das Erreichen der Klimaschutzziele in der Immobilienwirtschaft essenziell. VISE-I ist ein weiterer, wichtiger Schritt auf dem Weg dahin.“

>> Interview mit BaltBest-Experte Prof. Dr.-Ing. Grinewitschus: „Energieeffiziente Betriebsführung kostet fast nichts“ (BaltBest steht für "Einfluss der Betriebsführung auf die Effizienz von Heizungsanlagen im Bestand".)

Redaktion (allg.)

Pixabay/ Mohamed_hassan
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