Interview Haus aus dem 3D-Drucker

„Weder Blumentopf noch Effekthascherei“

Architekt Waldemar Korte über ein mit Druckbeton „gegossenes“ Haus, das alle Genehmigungen besitzt, alle wichtigen Normen einhält und in dem sich wirklich wohnen lässt.

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Wandaufbau mit dem Betondrucker: Genau genommen ist es kein Druckverfahren, vielmehr spritzt eine Betondüse Schicht auf Schicht. Bild: Peri
Wandaufbau mit dem Betondrucker: Genau genommen ist es kein Druckverfahren, vielmehr spritzt eine Betondüse Schicht auf Schicht. Bild: Peri

(gehört zum zum Hauptartikel: Das Wohnhaus aus dem 3D-Drucker , aus IVV 03/2022)

Wie sind Sie darauf gekommen, ein solches Projekt zu entwickeln?

Die Idee stammt nicht von uns. Bis vor zwei Jahren kannte ich diese Technologie noch gar nicht. Aber dann waren wir Feuer und Flamme. Darauf gebracht hat uns ein Trockenbauunternehmer aus dem Bekanntenkreis. Er schaut sich regelmäßig um: Welche neuen Technologien gibt es auf der Welt? In China und auch einigen Ländern Europas hatte man mit dem Betondruckverfahren schon experimentiert. Damit kann man tatsächlich ein Gebäude bauen, davon war ich dann auch nach eigenen Recherchen relativ schnell überzeugt. Relativ schnell stand auch unser Projektteam – mit dem Materiallieferanten Heidelberger Cement, dem Druckerlieferanten Peri und uns als Tragwerks- und Gebäudeplaner und jetzt Mitbauherr die Firma Hous3Druck.

Für anderthalb Jahre soll das gedruckte Haus in Beckum ein Musterhaus bleiben und anschließend als Wohnhaus genutzt werden. Kein Prototyp also, sondern tatsächlich auch bautechnisch genehmigt. Auf diesen Punkt sollten Sie noch einmal eingehen. Richtig. Es ist kein „Blumentopf“. Denn Blumentöpfe, wie wir Architekten gedruckte Prototypen auch gern nennen, kann man schon seit fast zehn Jahren herstellen. Sie sehen toll aus, sind vielleicht sogar in großem Format gedruckt worden. Aber mehr ist da nicht.

Solche Schauobjekte aus Druckbeton herzustellen oder eben ein genehmigtes Gebäude – dazwischen liegen Welten. Das Gebäude in Beckum ist als Wohnhaus komplett durchgenehmigt. Wir halten die Energieeinsparverordnung ein, sind konform zu allen Regularien, was etwa Statik und Materialeigenschaften betrifft, und lehnen uns an das Regelwerk im europäischen Raum an.

Sie haben sich bei dem Haus für eine Trapezform entschieden. Warum gerade für diesen Grundriss?

Das spiegelt den Designgedanken wider. Dass man in der Form frei ist, war uns wichtig. Wir wollten das Potenzial des Druckverfahrens aufzeigen – wie spielend leicht man damit zum Beispiel vor Ort auch Rundungen oder auch gekippte, geschwungene Stützen drucken kann. In herkömmlicher Bauweise sind solche Details nur extrem aufwendig mit einer Schalung machbar. Auf der anderen Seite wollten wir nicht übertreiben. Denn was bringt ein „abgespactes“ Gebäude mit runden Innenwänden, wo man dann vielleicht nur ein Möbelstück stellen kann? Es sieht schick aus, aber am Ende kann keiner drin wohnen. Deshalb die Trapezform, die jedoch Effekthascherei nicht hinterherhechtet, sondern schick, klassisch, ruhig und trotzdem stark in der Wirkung ist. Und letztlich auch kostengünstiger – mit lediglich zwei bis drei Bauleuten, die beim Betondruck in dieser Größenordnung Hand anlegen.

Wie kommt diese Einsparung auf dem Bau an?

Das ist eine spannende Frage, bei der ich aber immer sehr entspannt bleibe. Denn wir bauen keine Stellen ab, sondern lösen eher das Problem des fehlenden Fachpersonals. Neulich hatte ich die aktuelle Maurerklasse für eine Führung auf der Baustelle: acht Azubis für den gesamten Kreis Warendorf. Unsere Hoffnung ist auch, dass sich durch diese Art des Bauens – digital und deswegen körperlich weniger anstrengend – wieder mehr junge Leute für Bauberufe interessieren und die Baubranche attraktiver wird.

Der beste Drucker nützt allerdings nichts, wenn an Ort und Stelle kein ausreichendes digitales Netz zur Verfügung steht. Das Ganze steht und fällt mit einer flächendeckenden digitalen Infrastruktur. Endlich bekommen wir jetzt auch hier im Industriegebiet Beckum, wo sich unser Firmensitz befindet, Glasfaser. Das hätte im Grunde schon vor zehn bis 15 Jahren passieren müssen.

Was hat sich für Sie als Architekt durch die neue Technologie in der Planung verändert?

Einfach einen Entwurfsatlas aufschlagen und nachsehen, wie ein solcher Wandaufbau oder die Fassadengestaltung im Detail sein muss, das ging hier nicht. Standardvorgaben dafür fehlten. Denn diese mehrschichtigen Aufbauten gibt es auf dem Markt nicht, bei keiner anderen Bauweise. Also haben wir für dieses Bauvorhaben Standarddetails komplett neu entwickelt und tun das weiter. Auch mit den Erfahrungen, die wir bei unserem ersten Projekt gesammelt haben.

Wo haben Sie inzwischen nachjustiert? Worauf konzentrieren Sie sich?

Unser Hauptaugenmerk richten wir gegenwärtig auf die Oberflächenstruktur. Die geriffelte Wandstruktur ist, wenn die Oberflächen nicht verputzt werden, eine Herausforderung für die Innenausbaugewerke wie Trockenbauer oder Fußbodenleger. Das sollte sich weitestgehend entspannen, wenn wir die Flächen glatt bekommen. Bei den nächsten Projekten wird das sicher so sein. Da sind wir auf einem sehr guten Weg. Entweder braucht man dann gar keinen Putz mehr oder nur noch Dünnschichtputz. Auch sämtliche Wand- und ebenso die Fensteranschlüsse sind dann einfacher herzustellen. Das alles reduziert auch die Kosten.

Mit der neuen Betondrucktechnologie kann man Wände hochziehen, aber keine Decken respektive Böden drucken. Noch nicht?

Die Problematik: Decken enthalten Bewehrungseisen und das kann man momentan noch nicht maschinell in den Arbeitsprozess einbinden. Aber es gibt einige Forschungsprojekte und wir sind mit Universitäten im Gespräch, die sich genau damit beschäftigen, in den Druckprozess Stahl- und Kunststofffasern einzumischen. Dann könnte man eventuell auch bewehrte Bauteile drucken.

Wie lange wird es dauern, bis der Betondruck ein Selbstläufer und folglich auch massentauglich wird?

Anfragen gab es schon viele, teils mit dem Tenor: Im Grunde kann ich mir kein Haus leisten, aber jetzt mit Betondrucktechnik wird die Welt besser. So einfach ist es jedoch nicht. Wir haben zwar schon sehr viel geschafft, sind jedoch immer noch am Anfang. In Bezug auf Wirtschaftlichkeit werden wir sicherlich in ein bis zwei Jahren mit anderen Bauweisen konkurrieren können und in drei bis vier Jahren günstiger sein. Aber wir brauchen natürlich auch Enthusiasten, die bereit sind, die nächsten Projekte mitzutragen. Es ist noch sehr viel Entwicklungsarbeit in viele Richtungen zu leisten.

Wohnungsbauunternehmen haben noch nicht bei Ihnen angeklopft?

Besichtigungstermine hatten wir schon eine Reihe. Unter anderem war Vonovia mehrmals auf unserer Baustelle. Aber richtig Farbe bekannt hat bisher noch keiner. Man wartet ab. Anfragen für Mehrfamilienhausbau mit fünf bis sechs Wohneinheiten kommen derzeit eher von kleineren privaten Investoren. Aber auch ein Schulanbau und die Erweiterung eines Krankenhauses sind im Gespräch.

Das berührt noch einmal die Frage: Inwiefern ist diese Technologie tatsächlich schon ausgereift?

Mittlerweile reden wir bei der Betondruck-Technologie über zehn bis 15 Prozent Mehrkosten. Das würde ich schon als ausgereift bezeichnen. Aber wir sehen ein Optimierungspotenzial von 20 Prozent. Projektbezogen könnte sich Wirtschaftlichkeit schon jetzt ab einer gewissen Größenordnung einstellen. Ab zehn bis 15 Gebäuden könnte es sich etwa für einen Projektentwickler durchaus schon rentieren, einen Drucker zu kaufen, statt zu mieten. Das Interesse an der 3D-Drucktechnologie und insbesondere auch an dem Projekt in Beckum ist weltweit groß, hört man.

Sind Sie mit Ihrer Entwicklung auch im Ausland unterwegs?

Es gibt erste Kontakte und auch Gespräche mit Wohnungsbauunternehmen in den USA, die solche Projekte aufziehen wollen. Inwieweit dies weiter vorangetrieben wird, muss man sehen. Im Grunde sind die Wohnungsbauunternehmen dort auf Holz ‚geimpft‘. Holzbau hat dort seit Jahrhunderten Tradition. Aber wenn es wirtschaftlich funktioniert, dann sagt sich der eine oder andere: Ich kann genauso gut massiv bauen und zudem die Vorteile dieser Bauweise verbuchen: Massivbauten sind deutlich beständiger gegen Witterungseinflüsse, gegen Hurrikans oder auch gegen Schädlingsbefall. Und gegen Feuer… Das ist ein großes Problem in den USA. Auch von daher gibt es etliche, die umdenken.

Holz ist natürlich ökologisch bei der Ersterrichtung. Aber wenn ein Gebäude nach einem Feuer oder auch einem Tornado dreimal neu aufgebaut werden muss, stellt sich das schon wieder anders dar. Oder über den Lebenszyklus gesehen – weil das Haus nach 40 oder 50 Jahren den Geist aufgibt, Beton aber erst nach 80 oder 90 Jahren. Die Lebensdauer von Holz ist nun einmal geringer als die von Beton. Auch das muss man ins Kalkül ziehen. Das geschieht aber nicht oder viel zu selten.

Sie wollen eine Lanze für den „Klimakiller“ Beton brechen?

Was mich nervt: Es wird immer über Beton, über Zement geschimpft. Aber dass diese Betonbauwerke hundert Jahre stehen und danach noch vernünftig recycelt und für andere Einsatzwecke benutzt werden können – darüber kaum ein Wort. Wirtschaftlichkeit, Dauerhaftigkeit und vor allem auch der Lebenszyklus, das heißt auch die Recycelbarkeit dieser Baustoffe, das alles gehört doch genauso dazu. Nach Abbruch Sondermüll, das ist heutzutage immer noch ein häufiges Problem.

Könnte man ein gedrucktes Haus wie in Beckum problemlos entsorgen?

Sicher. Das ist ein herkömmlicher Betonmörtel. Er ist komplett recycelbar und für den Straßenbau ohnehin im Nachgang geeignet, wenn man das Material brechen würde. Aber die Überlegungen gehen natürlich dahin: Könnte dieses Material, wenn es nur fein genug gemahlen ist, nicht auch wieder verdruckt werden?

Die Fragen stellte Carla Fritz.

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Carla Fritz

Carla Fritz
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Artikel „Weder Blumentopf noch Effekthascherei“
Seite 41 bis 43
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