Schwalbenschwanz-Grat statt Leim

„Wir holen das traditionelle Holzhaus zurück in die Stadt“

Inmitten von Stuttgart hat eine Baugemeinschaft ihr neues Zuhause in Massivholzbauweise errichten lassen. Dabei weiß nicht nur die klimaneutrale Ausführung zu überzeugen.
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Der Werkstoff Holz dominiert Außen wie Innen: Insgesamt wurden für den Massivholzbau 158 vorproduzierte Wand- und 286 Deckenelemente aus Fichtenholz eingebaut, deren Oberflächen allesamt in Sichtqualität ausgeführt wurden. Bild: Jürgen Pollak
Der Werkstoff Holz dominiert Außen wie Innen: Insgesamt wurden für den Massivholzbau 158 vorproduzierte Wand- und 286 Deckenelemente aus Fichtenholz eingebaut, deren Oberflächen allesamt in Sichtqualität ausgeführt wurden. Bild: Jürgen Pollak

Ein neues Quartier entsteht in einer gründerzeitlich geprägten Stadterweiterung im Westen von Stuttgart. Das in die Jahre gekommene Krankenhaus, das Olgahospital, wurde aufgegeben und abgerissen, da der Gebäudebestand aus den 1970er Jahren sich nicht für eine Folgenutzung eignete. Dadurch stand den Stadtplanern ein echtes Filetstück in bester Lage zur Verfügung, das mit einer kleinteiligen Blockrandbebauung, ausgiebigen Grünflächen und vernetzten Hofstrukturen entwickelt werden sollte. Zudem wollte man ein verkehrsberuhigtes Wohnviertel erschaffen, in dem Pkw keine Rolle spielen und die Zuwegungen einzig den Fußgängern und Fahrradfahrern vorbehalten sind. Dementsprechend wurden die Parkflächen unter die Erde verlegt.

Des Weiteren verfolgte man das Ziel einer sozial durchmischten Bewohnerstruktur, um Menschen mit niedrigem und solche mit höherem Einkommen in einem gemeinsamen Wohnviertel zu integrieren. So werden von den insgesamt 224 Wohnungen laut Angaben der Stadt 116 öffentlich gefördert, unterteilt in die Segmente „preiswertes Wohneigentum“, „mittlere Einkommensbezieher“ und „Sozialmietwohnungen“. Darüber hinaus hat die Stadt Stuttgart beim Verkauf der parzellierten Grundstücke insbesondere Baugemeinschaften berücksichtigt. Eine dieser Gemeinschaften hat sich dazu entschlossen, den sozialen Faktor mit dem ökologischen zu verbinden und in leimfreier Massivholzbauweise zu bauen. Dabei entstanden insgesamt elf Wohnungen mit Wohnflächen zwischen 61 und 115 m² für Paare, Singles, Familien, junge und ältere Menschen.

Leimfreies, vertikales Massivholzsystem

Die Baugemeinschaft MaxAcht wählte ein vertikales Massivholz-Bausystem für ihr Bauvorhaben aus: „Wir holen das traditionelle Holzhaus zurück in die Stadt und planen das erste mehrgeschossige Wohnhaus aus unverleimtem Massivholz in Stuttgart. Unser neues Zuhause wird eine vollkommen natürliche Umgebung sein.“ Dieses System, das von zwei Südtirolern – dem Tischler und Förster Herbert Niederfriniger und dem Holztechniker Armin Strickner – erfunden wurde, besteht aus mehrlagigen, stehenden und gehobelten Bohlen, die mittels traditioneller Schwalbenschwanz-Vergratungen ohne Kleber oder Metall zusammengefügt werden. Danach werden in den Elementkern gegeneinander laufende, konisch vorgefräste Gratleisten horizontal eingeschoben, was einen kraft- und formschlüssigen Gesamtverbund hervorbringt. Zudem wird die ausgleichende Feuchtigkeitsbewegung des Holzes als zusätzlich stabilisierender Faktor genutzt. Denn während die Bohlen aus Fichten- oder Weißtannenholz einen Feuchtigkeitsgrad von ca. 12 Prozent besitzen, weisen die Gratleisten aus Fichten- oder Eschenholz einen Restfeuchtegehalt von etwa 6 Prozent auf. Durch die ausgleichende Bewegung im Holzverbund ziehen sich die trockeneren Gratleisten in Richtung der feuchteren Bohlen fest.

Hanfdämmstreifen auf den Stößen und in den Fugen

Des Weiteren ermöglichen die Gratleisten im Elementkern, dass beide Seiten eines Elements in Sichtqualität ausgeführt werden können, was z. B. bei Innenwänden ein enormer Vorteil ist. Die Leitungskanäle der Elektroinstallation werden in die Rückseite der ersten raumseitigen Holzlage hineingefräst. Ein weiteres, wesentliches Merkmal des Elementaufbaus ist dem jahreszeitlich bedingten Arbeiten des Holzes geschuldet: eine Dehnungsfuge für die wechselnde Luftfeuchte, die dem massivhölzernen Elementverbund von Wänden und Decken den Spielraum beim natürlichen Schwund gibt.

Die Gesamtphilosophie des luftdichten Massivholz-Bausystems wird komplettiert durch die stehende Ausrichtung der Bohlen, die dem gewachsenen Baum im Wald Rechnung trägt. Dadurch kann das System sehr hohe Vertikallasten aufnehmen und in die Konstruktion ableiten, was setzungsfreie, mehrgeschossige Massivholzbauwerke wie den MaxAcht ermöglicht. Die baubiologische Ausführung erfährt beim Schließen der Fugen zwischen den einzelnen Vollholz-Elementen eine konsequente Fortsetzung. Hier sorgen Hanfdämmstreifen aus vernadelten Hanffasern ohne weitere Zusätze, wie z. B. synthetische Zusatzstoffe, für die nötige Luftdichtheit bei den Anschlüssen.

Sichtbares Holz innen und außen

Die Gründung des 12 m hohen Viergeschossers (Gebäudeklasse IV) erfolgte mit einer 25 cm dicken Stahlbeton-Bodenplatte oberhalb einer Tiefgarage. Ebenso besteht auch der Erschließungskern mit Treppenhaus und Aufzug aus 25 cm dicken Stahlbetonwänden, die in ihrer rohen Materialität belassen wurden. Dieser Kern steift die Konstruktion aus und leitet die Lasten des Holzbaus über die Außenwände sowie über die als Scheiben ausgeführten Massivholzdecken in die Konstruktion ab.

Die hochgedämmte, kompakte Gebäudehülle mit einem U-Wert = 0,194 W/m²K besteht aus tragenden Massivholzelementen von 18 cm, die in Sichtqualität ausgeführt und außenseitig brandschutztechnisch mit einer zweilagigen Mineralfaserdämmung von 14 cm isoliert wurden.

Ebenso wie im Innenbereich zeigt sich der Holzbau über eine hinterlüftete Fassade aus einer witterungsresistenten Fichtenholzschalung, auch im Außenbereich. Insgesamt wurden für den Massivholzbau 158 werkseitig vorproduzierte Wand- und 286 Deckenelemente aus Fichtenholz eingebaut, deren Oberflächen allesamt in Sichtqualität ausgeführt wurden. Die tragenden Innenwände wurden ebenfalls mit 18 cm dicken Massivholzelementen ausgeführt, wobei die Wohnungstrennwände für den Schallschutz einseitig eine Trockenbau-Vorsatzschale erhalten haben.

CO2-neutrales Bauwerk

Da die Massivholzelemente aus Südtirol über die brandschutzrechtlichen Zulassungen verfügten, konnte selbst die Brandwand sichtoffen belassen werden. Einzig die Wand zum Nachbarn hin wurde in der Trennfuge mit aufgedoppelten Gipsfaserplatten bekleidet. Auch die Decken wurden überwiegend in Massivholzbauweise ausgeführt. Einzig bei größeren Spannweiten kamen selbst entwickelte Holzbeton-Verbunddecken zum Einsatz. So geschehen z. B. im Erdgeschoss an der Südecke, wo anstelle einer dritten Wohnung ein großer Gemeinschaftsraum platziert wurde, der auf zwei Seiten großzügig verglast ist und dadurch einen direkten Bezug zum Außenbereich ermöglicht. Der Raum dient Bewohnern wie Nachbarschaft für gemeinschaftsbildende Aktivitäten aller Art.

Die Versorgung mit Heizenergie und Warmwasser erfolgt über den Anschluss an ein quartiereigenes, zentrales Nahwärmenetz, das über Kraft-Wärme-Kopplung (BHKW) mit Erdgas betrieben wird. Die Übertragung der Wärme in den mit einer Drei-Scheiben-Isolierverglasung ausgestatteten, massiven Holzbau erfolgt über eine Fußbodenheizung, die mit einer Vorlauftemperatur von 35 °C angefahren wird.

Beim Bau des massivhölzernen Viergeschossers wurden rund 440 m³ an massivem Holz verarbeitet. Dies entspricht einem Kohlenstoffanteil, aus dem Holz zu 50 Prozent besteht, von umgerechnet etwa 110 t, woraus eine CO2-Speicherung von über 403 t resultiert. Das Bauwerk wurde von der Planung bis zur Fertigstellung mit einer Ökobilanz begleitet und ist mit seiner Fertigstellung CO2-neutral.

Bautafel

Bauherr: Planungsgemeinschaft MaxAcht GbR, Stuttgart

Architektur, Bauleitung: architekturagentur Stuttgart

Holzbau Werkplanung, Vorfertigung Massivholzelemente: Holzius GmbH, Prad am Stilfserjoch

Holzbau Montage: Haselmeier Holzbau GmbH, Irndorf

Statik, Bauphysik, Brandschutz, Wärmeschutznachweis: TSB Ingenieurgesellschaft mbH, Darmstadt

HLS-Planung: Henne & Walter GbR – Ingenieurbüro für Gebäudesysteme, Reutlingen

Kennzahlen

jährlicher Primärenergiebedarf: 30,4 kWh/(m²a)

Transmissionswärmeverlust H‘T: 0,325 (W/m²K)

jährlicher Endenergiebedarf: 50,3 kWh/(m²a)

energetischer Standard: KfW 55 (EnEV 2016)

Nutzfläche: 1.348,2 m²

Bruttogrundfläche: 1.725 m²

Bruttorauminhalt: 5.400 m³

Wohnfläche: 1.050 m²

Bauzeit: 01/2018 – 12/2018

Baukosten (KG 300 + 400): 2,8 Mio. Euro brutto

Marc Lennartz

Marc Lennartz
Fachjournalist und Buchautor
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Artikel „Wir holen das traditionelle Holzhaus zurück in die Stadt“
Seite 36 bis 38
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