IG BAU beruft sich auf Zahlen des Pestel-Instituts

„In Deutschland droht eine Asbest-Welle“

Nach Einschätzung der IG Bau könnten 9,4 Millionen Wohnungen in Deutschland bei der Sanierung zu Asbest-Fallen werden. Die Gewerkschaft fordert ein staatliches Maßnahmenpaket gegen die drohende „Asbest-Welle“.

Auch alte Fußbodenbeläge können Asbest enthalten. Ihre Beseitigung muss unbedingt von Fachpersonal mit Arbeitsschutzausrüstung durchgeführt werden. Foto: Adobestock/Vivid Concepts
Auch alte Fußbodenbeläge können Asbest enthalten. Ihre Beseitigung muss unbedingt von Fachpersonal mit Arbeitsschutzausrüstung durchgeführt werden. Foto: Adobestock/Vivid Concepts

Die Gewerkschaft beruft sich auf eine „Situationsanalyse Asbest“, die die Bau-Gewerkschaft beim Pestel-Institut (Hannover) in Auftrag gegeben hat. „Von 1950 bis 1989 kamen Asbest-Baustoffe intensiv zum Einsatz. In der Zeit wurden bundesweit gut 9,4 Millionen Wohnhäuser neu gebaut. Das ist mehr als der Hälfte aller Wohngebäude in Deutschland. Es ist davon auszugehen, dass es in jedem Gebäude, das in diesen vier Jahrzehnten gebaut, modernisiert oder umgebaut wurde, Asbest gibt. Mal mehr, mal weniger“, sagt Carsten Burckhardt, der im Bundesvorstand der IG BAU für den Arbeitsschutz zuständig ist.

Es stehen zwei Sanierungsjahrzehnte bevor

Deutschland stehe vor zwei Sanierungsjahrzehnten. Der größte Teil der Wohngebäude, die in den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren entstanden sind, werden in den kommenden 20 Jahren – vor allem energetisch, senioren- und familiengerecht – saniert, modernisiert und umgebaut. Allein um die Klimaschutzziele im Gebäudesektor bis 2045 zu erreichen, wird eine Steigerung der Sanierungsquote in Richtung drei Prozent notwendig sein. Das bedeute, dass künftig jährlich rund 1,3 Millionen Wohnungen „angefasst“ werden müssen. Damit drohe eine Asbest-Welle in Deutschland.

4,3 Millionen Tonnen Asbest in Deutschlands Altbauten

Insgesamt seien nach Angaben des Pestel-Instituts von 1950 bis 1990 rund 4,35 Millionen Tonnen Asbest (Ost- und Westdeutschland) importiert worden. Daraus seien rund 3.500 Produkte hergestellt worden – die meisten davon für den Baubereich. „73 Prozent des Asbestes gingen in die Produktion von Asbest-Zementprodukten: Aus rund 32 Millionen Tonnen Asbest-Zement entstanden vor allem Rohre, Fassadenverkleidungen und Dacheindeckungen – die alten Eternitplatten“, so Burckhardt.

Die ‚Asbest-Fallen‘ lauerten überall: Asbest sei oft im Putz und sogar in Spachtelmassen und Fliesenklebern. Ein großes Problem sei Spritz-Asbest: „Hier sind die Asbestfasern schwächer gebunden. Sie können deshalb leichter freigesetzt werden. Vor allem Aufzugsschächte sowie Schächte mit Versorgungs- und Entsorgungsleitungen wurden früher intensiv mit Spritzasbest verkleidet“, erläutert IG BAU-Bundesvorstand Carsten Burckhardt.

Da es Fahrstühle vorwiegend in großen Gebäuden gebe, hätten diese aktuell das höchste Risiko einer Asbest-Belastung. Bundesweit gebe es gut drei Millionen Wohnungen, die in den vier Jahrzehnten ab 1950 in Mehrfamilienhäusern mit 13 und mehr Wohnungen neu gebaut wurden. „Bei einer Sanierung im bewohnten Zustand ist es wichtig, hier mit allergrößter Sorgfalt professionell vorzugehen“, mahnt der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther.

Asbest-Erkrankungen nehmen zu

Die IG BAU beklagt eine Zunahme bei Asbest-Erkrankungen: „Bei den Berufskrankheiten ist Asbest die häufigste Todesursache“, sagt Carsten Burckhardt. Er beruft sich dabei auf aktuelle Zahlen der Bau-Berufsgenossenschaft. In den vergangenen zehn Jahren seien 3.376 Versicherte der BG BAU infolge einer asbestbedingten Berufserkrankung gestorben – darunter allein 320 Baubeschäftigte im vergangenen Jahr.

Carsten Burkhardt warnt vor einer „unsichtbaren Gefahr“ durch Asbest: Alles beginne mit Baustaub und dem Einatmen von Asbestfasern. Dabei hätten Bauarbeiter und Heimwerker kaum eine Chance, diese Gefahr zu erkennen. Bis zu 30 Jahre dauere es, ehe es zur tragischen Diagnose komme: Asbestose – mit Lungen-, Bauchfell- oder Kehlkopfkrebs.

Keine akute Gefahr für Nutzer der Wohnungen

Für die Menschen, die in Wohngebäuden leben, die mit asbesthaltigen Baustoffen gebaut wurden, gibt es allerdings eine Entwarnung: „Eine unmittelbare Gefährdung für die Gesundheit gibt es nicht“, erklärten IG BAU, Pestel-Institut und die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin. Asbest in Altbauten könne erst dann zum Problem werden, wenn saniert oder umgebaut werde.

Gewerkschaft sieht Bund, Länder und Gemeinden in der Pflicht

Die Gewerkschaft fordert einen Schadstoff-Gebäudepass mit unterschiedlichen Gefahrenstufen für die jeweilige Asbest-Belastung eines Gebäudes. Außerdem plädiert die IG BAU für einen Asbest-Gipfel von Bund, Ländern und Kommunen. Eine übergreifende staatliche Kooperation sei notwendig, um das Asbest-Problem und die Finanzierung der Altlasten auf möglichst breiter Ebene anzugehen. Burckhardt fordert zudem eine staatliche Sanierungsprämie. Dazu müsse der Bund ein KfW-Förderprogramm „Asbest-Sanierung“ schaffen.

Darüber hinaus müsse es eine intensive Asbest-Aufklärung für Bauarbeiter und Heimwerker geben sowie intensivere Arbeitsschutzkontrollen durch die Länder. Dazu sei eine Aufstockung des Kontrollpersonals dringend notwendig. (Red.)

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