Konjunkturaussichten der Bauwirtschaft

Krisenmanagement bremst Nachhaltigkeit aus

Lieferkettenprobleme, Preissteigerungen und Fachkräftemangel werden den Umsatz in der Bauwirtschaft 2023 vermutlich drücken.

Abenddämmerung auf vielen Baustellen: Materialmangel bringt Arbeiten ins Stocken. Adobestock/somchai20162516
Abenddämmerung auf vielen Baustellen: Materialmangel bringt Arbeiten ins Stocken. Adobestock/somchai20162516

Die Bauwirtschaft kommt mit ihrer strategischen Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft nicht voran, weil sie permanent im Krisenmodus agiert. Drängendste Themen sind massive Kostensteigerungen von Baumaterial und Energie, Fachkräftemangel und teils extreme Materialengpässe durch Pandemie und kriegsbedingte Wirtschaftssanktionen und Produktionsausfälle. Für das Gesamtjahr 2022 erwartet die Branche ein Umsatzplus von sechs Prozent und 2023 von vier Prozent, Werte, die einzig der Inflation geschuldet sind. Parallel wird die Nachfrage auch wegen steigender Kreditzinsen für Investoren gebremst.

Stahl und Bitumen fehlen – große Projekte geraten ins Stocken

Die Zahlen gehen aus einer Befragung von 20 Vorstandsmitgliedern aus relevanten Unternehmen der Bauwirtschaft im Juni hervor, die die Unternehmensberatung Horváth gemacht hat. Deren Empfehlung: Die Firmen sollten sich dennoch für nachhaltige Baustoffe und Kreislaufwirtschaft auf ihren Baustellen einsetzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Vor allem die Folgen des Ukraine-Kriegs treiben die Preise von Baumaterialien. 61 Prozent der befragten Unternehmen geben einen sehr hohen Einfluss der gestiegenen Baupreise auf die Branche an. Weitere 22 Prozent einen hohen Einfluss.
Demnach mangelt es an Stahl und Bitumen, weshalb größere Projekte wie Brücken und Autobahnen ins Stocken geraten. Einerseits können Aufträge nicht bedient werden, andererseits bleiben wegen einer befürchteten Rezession und unkalkulierbarer Kosten neue Aufträge aus. Das statistische Bundesamt vermeldete im April einen Auftragsrückgang um real 16,4 Prozent – der größte Rückgang seit 2012. Für das Gesamtjahr prognostiziert die Branche nur noch ein Umsatzplus von 6,8 Prozent im Vergleich zu 2021.

„Immer mehr Bauvorhaben werden eigestellt“

Dirk Braune, Geschäftsführer der Kreisbau-Gruppe Rems-Murr im Speckgürtel Stuttgarts, wundern die Aussagen nicht: „Immer mehr Bauvorhaben werden aufgeschoben oder gleich gecancelt.“ Aktuell lägen die Preiserhöhungen bei knapp 20 Prozent, wenn sich ein Lieferant überhaupt noch auf einen Festpreis einlasse. Üblich würden Tagespreise bei Lieferung. „Auf dieser Basis kann aber niemand seriös kalkulieren“, sagt Braune, dessen Kreisbau ihren Schwerpunkt auf Mehrfamilienhäusern hat. Bis 2027 will diese Baugesellschaft ihren Mietwohnungsbestand von 900 auf 1.500 Einheiten erhöhen. Vergaben stehen bei ihr erst für Anfang 2023 und zweimal 2024 für drei Standorte mit insgesamt 290 Wohnungen an. Der Geschäftsführer hofft, dass sich bis dahin die Lage etwas beruhigt und Preise wieder kalkulierbarer werden.

Im Südwesten deutlich weniger Baugenehmigungen

Von Januar bis Mai sind die Baugenehmigungen für Mehrfamilienhäuser im Südwesten um 17,6 Prozent zurückgegangen. Trotz eines massiven Wohnraummangels, der sich durch ukrainische Flüchtlinge nochmals verschärft hat. Darauf weist der Landes-Bauverband hin. Demnach setze sich der Trend fort. Viele Bauunternehmen wüssten noch nicht, womit sie ihre Belegschaften im vierten Quartal auslasten und wie sie dann ihre laufenden Kosten begleichen.

Aktuelle Krise überlagert Nachhaltigkeit und Digitalisierung

Vor diesem Hintergrund fragte Horváth Vorstände nach der Dringlichkeit ihrer Themen: Nachhaltige Materialien liegen demnach erst auf Platz vier hinter der Bewältigung der Preissteigerungen, der Gewinnung von Fachkräften sowie der Gestaltung belastbarer Lieferketten. Nur 37 Prozent der Befragten legen den Fokus auf den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft (Cradle-to-Cradle) und einer besseren Energieeffizienz. Dabei haben bereits vor der Krise 34 Prozent der Unternehmen an ihrer Nachhaltigkeit gearbeitet. Branchenübergreifend waren das nur 29 Prozent. Dagegen haben 44 Prozent der Bauunternehmen noch gar nichts in dieser Thematik unternommen.

Neben Nachhaltigkeitsthemen wird auch die Digitalisierung von den akuten Herausforderungen überlagert. Die Bedeutung von Gebäudeautomation, die wichtig ist, um den Energieverbrauch zu senken, ging gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozentpunkte zurück. Building Information Modelling (BIM), ein wichtiger Baustein, um Gebäude als Materiallager zu begreifen und kreislauffähig zu machen, schafft es in der aktuellen Umfrage nur auf den achten Rang. Das sind fünf Prozentpunkte weniger als 2021. Nur 16 Prozent halten BIM noch für sehr wichtig.

Handwerkskammer Stuttgart fleht geradezu um Auszubildende

Dabei hakt es nicht nur im Neubau: Befeuert durch die Gasknappheit und steigende Energiekosten hat ein Run eingesetzt, Gebäude dämmen, Heizungsanlagen erneuern und Dächer mit PV-Anlagen bestücken zu wollen. Allerdings finden Interessenten kaum Handwerker. Und wenn, dann fehlt denen das benötigte Material. Und die Handwerkskammer Region Stuttgart fleht geradezu, dass die Betriebe für das neue Ausbildungsjahr „noch händeringend auf motivierte, junge Leute“ hoffen.

Autor: Leonard Fromm

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