Bei Umzug in die Stadt frisst die Miete das Haushaltseinkommen

Selbst Akademiker stoßen an ihre finanziellen Grenzen

Wer heute in eine Stadt umzieht und einen neuen Mietvertrag abschließt, muss damit rechnen, dass sich die persönlichen finanziellen Spielräume einengen. Die Miete frisst vielerorten mehr als ein Drittel des Einkommens. Für die Mehrheit der (ortsfesten) Mieter trifft das allerdings nicht zu.  

Berufliche Mobilität wird zunehmend teurer, denn die Angebotsmieten steigen rasant. Foto: Adobestock/gpointstudio
Berufliche Mobilität wird zunehmend teurer, denn die Angebotsmieten steigen rasant. Foto: Adobestock/gpointstudio

Eine Analyse des Portals immowelt zur Mietbelastung einer vierköpfigen Familie nach Berufsabschlüssen in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern zeigt: Eltern mit anerkanntem Berufsabschluss müssten in 46 von 79 Großstädten mehr als ein Viertel des Einkommens für Miete ausgeben – in 11 Städten liege die Belastung sogar über 33 Prozent. Für Eltern ohne Berufsabschluss sei die Belastung in 71 Großstädten hoch – in 41 Städten seien Mieten kaum noch leistbar. In München und Berlin sei die Mietbelastung für Familien am größten und auch für Akademiker kaum noch zu stemmen. Hohe Wohnkosten wegen niedrigeren Einkommen gebe es auch in Heidelberg, Freiburg im Breisgau und Rostock.

Hohe Wohnkostenbelastung in jeder zweiten deutschen Stadt

Ein Mietanteil von mehr als 25 Prozent am Haushaltsnettoeinkommen gelte als hohe Belastung. Mehr als 33 Prozent gelten gemeinhin als Überbelastung, weil dann nur noch wenig Geld zum Leben bleibt. In jeder zweiten untersuchten deutschen Stadt müssten sogar Eltern mit anerkanntem Berufsabschluss mehr als ein Viertel des Haushaltsnettoeinkommens aufwenden, um eine familientaugliche Wohnung anzumieten. Sind beide Elternteile ohne Berufsabschluss, treffe das gar in 71 von 79 untersuchten Städten zu. Angesichts der hohen Mietkosten in deutschen Großstädten bliebe vielen Familien, wenn die Wohnung zu klein wird, oftmals nur noch Wohngeld zu beantragen, in der aktuellen Wohnung zu bleiben, oder aufs Land zu ziehen. Es mangele in vielen Städten an Sozialwohnungen, die für Familien günstigen Wohnraum bieten.

Nur im Ruhrgebiet seien familientaugliche Wohnungen mit einem Berufsabschluss noch bezahlbar: In Gelsenkirchen, Duisburg oder Recklinghausen beispielsweise liege die Wohnquote bei unter 20 Prozent.

Bei Bestandsverträgen ist Belastung nicht gestiegen

Vermietungsportale wie immowelt nutzen als Datenbasis für ihre statistischen Betrachtungen die Angebotsmieten, die bei der Neuvermietung einer Wohnung verlangt werden. Damit fällt jedoch die große Mehrheit der Mieter aus der Betrachtung, die einen einen laufenden Mietvertrag haben. Die meisten Haushalte seien daher nicht einer steigenden Wohnkostenbelastung betroffen.

Diese Differenzierung nimmt das IW Institut der deutschen Wirtschaft in einer aktuellen Studie zur Wohnkostenbelastung vor. Es sei zwar unstrittig, dass der Quadratmeterpreis bei Neuvermietungen gerade in den Großstädten deutlich gestiegen ist: In den sieben größten Städten legte er seit 2010 jährlich real um 4,3 Prozent zu. Doch auf der anderen Seite seien die Einkommen der Mieterhaushalte bis zur Corona-Pandemie ebenfalls stark gestiegen – seit 2010 im bundesweiten Durchschnitt real um knapp 7 Prozent. Die Wohnkostenbelastung, also die Wohnkosten im Verhältnis zum Einkommen, sei über Jahre praktisch konstant.

Zudem seien hohe Mieten oftmals ein Problem jener, die eine neue Bleibe suchen: Der Preisunterschied zwischen Neuvertrags- und Bestandsmieten lag zwischen 2016 und 2018 im Schnitt bei 14 Prozent – deutlich höher als Mitte der 2000er Jahre.

Mehr Mieter sollten Anrecht auf Wohngeld erhalten

Als Reaktion auf die steigenden Mieten geben sich Neumieter der Studie zufolge mit kleineren Wohnungen zufrieden. So halten sie trotz der Mietsteigerungen ihre Kosten im Rahmen: Wohnten Bestandsmieter 2018 auf 49,5 Quadratmetern pro Kopf, begnügten sich Mieter mit Neuverträgen mit durchschnittlich 45,6 Quadratmetern.

Dennoch sieht die Studie auch die Verlierer am Mietwohnungsmarkt und warnt, dass sich ihre Lage durch die Corona-Pandemie verschlechtert. „Dagegen ist das Wohngeld ein sehr gutes sozialpolitisches Instrument“, sagt IW-Ökonom Maximilian Stockhausen. Das IW rät darüber nachzudenken, ob der Kreis der Wohngeld-Berechtigten nicht zumindest in den teuren Metropolen vergrößert werden sollte.

Neben dem Wohngeld sollen auch Sozialwohnungen denjenigen helfen, die mit hohen Wohnkosten kämpfen. Doch dieses Instrument sei selten treffsicher. Laut Studie sollten entsprechende Mietverträge deshalb befristet werden, damit der Bedarf regelmäßig überprüft werden kann. (Red.)

 

 

 

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