Plus-Energie-Haus

„Die goldene Mitte ist das, was wir umsetzen“

Im Interview spricht Stephan Patz, Geschäftsführer der Gesellschaft für Bauen und Wohnen Bottrop mbH (GBB), über Ansprüche an klimagerechtes Bauen und Wohnen, warum es sinnvoll sein kann, bestimmte Dinge wegzulassen und wie nützlich Leuchtturmprojekte dabei sein können.
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 Bild: GBB Bottrop
Bild: GBB Bottrop

Sie kommen gerade von einer Baustelle. Was und für wen bauen Sie dort?

Es handelt sich um ein Projekt mit 52 Wohneinheiten – Mehrfamilien- und Reihenhäuser –, das jetzt seiner Gesamtfertigstellung entgegengeht. Im Wesentlichen öffentlich gefördert, mit wenigen freifinanzierten Wohnungen. Insofern ist unsere Klientel dort wie generell eher der Kunde, der einen Wohnberechtigungsschein hat. Unser Auftrag ist die bezahlbare Wohnraumversorgung in Bottrop.

Wie ordnet sich dabei das Plus-Energie-Haus ein, das die GBB als bundesweit erstes Modellprojekt im sozialen Wohnungsbau errichtet hat?

Wir sind auch Vorreiter bei Innovationen und haben hohe Ansprüche an uns selbst. In diesem Fall haben wir uns ganz bewusst für ein Leuchtturmprojekt entschieden, das zugleich auch Labor war. Ein Haus mit sechs Wohnungen, in das alles eingebaut wurde, was die Technik zum Zeitpunkt der Planung 2014 zu bieten hatte. Die Mieter dort haben keine warmen Betriebskosten, dafür aber eine leicht erhöhte Miete. Im normalen Geschäft können wir keine Häuser bauen, die wir quersubventionieren müssen. Generell sind wir der Wirtschaftlichkeit verpflichtet. Mit der Energieeinsparverordnung haben wir meiner Überzeugung nach ohnehin einen sehr hohen Standard zu erfüllen. Insofern stellt sich dann auch die Frage: Ist es im öffentlich geförderten Wohnungsbau wirtschaftlich darstellbar, diesen noch zu toppen? Darauf zielt die KfW-Förderung letztlich ab.

Worauf wollen Sie konkret hinaus?

Wenn man noch die letzten fünf Prozent Energieeinsparung aus dem Gebäude herauskitzelt, wird es extrem teuer. Dann braucht man aufwendige technische Lösungen und extreme Dämmstoffdicken, so sind Neuvermietungsmieten unter sechs Euro pro Quadratmeter trotz öffentlicher Förderung nicht machbar. Und ergibt sich daraus tatsächlich ein relevanter messbarer Effekt? Aus der täglichen Praxis möchte ich bestreiten, dass man bereits zwischen einem EnEV-Haus und einem KfW-55-Haus einen nennenswerten Unterschied bei den Heizkosten hat. Der Einfluss des individuellen Nutzerverhaltens auf den Verbrauch ist größer als der Einfluss von Dämmung und Haustechnik.

Ein Leuchtturmprojekt, das am Ende doch keines ist?

Für mich hat es seinen Zweck als Labor erfüllt. Wir lernen schließlich daraus und setzen bestimmte Dinge auch anderswo um. Das Dach ist mit einer großen Photovoltaikanlage belegt. In unserem Bestand gibt es über 150 PV-Anlagen, die uns aus steuerlichen Gründen zwar nicht gehören, der Umwelt aber jährlich 1.088 t CO2 ersparen – durch den Strom, der auf unseren Dächern produziert wird. Wir nutzen Geothermie. Das Plusenergiehaus wird durch eine Wärmepumpe beheizt. Das funktioniert wunderbar, wenn man es technisch richtig auslegt. Das sind Themen, die wir gern in unsere Bauvorhaben aufnehmen. Genauso wie die Drei-Scheiben-Verglasung und eine vielleicht nicht bis an die Grenze des technisch Machbaren gehende, gute Wärmedämmung an der richtigen Stelle. Kontrollierte Wohnraumlüftung gehört jedoch aus vielerlei Gründen nicht dazu.

Was spricht denn gegen diese Art von Energieeinsparung und Energieeffizienz?

Kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung ist eine tolle Idee. Man kann fast wärmeverlustfrei lüften, bekommt frische Luft zu jeder Zeit, ohne das Fenster aufmachen zu müssen. Sie verursacht aber hohe Mehrkosten beim Bau und im laufenden Betrieb und viele Mieter wollen das gar nicht, nehmen die Sicherung raus. Sonne scheint, Fenster auf, das ist ein normales Verhalten. Soll man nicht, wird trotzdem gemacht. Das unterminiert im Grunde die Idee, die dahintersteht. Das war so bei den Klimaschutzsiedlungen in Essen, mit denen ich früher beruflich zu tun hatte, und ist auch bei unserem Plus-Energie-Haus so. Die Technik, die verbaut wird, bringt zugleich hohe Wartungskosten mit sich, die wir unseren Kunden ersparen möchten.

Das heißt?

Die Steuerung solcher Anlagen ist hochmodern, kann ins Internet eingebunden und übers Smartphone bedient werden. Auf der anderen Seite bauen wir mit unseren Objekten Anlagegüter, die 80 oder 100 Jahre lang Erträge bringen sollen. Zugespitzt: Wenn ich dort eine Technik mit der Halbwertzeit eines Smartphones einbauen soll, wo führt das hin?

Sagen Sie es uns.

Was heute aktuell und topmodern ist, ist in zehn Jahren vom Look and Feel schon alt, mit vielem nicht mehr kompatibel. Man ist nicht mehr damit zufrieden. Nach 15 oder 20 Jahren fallen Bauteile aus, für die es möglicherweise keine Ersatzteile mehr gibt. Die Steuergeräte über den abgehangenen Decken müssen im bewohnten Zustand ersetzt werden. Wir kommen in Instandhaltungszyklen, die keiner will und die jedes Budget sprengen. Sicher, der Mieter hat die Energieeinsparung. Die Kosten bleiben bei uns hängen.

Wie war denn die Baukostenbilanz beim Plus-Energie-Haus?

Die Baukosten waren in diesem Fall doppelt so hoch wie normalerweise – mit dem großen Posten Planungskosten. Im Normalfall, bei Fernwärmeheizung oder Gas-Brennwerttherme, kriegt die Installationsfirma die Auslegung allein hin, weiß der Heizungsinstallateur: Wie groß müssen die Heizkörper sein, um den Raum warm zu bekommen? Wenn ich aber in die tiefste Techniktrickkiste greife, Solarenergie und einen fossilen Energieträger kombiniere, plus eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, dazu noch dieses und jenes Element, dann muss die TGA-Planung durch Ingenieure verschiedener Fachrichtungen gemacht werden. Das summiert sich, ohne dass davon überhaupt schon ein Stein auf der Baustelle umgesetzt wurde. Und wenn am Ende etwas nicht funktioniert, zeigt jeder auf den anderen. Diese Erfahrung haben wir auch gemacht.

Klimaneutraler Gebäudebestand bis 2050 ist das politische Ziel. Sie haben Probleme angesprochen. Wie arrangieren Sie sich als kommunales Wohnungsunternehmen mit den Gegebenheiten?

Mit der energetischen Modernisierung unserer Bestände aus der Zeit vor der ersten Wärmeschutzverordnung sind wir so gut wie durch. Wir wollen hochwertig und nachhaltig neu bauen, ausgelegt auf 80 bis 100 Jahre. Insofern – die goldene Mitte ist das, was wir umsetzen. Dinge, die man weglassen kann, lassen wir weg. Keep it simple – das ist bei der Haustechnik unser Weg. Beim aktuellen Neubauprojekt hatten wir Gelegenheit, uns an die Fernwärme anzuschließen. Dort haben wir einen zeitgemäßen EnEV-Standard, in einigen Wohnungen auch Einzelraumlüftungsanlagen ohne Filter. Das hat mit einer Bahnlinie in der Nähe zu tun. Schlafzimmer auf dieser Seite bekommen so auch Frischluftzufuhr, ohne dass man das Fenster aufmachen muss. Wir fördern dort Fahrradmobilität mit fünf großen ebenerdigen abschließbaren Abstellräumen. Ebenso die E-Mobilität durch den Bau von Elektroladesäulen. Das alles sind Bausteine, die wir gern umsetzen, ebenso Wärmepumpen. In künftigen Bauvorhaben gehört dazu auch die Dachbegrünung. Einmal, um Hitzeinseln zu begegnen, zum anderen um Abflussbeiwerte zu reduzieren.

Wann ist Einzug im aktuellen Neubauquartier?

Die insgesamt fünf Mehrfamilien- und zwölf Reihenhäuser sollen bis Ende Mai bezogen und bis Juni auch Spielplatz und Außenanlagen fertig sein. Dann soll es, wenn alles gutgeht und Corona nicht einen Strich durch die Rechnung macht, ein großes Fest geben. Dann widmen wir uns der nächsten Baustelle.

Das Interview führte Carla Fritz.

Carla Fritz

Carla Fritz
freie Journalistin
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Artikel „Die goldene Mitte ist das, was wir umsetzen“
Seite 30 bis 31
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