DGNB-Expertin über die EU-Taxonomie und Bauen im Kreislauf

Wenn Gebäude ihre Betriebserlaubnis verlieren

Gebäude, die keine Betriebsgenehmigung mehr bekommen. Neubauten und Sanierungen, die an der Finanzierung durch Kreditgeber scheitern. Das sind nur zwei Szenarien, die Anna Braune der Baubranche skizziert. Auf Einladung der Ed. Züblin AG sprach die promovierte Leiterin des Bereichs Forschung und Entwicklung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) in Stuttgart vor Planern und Bauleitern.

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Dieses Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wird seine „Betriebserlaubnis" so bald nicht verlieren: Die DGNB zeichnete das Berliner Hotel Wilmina, ein ehemaliges Frauengefängnis, mit dem Nachhaltigkeitspreis Architektur 2013 aus. Das Gebäude sei ein hervorragendes Beispiel für die Nachverdichtung im Gebäudebestand mit minimalem C02-Fußabdruck bei gleichzeitiger Entsiegelung und Renaturierung von Flächen. Bild: Wilmina/Robert Rieger
Dieses Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wird seine „Betriebserlaubnis" so bald nicht verlieren: Die DGNB zeichnete das Berliner Hotel Wilmina, ein ehemaliges Frauengefängnis, mit dem Nachhaltigkeitspreis Architektur 2013 aus. Das Gebäude sei ein hervorragendes Beispiel für die Nachverdichtung im Gebäudebestand mit minimalem C02-Fußabdruck bei gleichzeitiger Entsiegelung und Renaturierung von Flächen. Bild: Wilmina/Robert Rieger

Naturbasierten Materialien, Sekundärrohstoffen und Recycling gehört die Zukunft des Bauens“, sagt Anna Braune, die seit 2008 mit dem Nachhaltigkeitsbeauftragten der Züblin, Ulrich Schweig, kooperiert, der den Vortrag initiiert hatte. Weitere Parameter seien zirkuläres Bauen und Langfristigkeit, um „graue Energie im Bestand“ länger zu nutzen. Die Referentin: „Das dürfen gerne auch 200 Jahre sein, weshalb sie so planen und bauen sollten, dass das Gebäude flexibel ist und variabel genutzt werden kann.“ Die DGNB-Sprecherin nimmt aber nicht nur die Baubranche in die Pflicht: „Die Bauherren sind stark gefragt, nachzuvollziehen, was da aktuell an Transformation läuft.“ Bauingenieure und Architekten seien als deren Informanten, Aufklärer und Berater gefragt. Die Pandemie habe gezeigt, dass die Gesellschaft gut beraten ist, wieder mehr auf Experten zu hören und ihnen zu vertrauen. Braune: „Das wünsche ich mir auch für die Experten für Klimaschutz oder Biodiversität, sonst bekommen wir wirklich bald ein sehr großes Problem.“

„Wir brauchen eine stärkere kulturelle Identifikation mit Bestandsgebäuden“

Kreislaufgerechtes Bauen habe neben der ökonomischen und ökologischen Dimension eine soziale. Die Referentin: „Die Länder der Südhabkugel verschieben aktuell unter widrigsten Bedingungen ihre wertvollen Rohstoffe in die Industrienationen.“ Als Beispiele nannte sie Lithium oder Kupfer. Es brauche global eine gerechte Verteilung aller Ressourcen und regional eine stärkere kulturelle Identifikation mit Bestandsgebäuden und ein Verständnis für die spezifische Baukultur.

Kreislaufwirtschaft fördert die regionale Wertschöpfung

Die Vorteile, wenn man Kreisläufe in Gang setze, seien mehr regionale Wertschöpfung und heimische Arbeitsplätze, Unabhängigkeit von Preisschwankungen bei Materialien, Deponie- und Entsorgungskosten entfallen und Innovationen werden begünstigt. Das Europäische Parlament habe diese Prinzipien verstanden, mit den Pariser Klimazielen verknüpft und daraus den „Green Deal der EU“ geschaffen, der zirkuläres Bauen zum Standard macht und den Kontinent bis 2050 CO2-neutral haben will.

Konkrete Ziele bis 2030 seien etwa die Verdopplung der Renovierungsquote, was EU-weit bis dahin 35 Millionen Gebäuden entspricht, und eine Senkung der CO2-Emissionen gegenüber 1990 um 55 Prozent. Braune wird vor dem gebannt lauschenden Publikum im Saal und online übertragen: „EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist sehr tough und will ihre Ziele unbedingt über rechtliche Grundlagen und ökonomische Anreize erreichen.“

Die DGNB-Referentin nannte einige Beispiele: So sollen digitalisierte Produktinformationen vorgeschrieben werden, um Ingredienzen und Rezepturen transparent zu machen. Renovierung gehe vor Abriss und höhere Vorgaben zur Energieeffizienz würden definiert. Die drohende Sanktion: „Wenn Mindeststandards nicht erreicht werden, entfällt die Betriebserlaubnis für ein Gebäude.“ In den Niederlanden werde das bereits praktiziert und habe eine riesige Nachfrage nach Sanierungen ausgelöst, was wiederum dynamisch auf die Kreislaufwirtschaft wirkt, weil für die Standards die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet werde.

In diesem Kontext bekomme die Richtlinie für die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (EPBD) große Bedeutung, weil sie in der Gesamtbetrachtung auch die Langlebigkeit eines Gebäudes berücksichtigt. Die EU-Taxonomie, so Braune, ist der kaufmännische Hebel dieser Transformation der Baubranche, weil er einzelne Aktivitäten zur Nachhaltigkeit klassifiziert. Die Referentin ist sich sicher: „Dadurch steigt die Nachfrage der Bauherren massiv nach Aspekten wie Regionalität, Rezyklierbarkeit oder Langlebigkeit.“ Mehr noch: Bauvorhaben könnten am Veto der Finanzierer scheitern, wenn Standards für Neubauten und Sanierungen festgelegt seien. Das werde in der Umsetzung an die KfW-Praktiken erinnern.

Die gesamte Thematik werde im neuen Marktsegment der „Circular Economy“ gebündelt, in dem Prozesse und Schnittstellen definiert, Quoten für Materialitäten festgelegt, Bestände erfasst und Informationen digital hinterlegt werden. Braune, die innerhalb des DGNB und mit engagierten Mitgliedern den Wandel mitgestaltet: „Von einzelnen Leuchtturmprojekten ausgehend, bei denen wertvolle Erfahrungen gesammelt werden, wird sich die Transformation der Baubranche in Breite und Tiefe fortsetzen.“ Ihre Prognose: Die Taxonomie werde die herkömmliche Baugenehmigung ablösen.

„Die EU-Taxonomie wird herkömmliche Baugenehmigung ablösen“

Ein Werkzeug in diesem Kontext sei das EU-Rahmenwerk, das als „Levels“ bekannt sei. Hier werde primär die Datenerfassung und Kommunikation über Gebäude reguliert. Eng damit verbunden sei das Green Public Procurement (GPP), das die Kriterien für öffentliche Ausschreibungen und Vergaben festlegt. Aktuell im ISO-Normierungsverfahren seien etwa die Reporting-Standards für Zirkularität, bei dem Aspekte wie Demontierbarkeit oder Rezyklierbarkeit vereinheitlicht werden, um Transparenz und Kompatibilität europaweit herzustellen.

„Die Zukunft ist in Teilen bereits Gegenwart,“ sensibilisierte die Referentin ihre Zuhörer für die abstrakte Thematik. So enthalte der Koalitionsvertrag der rot-grün-gelben Bundesregierung vom Herbst 2021 bereits Bausteine wie serielle Sanierung oder Überarbeitung der Fördermittel-Richtlinien Richtung Zirkularität, um die EU-Taxonomie zu begünstigen. Und die Verbände seien im Verfahren, um neue Bedarfe zu normieren, etwa das Bauen mit Lehm; veraltete Normen und Quoten anzupassen und generell neue Themenfelder zu benennen, die reguliert werden sollten. Dieser Prozess laufe gleichermaßen dynamisch auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene, lud Braune ihre Zuhörer ein, sich in diese Diskussionen mit der eigenen Expertise einzubringen.

So definiere die DGNB aktuell den Gebäude-Ressourcenpass auf der Basis von Levels, EU-Taxonomie, PCDS u.a.

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Die Ökobilanzierung nach DIN EN ISO 14040 sei dabei ein wichtiges Tool, um die Effizienz der eigenen Planungsidee zu simulieren, weil sie nicht in einer der neun Leistungsphasen verharre, sondern das gesamte Bauwerk von der Planung bis zur Demontage und Revitalisierung in den Blick nehme. Dabei unterstützten Produktdatenbanken, die zunehmend mit zertifizierten Produktkatalogen für Fenster, Fassaden, Teppiche oder Beschläge bestückt würden, aus denen dann der Planer sein Zubehör zusammenstellen kann. Nur für den Business-to-Business-Bereich sei dabei die Environmental Product Declaration (EPD) relevant, die auch Aspekte wie Haltbarkeit und Ersetzbarkeit etc. umfasst.

DGNB-Navigator ist Suchmaschine für zirkuläre Produkte

Die DGNB habe ihren Navigator komplett überarbeitet und stelle ihn als Planungswerkzeug zur Verfügung, in dem Bauschaffende zirkuläre Produkte und Prozesse suchen und finden können. Weitere Tools mit unterschiedlichen Schwerpunkten etwa auf dem Bestand oder der künftigen Verwendung seien der Urban Mining Index (erfasst Materialbestand), Concular (handelt auch mit gebrauchten Materialen), Madaster als Indikator für die Rezyklierbarkeit einzelner Gebäude oder der Building Circularity Passport von EPEA.

Expertin Braune: „Im Kern sind das alles im Wettbewerb konkurrierende Systeme und Philosophien, bis sich vermutlich bis 2024 ein einheitlicher Standard herauskristallisiert, an dem sich dann alle ausrichten.“

In der anschließenden Fragerunde waren sich die Redner einig, dass man beim Bauen künftig bei Schallschutz, Sicherheit, Vielfalt oder Komfort Abstriche machen müsse, um die neue Regulatorik nicht zu behindern. Auch könne man aus der Historie vor 100 Jahren bezüglich Einfachheit, Natürlichkeit und Langlebigkeit lernen.

„Nachhaltiges Bauen ist vor allem Digitalmanagement“

„Gebäudesanierung und Bauen ist vor allem Digitalmanagement“, zog ein junger Bauingenieur sein Fazit. Andere meinten, sie wollten modular oder in Stufen mit Basics der Zirkularität beginnen und dann immer virtuoser werden. Das hielt auch Braune für einen guten Weg, die dringend empfahl, sich in der DGNB zu vernetzen, um schnell von Erfahrungen anderer zu lernen und eigene Fragen und Lösungen rasch zu kommunizieren.

Mit ihrem Neubau am Firmensitz im Albstadtweg 10 sammelt die Ed. Züblin AG selbst aktuell Erfahrung, sagte Dr. Karoline Fath, die bei dem Baukonzern seit diesem Jahr den Fachbereich Nachhaltiges Bauen leitet. Und in Esslingen entsteht bis 2026 für 130 Millionen Euro der Neubau des dortigen Landratsamtes in kreislaufgerechter Weise. Den Zuschlag als GU hatte das Unternehmen bekommen, weil der Kreistag als Bauherr exakt ein solches Vorzeigeprojekt realisieren wollte.

Das Bauen, das CO2 und der Müll

Die Baubranche emittiert zwei Fünftel allen Kohlendioxids inklusive des Betriebs der Gebäude. Insgesamt verursacht Deutschland jährlich 900 Mio. t CO2 und verfügt über 20 Mio. Gebäude. Parallel ist die Effizienz bei DGNB-zertifizierten Gebäuden je qm von 100 kWh 2009 bis 2015 auf 60 kWh/qm gestiegen. Die Baubranche steht bundesweit für 70 Prozent des Flächen-, 50 Prozent des Ressourcen- und 40 Prozent des Energieverbrauchs. Sie trägt zehn Prozent zum BIP bei, und stellt sechs Prozent aller Arbeitsplätze. Dass pro Kopf 187 Tonnen Material verbaut sind, liegt auch daran, dass der Raumbedarf pro Kopf seit 1980 um ein Drittel auf zuletzt 54 qm gestiegen ist. Parallel verursachte die Branche 2019 55 Prozent aller Abfälle. Das waren 230 Mio.t und zehn Prozent mehr als vier Jahre zuvor.

„Wenn Mindeststandards nicht erreicht werden, entfällt die Betriebserlaubnis für ein Gebäude.“

Dr. Anna Braune

DGNB

Leonhard Fromm

Leonhard Fromm
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Artikel Wenn Gebäude ihre Betriebserlaubnis verlieren
Seite 18 bis 19
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