Stornierungswelle im Wohnungsbau

Neubau und Energiewende im Bestand in der Krise

Steigende Zinsen und teure Baustoffe treffen Wohnungswirtschaft und private Kleinvermieter gleichermaßen: Es wird weniger oder gar nicht investiert. Neubau und energetische Sanierung gehen zurück oder bleiben ganz auf Strecke – und damit auch die bau- und klimapolitischen Ziele der Bundesregierung.

Bauen fast unerschwinglich: 80 Prozent der Wohnungsunternehmen führen die Teuerung bei Baustoffen als Grund für Stornierungen an. Foto: Adobestock/Standret
Bauen fast unerschwinglich: 80 Prozent der Wohnungsunternehmen führen die Teuerung bei Baustoffen als Grund für Stornierungen an. Foto: Adobestock/Standret

Eine weitere Befragung des GdW Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft unter seinen Mitgliedunternehmen zeigt trübe Aussichten für den bezahlbaren und sozialen Wohnungsbau sowie die klimagerechte Modernisierung für die Jahre 2023 und 2024. Danach werden rund ein Drittel der geplanten neuen Wohnungen in ganz Deutschland in diesem Zeitraum nicht gebaut; statt 61.000 Einheiten nur etwa 40.000 Wohnungen. Im sozialen Wohnungsbau seien die Aussichten ähnlich schlecht: Mehr als ein Fünftel der für 2023 und 2024 geplanten Sozialwohnungen werden die Wohnungsunternehmen nicht realisieren können. Statt 20.000 neuer Sozialwohnungen würden rund 4.200 weniger entstehen.

Energetische Ertüchtigung fällt zurück – Klimaziele in Gefahr

Eine ebenso dramatische Lage zeige sich bei den eigentlich geplanten Modernisierungsvorhaben: Rund ein Fünftel der vorgesehenen Maßnahmen werden die Unternehmen 2023 und 2024 nicht umsetzen können. Von den ursprünglich vorgesehenen rund 272.000 Wohneinheiten werden 53.000 weniger erneuert werden können. Von den verbleibenden etwa 219.000 Wohnungen werde wiederum bei einem Fünftel der Umfang der Modernisierung deutlich reduziert. Das betreffe insbesondere die energetische Modernisierung: Von den ursprünglich geplanten 200.000 Wohnungen werde in diesem und im kommenden Jahr ein Fünftel nicht energetisch modernisiert. 43.000 Wohnungen würden also wegen der schlechten Rahmenbedingungen nicht in einen klimagerechten Zustand gebracht werden können.

Zahl der Baugenehmigung geht 2022 deutlich zurück

Auch die aktuellen Zahlen des Statischen Bundesamtes zu den Baugenehmigungen spiegeln das beginnende Schrumpfen der Bauwirtschaft. Im November 2022 wurde in Deutschland der Bau von 24.304 Wohnungen genehmigt. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, waren das 16,3 Prozent Baugenehmigungen weniger als im November 2021. Von Januar bis November 2022 wurden damit insgesamt 321.757 Wohnungen genehmigt. Dies waren 5,7 Prozent oder 19.280 weniger als im Vorjahreszeitraum (Januar bis November 2021: 341.037). Während die Genehmigungszahlen für Einfamilienhäuser um 15,9 Prozent und bei Zweifamilienhäusern um 10,1 Prozent fielen, verzeichneten die Baugenehmigung für Mehrparteienhäuser ein kleines Plus von 1,2 Prozent.

Keine Energiewende bei privaten Kleinvermietern

Dass es angesichts der toxischen Mischung aus Teuerung, Zinsanstieg, Materialengpässen und Handwerkermangel zu einem Stillstand bei der Energiewende kommen könnte, zeigt auch eine Umfrage zum Investitionsverhalten von privaten Kleinvermietern. Beauftragt wurde die Umfrage von Real Pace, einem Risikokapital-Investor aus Köln, befragt wurden insgesamt 400 private Kleinvermieter. Real Pace verweist auf Marktdaten des Bundesverbandes der Deutschen Heizungsindustrie (BDH). Trotz der intensiven politischen Diskussion über die Klimaschädlichkeit fossiler Brennstoffe stieg der Verkauf von Ölbrennern in Deutschland von Januar bis Oktober 2022 um 18 Prozent auf 45.500 Geräte. >> Neue Förderrichtlinie verringert Attraktivität von Pelletheizungen

Nach Auffassung von Real Pace zeige diese Zahl, dass private Immobilieneigentümer zuerst auf die Wirtschaftlichkeit achten und Themen wie CO2-Neutralität und Nachhaltigkeit von untergeordneter Bedeutung seien. Auch die Politik wolle aktuell in erster Linie die Bürger finanziell entlasten und die Energieversorgung sicherstellen. Dafür werde in Kauf genommen, dass die CO2-Emissionen zumindest nicht sinken.

Die Befragung der privaten Vermieter offenbare eine Diskrepanz zwischen Wollen und Handeln. Einerseits bezeichneten 59 Prozent der Vermieter, die drei oder mehr Wohneinheiten vermieten, den nachhaltigen Gebäudebetrieb als relevantes Thema; die Themen „Digitale Verbrauchserfassung“ (45 %) und „Anpassung der Immobilien an den Klimawandel“ (42 %) wurden von ähnlich vielen Befragten genannt. Andererseits gaben nur 25 Prozent der Vermieter an, dass sie bereits handeln würden und einen nachhaltigen Gebäudebetrieb planen oder sogar schon durchführen. 11 Prozent hätten lediglich Informationen eingeholt, acht Prozent eine Photovoltaikanlage installiert und sieben Prozent hätten die Heizungsanlage modernisiert oder planen das derzeit.  

Haupthindernis sei in vielen Fällen die Finanzierung, die viele nicht stemmen könnten oder wollten, folgert man bei Real Pace daraus. Bei der Befragung gaben 37 Prozent der Vermieter an, dass ihnen das Geld fehle, um ihre Gebäude so zu sanieren, dass die Gebäude 2045 CO2-neutral sind.

Thomas Engelbrecht

Thomas Engelbrecht
Chefredakteur
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