Interview

„Uns fehlen Sozialarbeiter“

Im Gespräch mit der IVV zieht Julia von Lindern, Geschäftsführerin Bundesverband Housing First e.V., eine Zwischenbilanz der Integrationsarbeit und beschreibt den menschlichen Gewinn für Vermieter und ehemals wohnungslose Menschen.

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"Die Wohnstabilität liegt je nach Housing First-Angebot bei 80 bis 95 Prozent", sagt Julia von Lindern, Geschäftsführerin des Vereins Housing First e.V. Bild: Privat/Katharina Mayer
"Die Wohnstabilität liegt je nach Housing First-Angebot bei 80 bis 95 Prozent", sagt Julia von Lindern, Geschäftsführerin des Vereins Housing First e.V. Bild: Privat/Katharina Mayer

Wie vielen Menschen konnte bislang eine Mietwohnung vermittelt werden?

Unser Verband ist nicht unmittelbar im operativen Geschäft tätig, aber unsere Mitgliedsorganisationen verfügen selbstverständlich als Träger der Housing First-Angebote über ihre jeweiligen Statistiken vor Ort. Deutschlandweit konnten seit 2015 bereits über 500 zuvor obdachlose Menschen in eigene Wohnungen vermittelt werden, davon allein rund 80 in Düsseldorf (Projektstart 2015) und 150 in Berlin (Projektstart 2017). Grundsätzlich könnten deutlich mehr Menschen durch Housing First in eine eigene Wohnung vermittelt werden, wenn die Projekte nicht mehr als Modellvorhaben mit starrer Projektbudgetierung konfrontiert wären. Leider befinden sich viele Housing First-Angebote derzeit immer noch in einer „Testphase“, obwohl die Wirksamkeit des Housing First-Ansatzes vielfältig untersucht und belegt wurde. Durch diese „Testphase“ sind die Plätze für Programmteilnehmende gedeckelt, auch wenn eigentlich mehr Wohnungen akquiriert werden könnten. Eine unserer Hauptforderungen ist daher die Überführung der Projekte in eine Regelfinanzierung, damit mehr Menschen durch Housing First versorgt werden können.

Wie viele Institutionen der Wohnungslosenhilfe in Deutschland arbeiten nach dem Housing First-Konzept?

Aktuell gibt es etwa 40 Housing First-Angebote in Deutschland, davon sind drei Viertel aller Projekte mit uns im Bundesverband Housing First organisiert.

Wie überwinden die Initiativen Vorurteile und Misstrauen von Vermietern gegenüber Menschen in Krisen?

Es gibt unterschiedliche Wege, Vermieter: innen für Housing First zu gewinnen. Zu Beginn war es beispielsweise hilfreich, dass einige (private) Vermieter:innen den Mut hatten, die Idee von Housing First auch in Deutschland auszuprobieren. Die positiven Erfahrungen aus den USA und aus Finnland halfen bei der Überzeugung. Die positiven Erfahrungen mit den Housing First-Angeboten, die sie gemacht haben, führten dann dazu, dass weitere Vermieter:innen hinzukamen. Gleiches gilt für Wohnungsgenossenschaften oder -gesellschaften: Dank guter Kooperationen zwischen Wohnungswirtschaft und Housing First-Angebot werden die Kontingente sukzessive ausgebaut. Nicht zuletzt ist auch die Politik auf den Housing First-Ansatz aufmerksam geworden und trägt dazu bei, den Ansatz noch bekannter zu machen. Housing First ist für alle Beteiligten eine Win-win-Situation: Vermietende haben durch die Sozialarbeiter:innen von Housing First eine kontinuierliche Ansprechperson, die sich um sämtliche (mietrechtlichen) Belange zusammen mit den Mieter:innen kümmert. Sollte es mal zu Unregelmäßigkeiten beispielsweise bei der Mietzahlung oder zu anderen Schwierigkeiten kommen, sind sie da und arbeiten an Lösungen. Dabei ist wichtig zu wissen: So oft kommt es gar nicht zu Schwierigkeiten, wie man vielleicht zunächst vermuten mag. Die Wohnstabilität liegt je nach Housing First-Angebot bei 80 bis 95 Prozent. Diese Erfolgsquote spricht doch eine eindeutige Sprache. Und da es Win-win ist: Ein obdachloser Mensch kann dank der eigenen vier Wände einen Neuanfang wagen, auch das überzeugt Menschen bei der Auswahl der Mieter:innen.

Ist die Vermittlung angesichts der Wohnungsknappheit besonders schwierig?

Das ist eine Frage, die wir oftmals gestellt bekommen. Und absurderweise ist es nicht die größte Schwierigkeit, die länger bestehende Housing First-Angebote haben, da sie verlässliche und sehr gut funktionierende Kooperationen und Netzwerke aufgebaut haben. Die hohe Qualität und die Serviceausrichtung der Housing First-Angebote (in beide Richtungen!) zahlen sich aus. Wie bereits zu Beginn erwähnt, könnten auch noch mehr obdachlose Menschen durch Housing First versorgt werden, wenn die Sozialarbeiterstellen nicht so begrenzt wären. Wir wissen aus einigen Städten, dass sie mehr Wohnungen angeboten bekommen als sie Plätze im Housing First-Programm haben. Da läuft es gerade schief, und da arbeiten wir an den dringend notwendigen Korrekturen. Trotzdem fehlt natürich bezahlbarer Wohnraum, nicht nur für obdachlose Menschen. Housing First kann Obdachlosigkeit beenden, nicht aber die Wohnungsnot lösen.

Hinweis:Julia von Lindern hat die Fragen der Redaktion schriftlich beantwortet.

Hauptartikel au der IVV-Märzausgabe 2024: Mit Housing First raus aus der Obdachlosigkeit

Thomas Engelbrecht

Thomas Engelbrecht
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Artikel „Uns fehlen Sozialarbeiter“
Seite 28
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