Energieautarkie

Infrarotheizung als Hauptheizung in einem Mehrfamilienhaus?

Die Bauunternehmer Matthias und Thomas Schur wollen die aktuelle Bauflaute nicht einfach hinnehmen. Sie sind für 120 Mitarbeiter verantwortlich und haben in den 34 Jahren ihrer Bautätigkeit schon viele Veränderungen und Erfahrungen mit diversen Heizsystemen gesammelt. Durch die veränderten Rahmenbedingungen wie bessere Dämmstandards und mehr erneuerbare Energien im Stromnetz etablieren sich Infrarotheizungen seit ein paar Jahren immer stärker als Hauptheizung in Gebäuden.

In Niesky entsteht das erste hochgradig energieautarke Mehrfamilienhaus Sachsens. Dank des innovativen Energiekonzeptes mit viel Photovoltaik, Stromspeicher, Autarkieboiler und Infrarotheizungen werden die Mieter von einer Pauschalmiete inklusive Energieflat profitieren. BILD: Timo Leukefeld GmbH/ Anja Tittel
In Niesky entsteht das erste hochgradig energieautarke Mehrfamilienhaus Sachsens. Dank des innovativen Energiekonzeptes mit viel Photovoltaik, Stromspeicher, Autarkieboiler und Infrarotheizungen werden die Mieter von einer Pauschalmiete inklusive Energieflat profitieren. BILD: Timo Leukefeld GmbH/ Anja Tittel

In Niesky im Landkreis Görlitz bauen Matthias und Thomas Schur nun das sachsenweit erste Mehrfamilienhaus mit einem innovativen Energiekonzept: großee Photovoltaikanlagen, Stromspeicher, Autarkieboiler und Infrarotheizungen. Das alles soll zu einer Pauschalmiete mit Energieflatrate für die Mieter:innen zu haben sein. Das Konzept der energieautarken Mehrfamilinehäuser stammt von dem Energieexperten Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld aus Freiberg.

Im März 2025 soll das Gebäude mit 12 Wohnungen bezugsfertig sein

Das Familienunternehmen Schur startete im Jahr 1990, damals mit zwei Mitarbeitern.

Matthias Schur erzählt: „Erst war Erdgas das Tollste. Es war billig und die Anlagen einfach zu bauen. Dann wurde es verteufelt. Wir wollten mit der Zeit gehen und Fernwärme nutzen, aber da konnten wir nicht von günstigen Energiepreisen durch langfristige Lieferverträge profitieren, wie wir sie für Erdgas hatten. Dann kamen Wärmepumpen, die haben wir auch schon früh in einem Mehrfamilienhaus eingebaut. Aber nachdem wir vier Monate auf ein Ersatzteil warten mussten und dieses Gebäude im Betrieb das teuerste ist, ist es keine optimale Lösung für uns. Nun sind sie wieder Vorreiter und setzen bei ihrem Neubau auf Infrarotheizungen und ein komplett elektrisches Energieversorgungskonzept für Wärme, Strom und Mobilität. Kabel statt Rohre, lautet das Motto."

Komplett elektrisches Energieversorgungskonzept für Wärme, Strom und Mobilität

Elektrisch betriebene Infrarotheizungen sind schon seit rund 30 Jahren im Markt, vielen sind sie als Zusatzheizung in wenig genutzten Räumen bekannt. Durch die veränderten Rahmenbedingungen wie bessere Dämmstandards und mehr erneuerbare Energien im Stromnetz etablieren sie sich seit ein paar Jahren immer stärker als Hauptheizung in Gebäuden. Dies zeigt sich auch in dem zum 1. Januar dieses Jahres geänderten Gebäudeenergiegesetz (GEG), das umgangssprachlich als Heizungsgesetz bezeichnet wird. Darin sind Stromdirektheizungen, zu denen Infrarotheizungen zählen, eine technische Option, um mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien zu heizen. Dies fordert der Gesetzgeber im Sinne der Energiewende und des Klimaschutzes.

Energieexperten Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld, der seit 30 Jahren in der Energiebranche tätig ist, setzt seit etwa fünf Jahren auf hocheffiziente Infrarotheizungen und begründet dies wie folgt: „Infrarotheizgeräte sind in den Anschaffungs- und Folgekosten günstig, sie sind einfach und schnell zu installieren sowie wartungsfrei, was bei dem Handwerkermangel ein großer Vorteil ist. Es sind keine aufwändigen Leitungen nötig und sie halten drei Jahrzehnte.“

Nicht zu vergessen die angenehme Strahlungswärme, die an die Wärme von Kachelöfen erinnert, und die bei Bedarf innerhalb weniger Minuten zur Verfügung gestellt wird, ergänzt er. Auch die Luftqualität ist besser, da Infrarotheizungen keinen Staub aufwirbeln.  

Photovoltaikanlage mit 134 Kilowatt Leistung auf dem Dach

Leukefeld kombiniert sie mit großen Photovoltaikanlagen, einem Stromspeicher für die Zwischenspeicherung des Solarstroms, der gerade nicht im Haus verwendet werden kann, und Autarkie-Boilern für die dezentrale Warmwasserbereitung. So lassen sich Autarkiegrade in der Energieversorgung von 50 Prozent und deutlich darüber erreichen.

Generell ist Leukefeld davon überzeugt, dass das Thema Heizen an Bedeutung verlieren wird, da die Winter durch den Klimawandel milder und die Gebäudehüllen immer besser werden. Das Autarkie-Konzept überzeugte die Brüder Schur, zumal sie durch die Pauschalmiete, die sich so erreichen lässt, auch deutlich weniger Aufwand für die jährlichen Nebenkostenabrechnungen haben werden.

Auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage mit 134 Kilowatt Leistung geplant. Sie wird einen Großteil des Stroms für die Infrarotheizungen in allen Wohnungen, Warmwasserbereitung sowie den Haushalts- und Technikstrom erzeugen. In der Tiefgarage ist für jede Mietpartei eine Ladeeinrichtung für Elektrofahrzeuge vorgesehen, so dass, wer will, auch mit Solarstrom Auto fahren kann.  

Pauschalmiete mit Energieflat

Durch die große Menge an kostengünstigem Solarstrom und einen solaren Anteil von etwa 55 Prozent in der Energieversorgung reduzieren sich die Energiekosten und sie sind langfristig planbar. Der restliche Netzbezug für 12 Wohneinheiten wird bei nur etwa 41.000 Kilowattstunden liegen. Das wiederum macht die Pauschalmiete inklusive der Energiekosten möglich. Bauunternhmer Schur rechnet pro Wohnung mit 60 bis 70 Euro Restenergiekosten im Monat für Heizung, Warmwasser und Haushaltsstrom.

Große Nachfrage nach modernem, bezahlbarem Wohnraum

Noch kaum beworben, ist die Nachfrage jetzt schon hoch", erzählt Matthias Schur zufrieden.

Zum Beispiel von älteren Paaren, die vom eigenen Haus in eine komfortable kleinere Wohnung ziehen und planbare Kosten für die nächsten Jahre haben wollen. Oder auch von umweltbewussten jungen Familien, die in einer modernen Wohnung mit entsprechendem Energiekonzept leben wollen. Das bekommen sie in Niesky, denn durch den hohen Solaranteil und Ökostrom für den restlichen Strombedarf ist die Energieversorgung CO2-frei und damit ein Beitrag zum Klimaschutz.

Grundsteinlegung ist am 13. Juni 2024.  Die beiden Geschäftsführer sind jetzt schon sicher, dass es nicht das letzte Gebäude mit dem Energieautarkie-Konzept sein wird.

Quelle: Siegfried Schur Baubetrieb GmbH und Timo Leukefeld GmbH

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