Verbände machen Faktencheck

„Portalmieten sind keine Realmieten“

Ist die „Mietpreisexplosion“ ein falsches Bild der Wohnungsmarktdiskussion, das maßgeblich von den Internetportalen vermittelt wird? Die Branchenverbände IVD und BBU kritisieren genau das.

Viele relativ günstige Mietwohnungen erscheinen nicht auf den Immobilienportalen. Adobestock/Jürgen Fälchle
Viele relativ günstige Mietwohnungen erscheinen nicht auf den Immobilienportalen. Adobestock/Jürgen Fälchle

Die Branchenverbände BBU Verband Berlin-Brandenburgische Wohnungsunternehmen und IVD Nord setzen sich unabhängig voneinander für eine „Versachlichung“ der Diskussion über steigende Mieten ein. Eine Mietpreisexplosion gebe es nicht. Die Preisangaben in den Immobilienportalen trügen maßgeblich zu diesem falschen Bild bei.

Anika Schönfeldt-Schulz, Vorsitzende des IVD Nord: „Die Diskussion um die Steigerung Mietpreise muss versachlicht werden, um keine falschen Emotionen oder sogar Aggressionen zu schüren, die im schlimmsten Fall zu einer Spaltung in der Gesellschaft führen. Deswegen ist es wichtig, faktisch zu bleiben. So verzeichnen wir aktuell keine der viel zitierten Mietpreisexplosion in Hamburg, sondern sehen, dass in den letzten Jahren der Mietpreisanstieg nicht über der aktuellen Inflationsrate von 3,8 Prozent liegt.“

IVD Nord: Keine Mietpreisexplosion in Hamburg dank starker Neubautätigkeit

Nach Angaben des IVD Nord verzeichnen die Neuvertragsmieten bei Bestandswohnungen in Hamburg für das Jahr 2020 einen Anstieg zwischen ein und zwei Prozent, je nach Lage und Ausstattung der Wohnung. 2019 habe die Steigerung noch 1,5 bis 3 Prozent betragen, 2018 lag sie bei 1,5 bis 2 Prozent.

Diese Tendenzen zeige auch eine aktuelle Analyse des Immobilienverbandes Deutschland IVD. Dazu habe IVD-Research bundesweite Preisdaten und Daten aus 14 Großstädten des Statistischen Bundesamtes (Destatis), des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBSR), des unabhängigen Forschungsinstituts F+B sowie eigene Daten verglichen. Demnach steigen sowohl bundesweit als auch in Hamburg die Mieten seit 2018 deutlich langsamer als in den Jahren zuvor. Grund für die geminderte Dynamik des Mietpreisanstiegs sind die gestiegenen Baufertigstellungen. Diese lagen laut Statistischem Bundesamt in Hamburg 2020 bei 11.269, 2019 bei 9.805, 2018 bei 10.674 und 2017 bei 7.920 Wohnungen.

In der Mietpreisdiskussion sei es wichtig, `echte´ Daten als Grundlage zu betrachten und nicht Angebotsmieten aus Internetportalen. Diese verfälschten das Bild und zeigten nicht den echten Mietmarkt. Viele Wohnungen würden ohne ein Internetangebot an Nachmieter oder vorgemerkte Interessenten vermietet, berichtet die IVD Nord-Vorsitzende Schönfeldt-Schulz.

Für eine „längst überfällige Versachlichung der wohnungspolitischen Diskussion“ warb auch die BBU-Vorständin Maren Kern auf der Jahrespressekonferenz des Verbandes.

BBU: Günstige Mietwohnungen nur zu geringem Teil auf Portalen inseriert

Zur Versachlichung der Diskussion gehöre auch ein starkes Faktenfundament. Aus diesem Grund habe der BBU seine Berliner Unternehmen gefragt, wo sie ihre Wohnungsangebote annoncieren. Das klare Ergebnis: Von den rund 44.000 Wohnungen, für die bei ihnen 2020 neue Mietverträge abgeschlossen worden sind, wurden für weniger als 12.000 Wohnungen Anzeigen (rd. 28 %) in kommerziellen Online-Portalen geschaltet. Kern: „Gerade unsere Mitgliedsunternehmen bieten günstige Mieten auch beim Abschluss neuer Mietverträge.

Deshalb liegt auf der Hand: Je weniger sie im Vergleich zu anderen Anbietern in den kommerziellen Immobilien-Portalen schalten, desto stärker werden die Portalmieten nach oben verzerrt. Sie zeigen deshalb nur einen Ausschnitt der Realität, aber längst nicht das ganze Bild.“ Das Gros der Wohnungen werde auch weiterhin beispielsweise über Annoncen auf der eigenen Webseite, das Portal www.inberlinwohnen.de (von den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften), Wartelisten (bei Genossenschaften) oder Aushängen bzw. in Schaukästen in den Quartieren vergeben. (Red.)

auch interessant:
Biete groß, suche klein
Bewerbungsprozess zwischen Mieter und Vermieter
Wohnungswirtschaft dämpft Mietpreisentwicklung
„Portale verzerren Mietpreisstatistik“
Gestiegene Angebotsmieten in Großstädten
Welche Daten dürfen Vermieter vom Mieter erheben?

"Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) schreibt vor, dass bei der Erhebung von personenbezogenen Daten der Betroffene zu informieren ist. Unter anderem soll dem Betroffenen mitgeteilt werden, zu welchem Zweck die Daten verarbeitet werden, an wen die Daten weiter...
Printer Friendly, PDF & Email
23.10.2024
PwC-Studie „Transformation der Innenstädte“
In guten Lagen von A- und B-Städten lassen sich ehemalige Warenhäuser nach der Umnutzung profitabel bewirtschaften. Das liegt vor allem an den erzielbaren Mieten. Diese sind weitaus höher als in...
25.7.2024
Mietpreisentwicklung im ersten Halbjahr
Die Angebotsmieten auf den Immobilienportalen steigen in Stadt und Land auch im ersten Halbjahr 2024 deutlich. Das mag Investoren erfreuen, die sozial orientierte Wohnungswirtschaft hingegen warnt vor...
26.7.2024
Jahresbilanz des BBU für Berlin
In der Hauptstadt Berlin kann man nach wie vor günstig zur Miete wohnen – diesen Schluss zieht der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen aus dem Zensus 2022. BBU-Chefin Maren Kern nutze...
3.11.2025
Neben leeren Wohnungen werden auf Immobilienplattformen auch möblierte Wohnungen angeboten. Die Nachfrage steigt. Viele Vermieter wissen jedoch nicht, dass für diese Form des Wohnraums die...
26.3.2025
Neue Norm für Verkehrssicherheitsprüfung
Die deutsche Normengläubigkeit bekommt in der Bau- und Immobilienwirtschaft derzeit Risse. Das DIN-Institut sieht sich zu öffentlichen Erklärungen genötigt. Jetzt gibt es massive Kritik am „Gebäude...
23.4.2024
Bezahlbares Wohnen als Standortvorteil
Beim Frühjahrsempfang der Arbeitsgemeinschaft Dortmunder Wohnungsunternehmen (ADW) kamen über 120 Entscheidungsträger aus Politik, Energie- und Wohnungswirtschaft zusammen, um eine intensive...