Die Sanierungswelle ins Rollen bringen

In den nächsten zehn Jahren muss die Sanierungsrate im Gebäudebestand  mindestens verdoppelt werden, um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen. Die EU-Kommission hat für dieses Ziel die Strategie der Renovierungswelle entwickelt.

Mitte Oktober 2020 hat die Europäische Kommission ihre Strategie für eine Renovierungswelle zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden in Europa veröffentlicht. Die Sanierungswelle könnte jetzt ins Rollen kommen. BILD: M.EISINGER
Mitte Oktober 2020 hat die Europäische Kommission ihre Strategie für eine Renovierungswelle zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden in Europa veröffentlicht. Die Sanierungswelle könnte jetzt ins Rollen kommen. BILD: M.EISINGER

Kosten der Energieversorgung senken und die Energiearmut bekämpfen

Mitte Oktober 2020 hat die Europäische Kommission ihre Strategie für eine Renovierungswelle zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden in Europa veröffentlicht. Sie soll die Lebensqualität der Menschen verbessern, die Treibhausgasemissionen aus dem Gebäudebestand verringern und die Digitalisierung voranbringen.

Mit dieser Strategie möchte die Kommission den Gebäudesektor unterstützen, sein Ziel zu erreichen, bis 2030 die Emissionen um mindestens von 55 Prozent zu reduzieren. Dazu müssen Gebäude ihre Treibhausgasemissionen um 60 Prozent, ihren Energieverbrauch um 14 Prozent und den Heiz- und Kühlenergieverbrauch um 18 Prozent verringern.

Die Prioritäten der Maßnahmen liegen daher bei Gebäuden mit der geringsten Energieeffizienz, mit dem Ziel, die Kosten der Energieversorgung zu senken und die Energiearmut zu bekämpfen. Um die Vorbildwirkung zu nutzen, sollen vorrangig auch öffentliche Gebäude saniert werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Dekarbonisierung der Wärme- und Kälteerzeugung.

Die 6 Säulen der Renovierungswelle

Die Strategie der EU beruht auf sechs Säulen:

  1. Strengere Vorschriften für die Energieeffizienz von Gebäuden: Dazu gehören höhere Mindestanforderungen für bestehende Gebäude, aktualisierte Vorschriften für Energieeffizienzausweise und eine Ausweitung der Anforderungen an Renovierungen im öffentlichen Sektor.
  2. Sicherstellung einer leicht zugänglichen und gezielten Finanzierung: Unter diesen Punkt fallen Anreize für private Finanzierungen. Die Taxonomie-Verordnung definiert, welche Maßnahmen als nachhaltig gelten.
  3. Ausbau der Kapazitäten für die Durchführung von Renovierungen: Um das Ziel der Renovierungen zu erreichen, sind die Unterstützung durch die beteiligten Behörden und eine Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen für Fachkräfte notwendig.
  4. Ausweitung eines Marktes für nachhaltige Bauprodukte und -leistungen: Die Rechtsvorschriften und Zielvorgaben über die Wiederverwendung bzw. -verwertung von Baustoffen und -produkten müssen überarbeitet werden, damit der Energiebedarf durch neue Baustoffe nicht wächst.
  5. Neues europäisches Bauhaus als interdisziplinäres Beratungsgremium:  Nachhaltigkeit soll mit Design in Einklang gebracht werden, dazu möchte die EU-Kommission eine neue Ästhetik fördern und Leistbarkeit mit künstlerischem Anspruch in einer nachhaltigen Zukunft verbinden.
  6. Entwicklung stadtteilbezogener Konzepte für lokale Gemeinschaften: Ein Pfeiler ist die lokale Energieversorgung mit intelligenten Lösungen auf der Basis von erneuerbaren Energien. Idealerweise bestehen sie aus einer ausgeglichenen Energiebilanz durch Sektorenkopplung und einer Einspeisung von Überschüssen in das Netz. Die Strategie umfasst auch eine für 100 Bezirke ausgelegte Initiative für bezahlbaren Wohnraum.

Erste Schritte der Renovierungswelle: Programm Fit for 55”

Mit dem Programm Fit for 55” hat die EU-Kommission einen ersten Schritt gemacht. Die Wärme- und Kälteerzeugung mit erneuerbaren Energien soll in der EU Erneuerbare-Energien-Richtlinie einen höheren Stellenwert erhalten. Für Gebäude plant die Kommission ein Mindestniveau für erneuerbare Energien einzuführen. In weiteren Schritten plant sie die stufenweise Einführung von Mindestvorgaben für die Energieeffizienz von Gebäuden. Hinzu kommt die Empfehlung, die Pflicht zur Vorlage von Energieausweisen zu verschärfen.

Ferner wird sie die Anforderungen für die Gebäuderenovierung auf alle Ebenen der öffentlichen Verwaltung ausweiten. 

Für die Erhöhung der Sanierungsrate in Deutschland brauchen Eigentümer finanzielle Anreize zur energetischen Sanierung. Gleichzeitig dürfen Sanierungen die Warmmiete nicht erhöhen und die Mieter nicht zusätzlich belasten.

Ein wichtiger Schritt ist die Vorbildrolle von öffentlichen Bauten mit der Sanierung von Schulen, Krankenhäusern und Verwaltungsgebäuden. Im vergangenen Jahr forderten 48 Verbände, mehr in die energetische Sanierung von Schulen, sowie in die Aus- und Weiterbildung von Baufachkräften zu investieren.

Mindeststandards dürfen Wohnen nicht verteuern

Die Wohnungswirtschaft betrachtet besonders die Mindeststandards für die Energieeffizienz von Gebäuden sehr kritisch. Sie sieht die Gefahr, dass bisher bezahlbare Wohnungen durch die Sanierungen für Mieter teurer und unbezahlbar werden. Eine Lösung können Förderangebote sein, die sich an der Höhe der erzielten Einsparungen orientieren.

Mehr erneuerbare Energien im Gebäudesektor

Eine Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien an der Energieversorgung von Gebäuden ist ein hilfreicher Weg zur Dekarbonisierung von Immobilien. Dieser darf aber nicht von der nationalen Gesetzgebung erschwert werden. Die Bundesregierung plant, bestehende Hindernisse abzubauen und den Ausbau der erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Insbesondere Mieterstrom muss vereinfacht sein, sodass Photovoltaikanlagen auf Wohngebäuden attraktiver werden.

Ein Ansatz für mehr erneuerbare Energien im Gebäudebereich bietet das Gebäudeenergiegesetz (GEG), das derzeit überarbeitet wird. Im GEG ist die Integration von Photovoltaikanlagen ergänzt worden, die sicher auch bei Sanierungen eine größere Rolle spielen können.

CO2-Preis im Wärmesektor muss eine Lenkungswirkung haben

Seit Jahresbeginn 2021 muss in Deutschland für fossile Energieträger in den Sektoren Wärme und Verkehr ein Aufschlag aufgrund der verursachten CO2-Emissionen gezahlt werden. Derzeit beträgt er 30 Euro je Tonne CO2 und steigt jedes Jahr an.

Diese Maßnahme kann sich zu einem wirkungsvollen Instrument entwickeln, wenn sie eine Lenkungswirkung hat und Anreize zur Sanierung bietet. Wenn Mieter die Heizung runterdrehen müssen, weil sie sonst die Kosten nicht mehr tragen können, ist das keine wirkliche Lenkungswirkung.

Die neue Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag vereinbart, eine Aufteilung der Kosten entsprechend der Energieeffizienz der Gebäude einzuführen, eine genaue Ausgestaltung ist aber noch unklar.

Gebäudesanierung muss ein fertiges Produkt werden

Die Sanierung von Gebäuden ist eine sehr komplexe und kleinteilige Angelegenheit. Es gibt kein fertiges Produkt, das bei Bedarf aus dem Regal genommen werden kann. Sanierungen sind individuell und daher sehr teuer. Hier ist es umso wichtiger, dass durch sie die Emissionen in der Realität und nicht nur auf dem Papier deutlich reduziert werden.

Ein wichtiger Schritt, um die Komplexität und die Kosten zu reduzieren, ist die serielle Sanierung. In Deutschland hat sich unter Beteiligung der Wohnungs- und Bauwirtschaft sowie von Start-ups eine Initiative zur Entwicklung von seriellen Sanierungen gebildet. Diese bietet eine Austauschplattform für interessierte Unternehmen. Erste Pilotprojekte laufen bereits.

Transparenz schaffen und Ergebnisse dokumentieren

Die Reduzierung der Emissionen ist bei Sanierungen im Gebäudebestand der entscheidende Faktor. Bislang wird nicht geprüft, wie erfolgreich die durchgeführten Maßnahmen sind. Es existiert kein systematisches Monitoring der geförderten Sanierungen. Wir wissen damit nicht, ob und wie weit sie die Emissionen dieser Gebäude reduzieren. Eine Dokumentation der Ergebnisse könnte die unterschiedlichen Auswirkungen einzelner Maßnahmen transparent darstellen.

Es kommt auf die Umsetzung an

Bei der groß angekündigten Renovierungswelle kommt es auf die Umsetzung an, sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene. Der Erfolg ist ein wichtiger Faktor für den Klimaschutz, denn der Gebäudebestand hat einen relevanten Einfluss auf und einen nennenswerten Anteil an Treibhausgasemissionen.

Dieser Artikel erschien zuerst im Blog energynet.de

Autor: Andreas Kühl

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